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Was bringt die Landarztquote für den Kreis Görlitz?

Hans-Joachim Tauch ist Geschäftsführer des Ärzte-Netzes Ostsachsen. Mehr Medizin-Studienplätze findet er wichtig. Doch auch die Kommunen können viel für einen Arzt tun.

Der Nieskyer Hans-Joachim Tauch engagiert sich im Ärzte-Netz Ostsachsen für mehr Ärzte auf dem Land.
Der Nieskyer Hans-Joachim Tauch engagiert sich im Ärzte-Netz Ostsachsen für mehr Ärzte auf dem Land. © André Schulze

Sachsen will 100 Medizinstudienplätze zusätzlich schaffen und eine Landarztquote einführen. Das beschloss die Landesregierung Ende Juni, als sie ein 20-Punkte-Programm zur medizinischen Versorgung in Sachsen verabschiedete. Jährlich sollen bis zu 50 Studienplätze mit der Bedingung vergeben werden, dass die Absolventen nach dem Studium mindestens zehn Jahre im ländlichen Raum als Allgemeinmediziner tätig sein werden.

Das Augenmerk liegt dabei auf Gebieten, die jetzt schon mit Ärzten unterversorgt sind oder wo diese Situation droht. Wie zum Beispiel im Landkreis Görlitz. Hier versucht das Ärzte-Netz Ostsachsen seit Jahren, die Aufmerksamkeit von Medizinstudenten zu gewinnen und so den Nachwuchs an die Neiße zu locken. Wie kommt bei dem Ärztenetzwerk die Idee der Landarztquote an? Die SZ fragte Geschäftsführer Hans-Joachim Tauch.

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Herr Tauch, wie unterversorgt mit Ärzten ist der Landkreis Görlitz wirklich?

Der Norden ist schlimmer betroffen als der Süden. Im ehemaligen NOL-Gebiet, also zwischen Bad Muskau und Görlitz, sind sechs Hausarztstellen derzeit unbesetzt. Der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen Sachsen hat beispielsweise für den Bereich Weißwasser eine Unterversorgung von Hausärzten im Mai festgestellt. Darüber hinaus gibt es zusätzlichen Versorgungsbedarf an Fachärzten. Das bezieht sich auf Augen-, HNO- und Nervenärzte, bei denen es ein Defizit im ehemaligen NOL gibt.

Mehr Studienplätze, Förderung für eigene Praxis

Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) sind elf Prozent der Hausärzte in Sachsen älter als 65 Jahre und 28 Prozent sind über 60 Jahre. Das heißt, in den nächsten Jahren werden über 1.000 Hausärzte in Rente gehen. Wie sollen ihre Lücken wieder gefüllt werden?

Das Land Sachsen hat das erkannt und darauf reagiert. Man darf dabei nicht vergessen, dass es elf Jahre dauert, bis sich ein Arzt niederlassen darf: Fünf Jahre Studium, ein Praxisjahr und fünf Jahre fachärztliche Weiterbildung. Das Land und die KVS haben zusätzliche Studienplätze geschaffen. Die Universität im ungarischen Pécs hat 40 Plätze für Allgemeinmediziner. Die Bewerbungen laufen über die KVS und es hängt die Verpflichtung daran, in den ländlichen Regionen tätig zu sein. Zudem wird ein Studiengang Medizin in Chemnitz über die TU Dresden mit ebenfalls 40 Plätzen angeboten. Als dritte sächsische Komponente kommt nun die Landarztquote mit 50 weiteren Studienplätzen dazu. Nicht zu vergessen die Förderung für eine Niederlassung in einem unterversorgten Gebiet. Dafür reicht die KVS 100.000 Euro aus.

Dazu kommen noch die Medizin-Studiengänge an Universitäten und Hochschulen außerhalb Sachsens. Gibt es denn viele Bewerber für ein medizinisches Studium?

