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Nieskys Tischlerdynastie endet - aber nicht die Tischlerei

Drei Generationen Siebenhaar fertigen seit 110 Jahren in Niesky Möbel an. Eine vierte gibt es nicht, aber eine gute Alternative.

Die Werkstatt der drei Tischlermeister in Niesky (v.l.n.r.): Helfried Siebenhaar, Rainer Neumann und Martin Schröter.
Die Werkstatt der drei Tischlermeister in Niesky (v.l.n.r.): Helfried Siebenhaar, Rainer Neumann und Martin Schröter. © André Schulze

Seit 110 Jahren ist in der Herbert-Balzer-Straße 1 in Niesky das Tischlerhandwerk zu Hause. Geführt wird es von der Familie Siebenhaar. Was mit Großvater Paul 1910 begann, setzt Enkel Helfried Siebenhaar in der Gegenwart fort. Der Nieskyer ist inzwischen 65 Jahre alt - und obwohl er noch eine Weile "wackeln" will, wie er sagt, steht doch die Frage im Raum: Wie geht es mit der Tischlerei weiter?   

Helfried Siebenhaar ist der letzte Tischlermeister in seiner Familie. Seine Tochter Salomé (33) und die beiden Söhne Clemens und Theodor (36 und 28) haben andere Berufe ergriffen und wohnen am Tegernsee, in Hamburg und Kodersdorf. Ihr Herz schlägt nicht für das Tischlerhandwerk.   

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Vom Lehrling zum Inhaber

Johannes Siebenhaar, der Vater, hatte 1973 sein 65. Lebensjahr erreicht. Vor ihm stand die gleiche Frage: Wie weiter mit der Tischlerei? Zu dieser Zeit lernte Sohn Helfried bereits bei ihm. "Schon als Lehrling stand für mich fest, dass ich Vaters Tischlerei fortführen werde", sagt der Sohn. Aber ohne Meisterabschluss war das nicht möglich. Also setzte sich Helfried Siebenhaar wieder auf die Schulbank und bestand 1978 seinen Meister. Sein Meisterstück, eine Schrankwand, steht noch heute in der Wohnung. Ein Jahr später übernahm der 24-Jährige den väterlichen Betrieb. 

Tischlerarbeiten waren zu DDR-Zeiten gefragt, aber auch Holz, Werkzeuge und Maschinen. Helfried Siebenhaar erinnert sich: "Die Bestellliste für Schlagbohrmaschinen bei der Einkaufs- und Liefergenossenschaft war zwei Din-A4-Seiten lang. Zudem war die Holzqualität so schlecht, dass beim Holzhandel 20 Quadratmeter Bretter durchsortiert wurden, um einen Quadratmeter Tischlerholz zu erhalten." Mit diesem Mangel hat aber schon Vater Johannes zu Leben gelernt. Was dagegen gut lief, war die Lehrlingsausbildung: "Wir haben aller zwei Jahre einen Gesellen solide ausgebildet." Das zog sich bis in die 1990er-Jahre fort.

Von der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit

Was die berufliche Entwicklung betrifft, unterscheidet sie sich heute nicht viel anders als vor 110 Jahren. Dass die Tischlerei Siebenhaar überhaupt existiert, hat die Familie ihrem arbeitslosen Großvater zu verdanken. Nach seiner Entlassung aus der Tischlerei Wendt entschloss sich der 32-jährige Familienvater für die Selbstständigkeit. "Er funktionierte zunächst die Küche im neu gebauten Haus vom Schwiegervater um, bevor eine Werkstatt neu gebaut wurde", erzählt sein Enkel. 

