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Trude gibt Missbrauchsopfern Halt und Stärke

In Niesky ist der Verein Trude ansässig. Er widmet sich Opfern sexualisierter Gewalt und hilft ihnen. Am Sonnabend informiert er über seine Arbeit.

Antje Schulz (links) und Diana Mehmel vertreten den Trude-Verein in ihrem Büro in der Lehrergasse 1. Sie bieten Prävention, Weiterbildung und Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in der Lausitz.
Antje Schulz (links) und Diana Mehmel vertreten den Trude-Verein in ihrem Büro in der Lehrergasse 1. Sie bieten Prävention, Weiterbildung und Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in der Lausitz. © André Schulze

Die Stadt Niesky hat seit über einem Jahr eine Beratungsstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt. Ein kleiner Verein hat sich dafür gegründet, um diese Beratung möglich zu machen. Ihren Sitz hat die Beratungsstelle an der Ecke Ödernitzer Straße/Lehrergasse, gleich neben der Sozialstation des DRK. Am Sonnabendnachmittag will sich der Verein vorstellen und öffnet die Tür seiner Beratungsstelle. Dass dieser Schritt notwendig war, bestätigen Diana Mehmel und Antje Schulz. Beide Diplompädagoginnen arbeiten von dem Nieskyer Büro aus. Ihre Idee ist es gewesen, den Verein "Trude" zu nennen.

Antje Schulz erklärt: "Der Name Trude bedeutet Kraft und Stärke. Beides brauchen die Opfer sexualisierter Gewalt, um das Erlebte zu verarbeiten. Zudem ist Trude ein leicht zu merkendes Wort." Beide Frauen hatten bereits in ihrer früheren Arbeit das Thema der sexuellen Gewalt auf dem Tisch, merkten dabei schnell, dass die Möglichkeiten, Opfern und Betroffenen zu helfen, im Landkreis Görlitz nicht ausreichend sind. Also ergriffen sie selbst die Initiative und gründeten den Verein Trude mit dem Ziel, sich gegen sexualisierte Gewalt in der Lausitz zu engagieren. Der Verein ist gegen sexualisierte Gewalt und für sexuelle Selbstbestimmung und zählt 18 Mitglieder.

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Bedarf ist höher als gedacht

Diana Mehmel sagt nach gut einem Jahr Vereinstätigkeit: "Der Bedarf an unseren Angeboten ist weitaus größer, als wir es zu Beginn angenommen hatten. Sexualisierte Gewalt ist auch im Landkreis Görlitz ein Thema und kann nicht wegdiskutiert werden." Diana Mehmel ist ausgebildete Diplomheilpädagogin, Systemische Familientherapeutin, Traumapädagogin und Traumafachberaterin. Sie kümmert sich vorwiegend um die Opfer sexueller Gewalt und Missbrauch. "Angefangen vom dreijährigen Kleinkind bis hin zum 59-jährigen Erwachsenen ist jedes Alter bei uns vertreten", berichtet die 44-Jährige.

"Wir hören Dinge, die man sich mit gesundem Menschenverstand nicht vorstellen kann", erzählt Diana Mehmel. Auf Beispiele verzichtet sie bewusst, weil es auch ihr nahe geht, wie Menschen mit Menschen umgehen. Das professionell zu verarbeiten und den Opfern eine Hilfe zu sein, das hat sie in den zahlreichen Aus- und Weiterbildungen für sich gelernt. "Die Leute erwarten von uns Hilfe und Beratung - und dass wir ihnen zuhören", so die Heilpädagogin. Deshalb ist der Verein nicht nur in der Fachberatung bei Verdacht oder bei bestätigter sexualisierter Gewalt tätig, sondern auch in der Prävention.

Aufklären in Kindereinrichtungen

Diesen Part übernimmt vorrangig Antje Schulz. Die Diplom-Sozialpädagogin ist zugleich auch Sexualpädagogin und Systemische Beraterin. Dieser Oberbegriff steht für verschiedene Beratungsformate, ganz gleich, ob individuell oder in Gruppe. Antje Schulz nennt die Themen, mit denen sie vor Ort ist: Prävention sexualisierter Gewalt, sexuelle Bildung, Fragen zur sexuellen Entwicklung und Schutzkonzepte für Einrichtungen. Oft ist sie damit in Kindereinrichtungen unterwegs.

