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Warum Nieder Seifersdorfer Risse in Häusern beklagen

Wenn der Autobahntunnel gesperrt ist, rollt der Schwerlastverkehr durch den Ort. Die Einwohner fühlen sich gegenüber Kodersdorf benachteiligt. Denn dort wird eine Umgehungsstraße gebaut.

Veronika Spielmann hat den Umleitungsverkehr wegen des gesperrten A4-Tunnels vor ein paar Tagen erst wieder erlebt. Sie ist überzeugt, dass die Risse in ihrem Haus durch die jahrelangen Erschütterungen verursacht wurden.
Veronika Spielmann hat den Umleitungsverkehr wegen des gesperrten A4-Tunnels vor ein paar Tagen erst wieder erlebt. Sie ist überzeugt, dass die Risse in ihrem Haus durch die jahrelangen Erschütterungen verursacht wurden. © André Schulze

Veronika Spielmann hat die Nase voll. Schon seit Jahren muss die Nieder Seifersdorferin mit ansehen, wie der Verkehr sich durch den Ort ergießt, sobald der Tunnel "Königshainer Berge" auf der A 4 gesperrt ist. Die Umleitung Richtung Grenze verläuft dann durch die Gemeinde. Vor allem die tonnenschweren Laster machen den Einwohnern und ihren Anwesen zu schaffen. "Schauen Sie hier - dieser Riss! Das waren die Lkws", ist Veronika Spielmann überzeugt. Über all die Jahre sei er viel breiter geworden. Doch beweisen kann das die Nieder Seifersdorferin nicht. Sie will nun einen Gipsabdruck anbringen und damit feststellen, ob und wie stark die Hauswand weiterreißt.

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Dass ihr Zuhause in Mitleidenschaft gezogen wird, ist aber nur ein Problem, das sich ihrer Meinung nach durch den Schwerlastverkehr ergibt. "Wenn hier einer am anderen klebt, ist ja kein Rüberkommen", poltert sie. Ihre Tochter wohnt auf der anderen Straßenseite. Dorthin zu gelangen, sei während der Tunnelsperrungen viel zu gefährlich. In Zukunft wird die Verkehrsintensität jedoch eher noch zu- als abnehmen. Momentan wird das in das Gesteinsmassiv der Königshainer Berge getriebene Nadelöhr viermal jährlich mehrere Tage lang gewartet, was in der Regel mit Sperrungen verbunden ist. 2022 soll die auf drei Jahre angelegte Komplettsanierung des Tunnels beginnen. Auch wenn dann in einer Röhre gearbeitet wird und in der anderen der Verkehr gegenläufig fließt - ohne zeitweilige Umleitungen wird es wohl nicht gehen. Ganz zu schweigen davon, wenn es Unfälle geben sollte. Dann wäre die Strecke über Nieder Seifersdorf, Niesky und Kodersdorf sofort wieder erste Wahl.

Tagesmutti verzichtet auf Spaziergänge mit Kindern

Ines Schmid, die als Tagesmutti mehrere Kinder aus Nieder Seifersdorf betreut, nennt die Zustände "desaströs". Das hohe Verkehrsaufkommen stelle eine große Gefahr für die in ihrer Obhut befindlichen Kleinen dar. "Wenn es im Tunnel Bauarbeiten gibt, verzichte ich auf Spaziergänge, da diese dann viel zu gefährlich sind. Dadurch wird meine Arbeit massiv eingeschränkt." Die durch den Verkehr verursachte Lautstärke sei "schlichtweg inakzeptabel", fährt sie fort. "Ist der Tunnel auch nachts gesperrt, ist es kaum möglich ungestört zu schlafen. Daraus resultieren bei mir Übermüdung und Ratlosigkeit." Zudem werde ihr Grundstück von Fremden als Parkplatz oder Wendemöglichkeit missbraucht. "Das geht überhaupt nicht", stellt sie klar. Und weiter: "Ich frage mich, ob nicht eine Lösung wie die für Kodersdorf angekündigte Umgehungsstraße gefunden werden kann."

Tatsächlich verfolgen viele Nieder Seifersdorfer das Geschehen in dem anderen vom Umleitungsverkehr stark gebeutelten Ort. Seitdem sich andeutet, dass für rund 25 Millionen Euro aus dem gut gefüllten Kohlefonds für Strukturstärkungsprojekte eine neue Straße gebaut wird, die den Schwerlastverkehr aus Kodersdorf heraushalten soll, schauen manche neidisch auf die andere Seite der Königshainer Berge. Mit Neid habe das jedoch nichts zu tun, sagt Roselies Nitsche. Sie freue sich für die Einwohner dort. "Denn denen geht es ja genauso wie uns." Allerdings gebe es dort noch Möglichkeiten, auf andere Straßen auszuweichen. "Die haben wir nicht. Wenn wir los wollen, müssen wir uns zwischen die Lkws drängeln. Und das ist manchmal wirklich abenteuerlich."

