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Nieskyer Waggonbauer im Warnstreik

Seit einem Jahr kämpfen Beschäftigte und Gewerkschaft um mehr Lohn. Und darum, dass das Werk endlich richtig läuft. Manches erinnert an die Zeit vor der Übernahme durch Tatravagonka.

Donnerstagnachmittag vor dem Nieskyer Waggonbau. Die IG Metall hat zum Warnstreik aufgerufen. Betriebsratschef Peter Jurke macht deutlich, dass es nicht nur um sechs Prozent Lohnsteigerung geht.
Donnerstagnachmittag vor dem Nieskyer Waggonbau. Die IG Metall hat zum Warnstreik aufgerufen. Betriebsratschef Peter Jurke macht deutlich, dass es nicht nur um sechs Prozent Lohnsteigerung geht. © André Schulze

Eileen Müller nimmt am Donnerstagnachmittag kein Blatt vor den Mund, als sie zu den rund 150 Beschäftigten der Früh- und Spätschicht des Nieskyer Waggonbaus spricht. "Euer Arbeitgeber hat den Schuss nicht gehört", ruft die Gewerkschaftssekretärin der IG Metall Ostsachsen den Mitarbeitern vor dem Eingang zum Betriebsgelände zu. Seit einem Jahr ringt die Verhandlungsführerin mit der Firmenleitung um eine Lohnsteigerung von sechs Prozent. Der slowakische Schienenfahrzeughersteller Tatravagonka, der die Firma Ende 2018 aus der Insolvenz herausgekauft und seit Anfang 2019 das Sagen hat, beharrt nach Gewerkschaftsangaben auf einer Nullrunde.

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Bernd Konietzka ist einer der Kollegen, die vor dem Werkstor stehen. Die Sonne blendet. Er zieht seine IG-Metall-Kappe ins Gesicht. "Ich bin jetzt seit 44 Jahren hier, habe von der Pike auf im Waggonbau gelernt. In den vergangenen Jahren mussten wir ja schon manche Kröte schlucken. Aber die Situation jetzt - so geht das nicht weiter", schimpft der 61-Jährige, der sein ganzes Berufsleben im größten Nieskyer Industriebetrieb zugebracht hat und bis zur Rente auch hier bleiben will. Sechs Prozent mehr Lohn sei das Mindeste, erklärt er - zwar ein bisschen aufgebracht, aber doch in sachlichem Ton. Und Weihnachts- sowie Urlaubsgeld. Das gibt es bisher noch. "Aber das soll wegfallen", befürchtet der Nieskyer.

Seit einem Jahr kämpfen Mitarbeiter und Gewerkschaft um eine angemessene Lohnsteigerung. Die wird von der Waggonbau-Spitze bisher verweigert.
Seit einem Jahr kämpfen Mitarbeiter und Gewerkschaft um eine angemessene Lohnsteigerung. Die wird von der Waggonbau-Spitze bisher verweigert. © André Schulze

Dann wird er deutlich, wo die Probleme seiner Meinung nach liegen: "Wir machen hier doch jede Menge Nacharbeit, richtig zügig produzieren können wir nicht." Und weil Konietzka in den vergangenen Jahren schon viel mitgemacht hat in dem Traditionsbetrieb, wirkt er nachdenklich. "Die aktuelle Lage ist nicht die beste. Sie erinnert mich an frühere Zeiten, als hier streckenweise gar nichts mehr ging."

Rico Witschas ist mit seinen 20 Lenzen gerade erst eingestiegen in das Unternehmen. Doch schon als Jungfacharbeiter bekommt er mit, wie es eigentlich nicht laufen sollte. "Kontinuierliche Arbeit wäre natürlich am besten. Aber das funktioniert momentan nicht", kritisiert er. Eigentlich sei er in der Teilefertigung beschäftigt, doch da gebe es momentan kaum etwas zu tun, "weil die Sachen anderswo produziert werden. Deshalb hat man mich ins Lager versetzt." Eigentlich, meint er, würde er schon gern im Waggonbau bleiben. Die momentane Situation aber gebe ihm zu denken. "Es muss was passieren, wir können uns nicht alles gefallen lassen", sagt er kämpferisch.

Laut Eileen Müller hat der Standort Niesky als Produktionsstätte für Güterwaggons nach wie vor viel Potenzial. Genutzt werde es vom Eigentümer Tatravagonka aber nur schlecht. Der sei der Meinung, die Produktivität hier sei mit 60 Prozent viel zu niedrig. "Das ist absoluter Quatsch", schimpft die Gewerkschaftssekretärin. Dass das Werk nicht optimal laufe, habe ganz andere Gründe.

Das bestätigt auch Betriebsratschef Peter Jurke. Er zählt die Versäumnisse des Managements auf: "Es fehlen klare, qualitativ gute Zulieferstrukturen." Es bringe eben nichts, Baugruppen billig in Osteuropa zu kaufen, die dann in Niesky nachgearbeitet werden müssten. Zugleich kritisiert Jurke die fehlende Strategie für den Waggonbau Niesky. "Anfangs wurde gesagt, die Schweißerstunde hier sei viel zu teuer. Inzwischen aber werden nur noch Schweißer gesucht - die das geradebiegen müssen, was anderswo verschludert wurde."

Immer wieder schallt es aus den Reihen der Waggonbau-Mitarbeiter: "20 Prozent". Die Gewerkschaft fordert derzeit sechs Prozent Lohnsteigerung.
Immer wieder schallt es aus den Reihen der Waggonbau-Mitarbeiter: "20 Prozent". Die Gewerkschaft fordert derzeit sechs Prozent Lohnsteigerung. © André Schulze

Mit an Bord im Reigen ihrer Unterstützer wissen die Nieskyer Waggonbauer die Betriebsräte von Alstom und Siemens aus Görlitz. René Straube, dessen Unternehmen sich vor nicht allzu langer Zeit in kanadischer und noch nicht in französischer Hand befand, kennt die Schwierigkeiten aus eigener Erfahrung. "Wir haben heute Morgen zusammengesessen und genau die gleichen Themen besprochen." Allerdings sei die Situation in Niesky noch mal "ein ganz anderes Level". Der Grund: Laut Eileen Müller sind die WBN-Beschäftigten bis zu 800 Euro vom Flächentarif entfernt. Der sehe für einen Facharbeiter dieser Branche einen Bruttolohn von etwa 2.800 Euro vor.

Siemens-Betriebsratschef Ronny Zieschank hält die geforderte Steigerung von sechs Prozent deshalb für mehr als angemessen. Währenddessen sind aus den Reihen der Waggonbauer immer wieder "20 Prozent" zu hören. Für Dana Dubil vom DGB Ostsachsen ist auch dies keinesfalls vermessen. Damit könne man die "Lohnmauer" zu Betrieben in westlichen Bundesländern einreißen, macht sie den Nieskyern Mut.

Eileen Müller hofft, dass der Warnstreik bei der Geschäftsführung und dem slowakischen Eigentümer seine Wirkung hinterlassen hat. "Wir werden abwarten bis nach der Sommerpause. Dann muss es mit zielführenden Gesprächen endlich weitergehen."

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