Mit ihm fing alles an. Tischler Paul Siebenhaar (rechts mit Frau und Kindern) kaufte das Grundstück von Theodor und Christiane Horring (links stehend) und baute darauf seine Tischlerei auf.
Mit ihm fing alles an. Tischler Paul Siebenhaar (rechts mit Frau und Kindern) kaufte das Grundstück von Theodor und Christiane Horring (links stehend) und baute darauf seine Tischlerei auf. © privat/Tischlerei Siebenhaar

In den 1930er-Jahren musste der Großvater Zugeständnisse an die Herrschenden machen. Um an Aufträge zu kommen, trat Paul Siebenhaar der NSDAP, der Partei der Nationalsozialisten, bei. Schließlich brauchte er Beschäftigung für seine fünf Gesellen und zwei Lehrlinge. Vorwiegend Möbel wurden in der Werkstatt hergestellt. Ausgeliefert wurden sie mit dem Leiterwagen, von Hand gezogen. Mitunter bis nach Görlitz. In den Kriegsjahren waren es Munitionskisten und Spinde für die Soldaten.

Werkzeuge im Garten vergraben

Vater Johannes wurde im letzten Kriegsjahr Tischlermeister. Doch bevor er damit tätig werden konnte, musste die Familie aus Niesky flüchten. Vor den Russen, die auf Niesky zumarschierten. Die Maschinen der Tischlerei wurden demontiert, Werkzeuge in Ölpapier eingewickelt und im Garten vergraben. Denn als die Familie zurückkehrte, war aus der Werkstatt ein Pferdestall geworden und ein Panzerschuss hatte den Holzspäneturm ausbrennen lassen. 

Gute Fürsprecher und Zeugen sorgten dafür, dass Paul Siebenhaar trotz seiner NSDAP-Mitgliedschaft nicht als Nazi eingestuft wurde und 1946 seine Gewerbegenehmigung bekam. Denn in Niesky waren viele Kriegsschäden zu reparieren. Tischler wurden gebraucht. In den 1960er-Jahren übernahm Sohn Johannes mit seinem Schwager Martin Seibt den Familienbetrieb.   

Mit Kredit und fast ohne Kunden

Helfried Siebenhaars große Herausforderung kam knapp 40 Jahre später: die Firma in die soziale Marktwirtschaft zu bringen. "Das passierte mit Kredit und fast ohne Kunden. Denen war jetzt ein Westauto wichtiger als Tischlermöbel", erinnert sich der Tischlermeister. Das hielt aber nur einige Monate an, dann waren die Tischler wieder gefragt. Zu den selbst gefertigten Möbeln kamen Küchen und Hausfenster dazu.

Aber dieser Aufschwung war endlich. Nach der Jahrtausendwende gingen die Aufträge zurück, weniger Arbeit erforderte weniger Beschäftigte. Die großen Möbelhäuser und die Küchenstudios mit ihren Billigangeboten sind zur ernsthaften Konkurrenz geworden. Das hatte betriebliche und familiäre Konsequenzen. "Ich fiel in ein tiefes Loch, meine Ehe zerbrach, ich war am Ende", schildert Helfried Siebenhaar diese düsteren Jahre. Wieder auf den Beinen stehend, machte er allein weiter - mit Möbeln nach Kundenwunsch.  

Zwei Tischler mieten sich ein

Allein in der großen Werkstatt wollte Siebenhaar nicht bleiben. Seine Kinder verfolgten andere berufliche Perspektiven, also blieb nur die Vermietung. Vor zehn Jahren klopfte Tischlermeister Rainer Neumann an die Tür. Seitdem stellt er unter dem Firmennamen "Wolkenschlaf" patentierte Bett-Lattenroste für Menschen mit Rückenschmerzen her. Dieses Jahr suchte Martin Schröter eine Tischlerei, um sein Meisterstück anfertigen zu können. Bevor es den Nieskyer für ein paar Jahre nach Bolivien verschlug, war er Tischler im Görlitzer Waggonbau. Zurück in Niesky machte er sich unter der Marke "Mond Luchs" in der Tischlerei Siebenhaar selbstständig. Helfried Siebenhaar ist froh und glücklich darüber. "Dass hier drei Tischlermeister arbeiten, gab es in der 110-jährigen Familientradition noch nicht."   

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