Wird Nieder Seifersdorf benachteiligt?

Nieder Seifersdorf, findet die auch im Heimatverein engagierte Frau, "fällt total hinten runter, wenn es um die Entlastung der Menschen geht." Und sie erinnert sich an eine Veranstaltung in der Gaststätte "Zum Landwirt", bei der es um die Vorstellung der Tunnelsanierung ging. Kodersdorf sei dort ein Thema gewesen, Nieder Seifersdorf aber nicht. "Obwohl die Runde sogar in unserer Gemeinde stattfand", kritisiert sie.

Immer wenn der Autobahntunnel gesperrt ist, ergießt sich der Verkehr durch Nieder Seifersdorf. Die Einwohner haben das satt, zumal dem anderen dadurch gebeutelten Ort Kodersdorf in einigen Jahren der Bau einer Umgehungsstraße winkt.
Immer wenn der Autobahntunnel gesperrt ist, ergießt sich der Verkehr durch Nieder Seifersdorf. Die Einwohner haben das satt, zumal dem anderen dadurch gebeutelten Ort Kodersdorf in einigen Jahren der Bau einer Umgehungsstraße winkt. © André Schulze

Auch wenn Andreas Görnitz, der das Brauhaus betreibt und Geschäftsführer eines Herstellers für Fahrradzubehör in Nieder Seifersdorf ist, seine Firmen durch den starken Verkehr kaum beeinträchtigt sieht, hat er doch eine deutliche Meinung: "Die Politik hat hier versagt. Sie hätte schon lange mehr dafür tun können, dass der Warenverkehr endlich stärker auf die Schiene kommt. Dann würden wir uns über solche Probleme jetzt nicht unterhalten." So aber sei das hier die nördliche Tunnel-Ausweichstrecke. "Die Laster müssen wir wohl erdulden."

Bürgermeister sieht die Situation nicht so schlimm

Das sieht auch Waldhufens Bürgermeister Horst Brückner so, obwohl er weiß, dass er sich mit dieser Meinung keine Freunde macht. "Es gibt keine andere Lösung", stellt er klar. Die Situation sei nicht so extrem wie in Kodersdorf. "Wenn man es gewohnt ist, dass die Straße nicht so voll ist, dann wird eine plötzliche Zunahme zur Belastung", versucht er sich an einer Erklärung für die missliche Lage der Einwohner. Er selbst habe noch keine halbe Stunde warten müssen, um von einer Seite auf die andere Seite der Fahrbahn zu gelangen.

Natürlich, betont Brückner, sei die Gemeinde in ständigem Kontakt mit der Autobahn GmbH, die für die A 4 und die Sanierung des Tunnels zuständig ist. Aber eine weiträumigere Umleitung? "Die gab es schon mal über Weißenberg, Gebelzig und Diehsa. Da war die Aufregung in diesen Orten groß. Es betrifft immer jemanden. Auch die Markersdorfer sind nicht begeistert, wenn der Verkehr über die B 6 dort entlanggeleitet wird." Dann sagt der Bürgermeister etwas, was den geplagten Anwohnern gar nicht gefallen dürfte. "Nieder Seifersdorf und Jänkendorf haben über weite Strecken eine Dorfstraße - ein Stück weg von der S 122 - die genutzt werden kann." Eine Umgehungsstraße wie in Kodersdorf beantragen sei deshalb völlig außerhalb jeder Diskussion.

S 122 wurde schon als Umgehungsstraße erbaut

Horst Brückner liegt damit auf einer Linie mit der Sprecherin des Landesamtes für Straßenbau und Verkehr (Lasuv). Die vorhandene Straße - also die S 122 - sei vor rund 50 Jahren bereits als Umgehungsstraße gebaut worden, erklärt Rosalie Stephan. "Der eigentliche Ort hat Abstand zur S 122. Und daran befinden sich nur einzelne Bebauungen." Im Übrigen lägen der Behörde keine Beschwerden wegen Rissen und anderen Schäden an den Häusern vor. Betroffene könnten dies allerdings anzeigen. Sie befänden sich jedoch in der Beweislast "und müssen mit gutachterlicher Begleitung nachweisen, dass die Schäden im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Verkehr stehen." In solchen Fällen werde neben der Schadenersatzforderung auch die Beschränkung des Verkehrs - zum Beispiel mit entsprechender Beschilderung - geprüft.

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