"Der Umgang mit dem Thema Sexualität im Kindesalter wird in der Ausbildung der Erzieherinnen ausgeblendet", so die Erfahrung von Antje Schulz. Oft sind Erzieherinnen verunsichert, wenn beispielsweise die Kinder "Doktorspiele" machen oder Jungen und Mädchen gemeinsam in der Kuschelecke liegen, berichtet die 49-Jährige. Was ist da noch kindtypisches Spielen und was schon eine sexuelle Handlung? Der Grad ist schmal. Darüber aufzuklären, das ist die Aufgabe des Vereins. Dazu gehören ebenso Präventionsangebote gegen sexuellen Missbrauch und andere Gewaltformen. Diese sind auch für Schulen gedacht.

Seit der Verein seine Beratungsstelle in Niesky hat, sind 25 Kinder und Jugendliche wegen sexuellem Missbrauch von ihm schon beraten und therapiert worden. Antje Schulz und Diana Mehmel führen entsprechende Therapien für Minderjährige und auch Erwachsene durch. Der Bedarf dafür ist groß. "Freie Plätze haben wir wieder ab Februar kommenden Jahres", sagt Antje Schulz. Beide Fachberaterinnen stellen fest, dass die Zahl an sexuellen Übergriffen, Missbrauch und Vergewaltigungen in Zeiten der Pandemie gestiegen ist. Das spiegelt sich auch in der polizeilichen Kriminalstatistik wider. Hatte die Polizei im Landkreis Görlitz von 2017 bis 2019 jährlich 80 beziehungsweise 81 Fälle von sexuellem Missbrauch zu bearbeiten, stieg die Zahl im vergangenen Jahr auf 88.

Verein sucht Förderer

Angesichts dieser Zahlen sind sich Antje Schulz und Diana Mehmel sicher, zu zweit werden sie den Bedarf an Beratungen, Schulungen und Therapien langfristig nicht abdecken können. Zunächst soll eine Sekretärin für Präsenz im Beratungsbüro sorgen, da die beiden Pädagoginnen oft zu Außenterminen sind. Eine dritte Fachkraft wäre der zweite Wunsch der beiden Frauen, um die Angebote personell breiter und öfter präsentieren zu können. Aber dazu braucht es in erster Linie Geld.

Sowohl der Mitgliedsbeitrag der Vereinsmitglieder noch die Förderung durch die "Aktion Mensch" reichen vorn und hinten nicht. Eine wichtige Einnahmequelle sind die Schulungen in den Einrichtungen, die auf Honorarbasis erfolgen. Der Verein würde gern Fördergelder für seine Arbeit beantragen, aber bisher blieb ihm das sowohl auf Kreis- wie auch auf Landesebene verwehrt, berichtet Diana Mehmel. Um das Angebot zu halten und auszubauen, ist der gemeinnützige Verein auf Spenden angewiesen.

Kreisämter begleiten den Verein

Die Landkreisverwaltung verweist darauf, dass der Trude-Verein seit Bestehen durch verschiedene Ämter des Landkreises begleitet wird. Möglichkeiten und Voraussetzungen eines finanziellen Engagements des Landkreises unterliegen je nach Förderschwerpunkt unterschiedlichen Voraussetzungen, teilt eine Kreissprecherin mit. Die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe ist eine, jedoch nicht immer eine zwingende, Voraussetzung. Diese Anerkennung hat der Trude-Verein durch den Jugendring Oberlausitz. Demzufolge dürften die Fördermechanismen greifen, was bisher aber nicht der Fall ist. Nur wenn das Jugendamt die Fachkräfte des Vereins in die Betreuung und Begleitung Betroffener einbezieht, handelt es sich um Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB VIII) und werden vom Träger mit dem Jugendamt finanziell abgerechnet.

Das Problem der Finanzierung haben die Nieskyer nicht allein. In Deutschland gibt es rund 350 Fachberatungsstellen, die auf das Thema sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend spezialisiert sind. Bundesweit wurden 2017 rund 11.500 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern erfasst. Im vergangenen Jahr lag die Zahl bereits bei knapp 16.700 Fällen. Deshalb fordert die Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend (BKSF) eine gesetzliche Regelung zum Fortbestand dieser Fachberatungsstellen und feste Posten in den Landes- und Kommunalhaushalten. Das wünscht sich auch der Trude-Verein, um eine stabile Perspektive in Niesky zu haben.

Der Verein Trude lädt am Sonnabend von 14 bis 18 Uhr zu einem Tag der offenen Tür bei Kaffee und Kuchen, einem Flohmarktstand und Gesprächen in seine Beratungsstelle Lehrergasse 1 ein.

Kontakt zum Verein über Telefon 03588 2939433 oder auf der Internetseite.

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