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Behandeln Fachärzte bald nur noch privat?

Ab Juli wird auch in Niesky und Rothenburg die elektronische Patientenakte eingeführt. Der Aufwand hierfür schreckt viele Mediziner ab.

Die Nieskyer Ärztin Sylvana Kretschmar hat viel Geld, Kraft und Zeit in die Digitalisierung ihrer Praxis gesteckt. Die Arbeit mit der neuen Technik sieht sie mit gemischten Gefühlen.
Die Nieskyer Ärztin Sylvana Kretschmar hat viel Geld, Kraft und Zeit in die Digitalisierung ihrer Praxis gesteckt. Die Arbeit mit der neuen Technik sieht sie mit gemischten Gefühlen. © André Schulze

Das Wartezimmer des Orthopäden ist gut gefüllt. Doch ob das auch im Oktober noch so sein wird? Dann will der Mediziner nur noch Privatpatienten behandeln. Als Reaktion auf die Einführung der sogenannten Telematikinfrastruktur (TI), die seit 2017 Schritt für Schritt in den Praxen der Kassenärzte Einzug hält.

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Seinen Namen nennen will der Facharzt nicht. Allerdings die Gründe, die ihn zum Ausstieg aus dem Versorgungssystem der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) bewegen. Schon in den vergangenen Jahren habe er immer wieder in die Digitalisierung investieren müssen, nun stehe die nächste Stufe an. Dies würde bedeuten, erneut Geld in die technische Ausstattung zu stecken, einen Dienstleister zu bezahlen und sich selbst fit zu machen im Umgang mit den elektronischen Akten. Er sei jetzt nicht mehr weit vom Ruhestand entfernt. "Da will ich meine Zeit lieber den Patienten zur Verfügung stellen." Die dann aber cash dafür bezahlen müssen.

Wer nicht mitmacht, dem wird das Honorar gekürzt

Die KV Sachsen bestätigt das, was der Mediziner aus dem Landkreis Görlitz sagt: Zum 1. Juli erfolge die verpflichtende Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA), erklärt Sprecherin Katharina Bachmann-Bux. Schon bis 30. Juni müssten die Ärzte die Komponenten für die Betriebsbereitschaft der ePA bestellt haben. "Die Installation muss dann innerhalb des dritten Quartals erfolgen und bis zum 30. September im Mitgliederportal der KVS angezeigt werden." Dass dies nicht nur eine nette Aufforderung ist, zeigen die Konsequenzen, die die Sprecherin für den Verweigerungsfall nennt: Wer sich bis Ende September noch nicht einsatzbereit gemeldet hat, dem wird - beginnend mit dem dritten Quartal - das Honorar um ein Prozent gekürzt. Solange, bis die Technik in der entsprechenden Praxis funktioniert.

Kassenärzte im ambulanten Bereich sind seit dem zweiten Quartal 2020 verpflichtend in die neue Digitalstruktur eingebunden. Zuerst wurde das Stammdatenmanagement für die Versicherten eingeführt. Daran schlossen sich das Notfalldatenmanagement und der elektronische Medikationsplan an. Anschließend gab es eine Umstellung in der elektronischen Kommunikation, sodass nun Arztbriefe innerhalb des neuen Systems verschickt werden können.

Dies wiederum, meint die Nieskyer Hausärztin Sylvana Kretschmar, funktioniere nur in der Theorie. "Welche Papier-Berge wir hier jede Woche schreddern müssen, ist nicht normal. Den e-Brief gibt es zwar, aber er wird viel zu selten genutzt." Sie selbst hat ihre Praxis im Laufe der Jahre immer wieder technisch aufgerüstet und auch die jetzt anstehende Erweiterung des Systems mitgemacht. "Wenn ich nicht meinen Mann und eine Software-Firma in der Hinterhand hätte, würde ich das gar nicht schaffen", gibt sie zu. Und räumt ein, auch über Alternativen nachgedacht zu haben. Denn: "Als angestellte Ärztin in einer Reha-Klinik oder einem MVZ hast du diese Probleme nicht."