Nach unserer Erfahrung ist die Zahl der Bewerber weitaus größer, als die Anzahl, die zum Studium zugelassen wird. Eine Ursache sehen wir im "Numerus clausus", also der Abiturnote. Für die Humanmedizin liegt sie in Sachsen bei 1,0, für die Zahnmedizin bei 1,1. Inzwischen ist man dabei, nicht mehr nur die Noten zu sehen, sondern auch die Kompetenz und Persönlichkeit des Bewerbers. Das erleichtert es manchem, an einen Studienplatz zu kommen.

Der Wunsch Arzt zu werden, kommt ja nicht erst mit dem Abitur, er reift in den jungen Menschen früher. Ist es da nicht wichtig, mit der medizinischen Berufsberatung bereits in der Schule zu beginnen?

Zunächst ist festzustellen, dass Studenten aus dem ländlichen Raum es dort eher wieder hinzieht als Städter. Zudem haben sie die größere Motivation zum Arztberuf. Natürlich müssen wir in der Schule anfangen für den Arztberuf, besonders als Landarzt, zu werben. Das Ärzte-Netz war bisher regelmäßig auf der Insider-Messe in Löbau vertreten, ebenso sind wir in dem Messekatalog aufgeführt. Wir vermitteln zwar keine Studienplätze, übernehmen aber Patenschaften für Studenten und Absolventen der Medizin.

Landarzt muss man aus Überzeugung sein

Ist es überhaupt attraktiv, Landarzt zu werden?

Ich bin überzeugt, das ist eine Frage der Persönlichkeit. Bin ich bereit, für die Menschen da zu sein, ihnen zu helfen, oder suche ich mehr nach alternativen Tätigkeiten in der Medizin wie Forschung oder Laborarbeit. Aber ich glaube auch, je mehr die Rahmenbedingungen wie Praxisräume und Wohnung meinen Bedürfnissen entsprechen, um so leichter fällt mir die Entscheidung, als Arzt auch aufs Land zu ziehen. Wir als Ärzte-Netz unterstützen die Ansiedlung junger Ärzte, aber auch die Kommunen können viel dazu beitragen, um Ärzte willkommen zu heißen. Nicht nur mit Praxis und Wohnung, sondern auch mit Kita-Plätzen, Schule und Freizeitmöglichkeiten.

Ärzte-Netz prüft Gemeindeschwester-Stelle

Bisher wird immer von einer wohnortnahen Arztbetreuung gesprochen. Wird das im digitalen Zeitalter noch Bestand haben?

Zunächst muss ich voranstellen, dass wir in Deutschland mit Ärzten verwöhnt sind, auch wenn das nicht jeder glauben mag. Einer Studie der Weltgesundheitsorganisation zufolge, liegt Deutschland mit an der Spitze, was die Arztdichte pro Einwohner betrifft. Dabei meine ich nur Europa. Um den hohen Versorgungsgrad zu halten, dürfen wir uns der digitalen Entwicklung nicht verschließen. Da sind andere Länder weiter. Die digitale Sprechstunde ist in Schweden Standard. Wir sind da erst am Anfang. Nicht jeder Hausbesuch ist mit dem persönlichen Erscheinen des Arztes notwendig. Per Videoschalte lässt sich vieles klären, was dem Arzt Fahrzeit erspart und er sich dafür anderen Patienten mehr widmen kann. Dafür machen wir uns als Ärzte-Netz stark und unterstützen die Ärzte dabei.

Sie wollen die Gemeindeschwester Agnes wieder haben?

Ich denke dabei nicht an Agnes Kraus auf der Schwalbe, sondern an ihre Kompetenz. Jetzt heißt es Nichtärztliche Praxisassistentin, kurz Näpa genannt. Ihre Aufgabe ist es, ähnlich der Gemeindeschwester, eigenständig Hausbesuche durchzuführen und damit den Allgemeinmediziner zu entlasten. Dieses Model hat Zukunft und hilft, die ärztliche Versorgung der Bevölkerung, besonders auf dem Land, zu verbessern. Wir prüfen gerade, ob wir als Ärzte-Netz eine Näpa anstellen können, um sie bei Bedarf den Hausärzten zur Verfügung zu stellen.

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