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Familientradition endet in ältester Nieskyer Tischlerei

Paul Siebenhaar gründete vor 111 Jahren eine Tischlerei. Er gehört zu den Nieskyer Persönlichkeiten, denen eine Ausstellung gewidmet ist. Sein Enkel ist der letzte Tischler in der Familie.

Helfried Siebenhaar führt die Familientischlerei in dritter Generation. Inzwischen ist der Betrieb 111 Jahre alt.
Helfried Siebenhaar führt die Familientischlerei in dritter Generation. Inzwischen ist der Betrieb 111 Jahre alt. © André Schulze

Autobauer Henry Ford, Motorrad-Hersteller Harley-Davidson und Werbezeichner Walt Disney gründeten ihr Unternehmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Garagen im fernen Amerika. Ähnliches passierte in der Kleinstadt Niesky 1910.

Tischler Paul Siebenhaar machte sich mit 32 Jahren selbstständig mit einer eigenen Tischlerei. Ihren Ursprung hatte sie zwar nicht in einer Garage, sondern in der Küche der Schwiegereltern in dem damals neu gebauten Wohnhaus.

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Autos der Marke Ford, Harley-Davidson-Motorräder und Trickfilme aus den Disney-Studios gibt es heute noch, ebenso die Tischlerei Siebenhaar in Niesky. Sie wird in dritter Generation von Helfried Siebenhaar geführt und konnte jetzt auf 111 Jahre zurückblicken. 1979 hatte der Enkel die Werkstatt von seinem Vater Johannes übernommen. Sein Vater hatte sie mit seinem Schwager Martin Seibt ab 1961 von Vorgänger Paul Siebenhaar weitergeführt.

Den Möbeln treu geblieben

Genau genommen sind Siebenhaars Möbeltischler. Großvater Paul fing damit an. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die "Goldenen Zwanziger". Dem Vergnügen wurde breiter Raum geschenkt. Dafür baute Paul Siebenhaar und seine Gesellen Musiktruhen und Bars, veredelt mit Kunstschnitzereien. Der Großvater hatte dafür einen gelernten Bildhauer eingestellt.

Das setzte sich in der zweiten Generation fort. Johannes Siebenhaars Gesellenstück war eine Standuhr. Zu Zeiten der DDR-Mangelwirtschaft sind vor allem Gebrauchsmöbel in den Häusern und Wohnungen gefragt gewesen. Rückblickend sagt Helfried Siebenhaar: "Arbeit war für uns immer da". Er führte die Tischlerei zu DDR-Zeiten mit zwei oder drei Gesellen plus Lehrling. Großvater hatte gut ein halbes Dutzend an Mitarbeitern an seiner Seite.

Tischlermeister Paul Siebenhaar ist der Gründer der gleichnamigen Familientischlerei. Bis zu seinem Tod 1960 arbeitete er in seinem Betrieb.
Tischlermeister Paul Siebenhaar ist der Gründer der gleichnamigen Familientischlerei. Bis zu seinem Tod 1960 arbeitete er in seinem Betrieb. © Archiv Museum Niesky

Drei Tischler, fünf Gesellschaftsformen

Der Großvater hat die Tischlerei durch zwei Weltkriege gebracht, Sohn Johannes übernahm die Tischlerei im Jahr des Mauerbaues und führte sie in DDR-Zeiten. Enkel Helfried musste den Familienbetrieb durch die Wendezeit und in die Marktwirtschaft bringen. "Es ist schon erstaunlich. Wir sind nur drei Generationen und haben fünf Gesellschaftsformen durchlebt. Vom Kaiserreich, über die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, den Sozialismus und jetzt den Kapitalismus. Machthaber kamen und gingen, nur die Tischlerei Siebenhaar ist geblieben", erzählt der Tischlermeister.

Heute zählt die Tischlerei Siebenhaar zu den ältesten in Niesky noch existierenden Handwerksbetrieben. Gründer Paul Siebenhaar (1878 bis 1960) bekam im Juli einen festen Platz in der Sonderausstellung "Töchter und Söhne von Niesky - Lebenswege aus dem 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart" im Nieskyer Raschkehaus, dem Museum.

Paul Siebenhaar ist eine von 37 Persönlichkeiten aus dem Nieskyer Stadtleben, die ihre Spuren hinterlassen haben und auch heute noch ein Begriff sind. Deshalb wählte der Arbeitskreis Geschichte Niesky diesen Tischlermeister mit aus. Helfried Siebenhaar ist stolz über die Ehre, die seinem Großvater damit gegeben ist. Schließlich hat er ihm und seinem Vater seinen Beruf zu verdanken. "Mein berufliches Leben war frühzeitig vorgezeichnet, ich sollte die Tischlerei in dritter Generation fortführen." Das tat Helfried Siebenhaar als 24-Jähriger. Mit 23 hatte er seinen Meisterabschluss in der Tasche.

Zwei Tischler zur Miete

Die Werkstatt der drei Tischlermeister (v. l.): Helfried Siebenhaar, Rainer Neumann (baut Lattenroste für Betten) und Martin Schröter (fertigt Möbel nach Maß).
Die Werkstatt der drei Tischlermeister (v. l.): Helfried Siebenhaar, Rainer Neumann (baut Lattenroste für Betten) und Martin Schröter (fertigt Möbel nach Maß). © André Schulze

Heute steht der 66-Jährige allein in der Werkstatt. Nach dem wirtschaftlichen Einbruch zur Jahrtausendwende, als plötzlich die Aufträge ausblieben und seine Kunden lieber ins Möbelhaus oder ins Küchenstudio fuhren, hat sich die Tischlerei nie wieder völlig erholt. Helfried Siebenhaar ist trotzdem seinem Beruf und dem Familienunternehmen treu geblieben. Er spezialisierte sich auf Küchen- und Badmöbel und deren Sonderanfertigungen. "Das macht mir Spaß, die Leute zu beraten und individuelle Lösungen anzubieten. Solange ich noch wackeln kann, sehe ich mich nicht als Rentner", erklärt der letzte Siebenhaar-Tischler. Seine Kinder haben sich für andere Berufe entschieden. Sie sehen in ihnen eine bessere Zukunft als in der Familientischlerei.

Wird er eines Tages in Rente gehen, dann stirbt zwar nicht die Tischlerei, aber der mit ihr verbundene Name Siebenhaar. Deshalb ist Helfried Siebenhaar froh und glücklich, dass er zwei Tischlermeister unter seinem Dach hat, die in der Herbert-Balzer-Straße 1 ihr eigenes Sortiment herstellen: Rainer Neumann fertigt unter dem Namen "Wolkenschlaf" Bett-Lattenroste für Menschen mit Rückenleiden. Martin Schröter, der erst nur eine Tischlerei für das Anfertigen seines Meisterstückes suchte, ist seit gut einem Jahr unter der Marke "Mond Luchs" mit Möbeln nach Maß bei Siebenhaars selbstständig tätig. Somit bleibt in Niesky zumindest ein traditioneller Standort des Tischlerhandwerkes erhalten.

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