Technische Verfügbarkeit hinkt hinterher

Die Berthelsdorfer Allgemeinmedizinerin Ute Taube, zugleich Vorsitzende der Kreisärztekammer Görlitz, findet die Einführung der elektronischen Patientenakte "sinnvoll und zielführend" - wenn sie denn funktioniert. Denn Probleme gebe es noch genug. "In manchen Fällen bekommt die Industrie die technische Ausstattung nicht zeitgerecht hin." Außerdem sei die Breitbandversorgung auf dem Lande nicht überall so, dass man damit arbeiten könne. "Die Bereitschaft unter den Kollegen ist sicherlich da, wenn sie den Nutzen des ganzen Aufwandes erkennen. Es bringt aber nichts, sie mit Honorarkürzungen zu bestrafen, wenn technische Unzulänglichkeiten verantwortlich für die Verzögerungen sind."

Im Medizinischen Versorgungszentrum am Martinshof in Rothenburg ist Anke Drese verantwortlich für die Einführung der Telematikinfrastruktur. Die Geschäftsführerin hält damit den hier praktizierenden Ärzten, die durchschnittlich 6.000 Patienten pro Quartal behandeln, den Rücken frei. Auch wenn der finanzielle und technische Aufwand nicht unerheblich ist, findet sie die neuen Möglichkeiten sehr zeitgemäß. "Als ich hier 2008 anfing, haben wir seitenweise Briefe, Formulare und andere Schriftstücke ausgedruckt und entweder verschickt oder hin- und hergefaxt. Vieles davon läuft inzwischen online."

Für das MVZ am Martinshof kommt die jetzt geforderte Investition überdies nicht plötzlich. "Seitdem es anfing, haben wir nach und nach aufgestockt. Und natürlich einen technischen Dienstleister eingeschaltet." Zahlen über dessen Kosten, die notwendige Soft- und Hardware nennt die Verwaltungschefin nicht. Die Konkurrenz unter den Anbietern sei hoch, begründet sie.

"Wenn die Sache richtig läuft, ist das für Ärzte und Patienten ein ordentlicher Fortschritt", ist Anke Drese überzeugt. Vor allem Notfallpatienten könnten profitieren, weil ihre Krankengeschichte dann sofort nachvollziehbar sei. Hans-Joachim Tauch vom Ärztenetz Ostsachsen sieht das ähnlich, wenngleich er von einer Herausforderung für die Ärzteschaft im Landkreis spricht. Kritisch merkt der Manager aus Niesky an: "Die Kollegen sind damit in der Regel technisch überfordert. Auch finanziell und zeitlich stellt dieses Gesetz eine enorme Belastung dar." Die Kosten für den nächsten Schritt schätzt er je niedergelassenen Arzt unterschiedlich ein, je nachdem wie die Digitalisierung in den Praxen bisher vorangekommen ist. "Das kann von 500 über 800 bis zu 1.500 Euro oder sogar darüber gehen. Und hängt auch davon ab, wie die Installation und Wartung organisiert wird."

Digitalisierung könnte Ärztesituation verschärfen

Die Gefahr, dass Ärzte den Aufwand nicht betreiben wollen und deshalb in den Privatbereich abwandern, hält Tauch für realistisch. Allerdings sei das eine sehr individuelle Entscheidung. "Vor allem ältere Kollegen dürften das erwägen. Manche werden sich fragen: Warum soll ich jetzt noch Bocksprünge machen? Die jüngeren Ärzte haben noch viel Berufsleben vor sich und kommen um die Digitalisierung sicherlich nicht herum." Weil aber der Altersdurchschnitt der Mediziner im Landkreis Görlitz eher hoch anzusiedeln ist, könnte es durchaus zu Engpässen kommen. Das schließt auch Ute Taube nicht aus. "Sollten Kollegen dem Kassensystem in Größenordnungen den Rücken kehren, dann könnte es mit der Patientenversorgung schwierig werden." Allerdings sei dies immer eine sehr individuelle Entscheidung. Und auch an den Willen der Menschen gebunden, für ihre Gesundheit selbst zu bezahlen.

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Die KVS hält sich in ihrer Bewertung der Lage eher bedeckt. "Jede neue gesetzliche Anforderung - nicht erst seit der Einführung der Telematikinfrastruktur - führt zu einer Aufwands- und Nutzenbewertung", sagt Katharina Bachmann-Bux. Ob und in welchem Maße der Landkreis dadurch Kassenärzte an den Privatbereich verlieren wird, ist deshalb aktuell nicht absehbar.

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