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Horkaer Familie wohnt in alter Fleischerei

Susann Werner und Stefan Lange bauen das Haus für ihre fünfköpfige Familie um. Mit wachem Blick für die Hinterlassenschaft der früheren Eigentümer.

In der Hand den Aufsteller der früheren Horkaer Fleischerei, an der Hauswand das Firmenlogo des einst hier verkaufenden Bäckers: Susann Werner und Stefan Lange wohnen in Horka in einem ungewöhnlichen Haus.
In der Hand den Aufsteller der früheren Horkaer Fleischerei, an der Hauswand das Firmenlogo des einst hier verkaufenden Bäckers: Susann Werner und Stefan Lange wohnen in Horka in einem ungewöhnlichen Haus. © André Schulze

Schweinefleisch - 0,89 D-Mark je 100 Gramm. Für die gleiche Menge Kamm vom Schwein werden 0,99 D-Mark fällig. Beim Kotelett sind's 1,19 D-Mark. Susann Werner (40) und Stefan Lange (36) können sich das Lachen kaum verkneifen. Solche Preise sind schon ewig her. Und ja, es stimmt: Das Paar wohnt mit seinen drei Kindern dort, wo einst ganz Horka seinen Fleisch- und Wurstbedarf deckte. Oder aber sich später Brot, Brötchen und Kuchen einpacken ließ. Denn das Haus in der Mitte des Ortes hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. "Wir wissen davon, aber einkaufen waren wir hier früher nie", schmunzeln die beiden.

Auf dem Weg zur Arbeit nicht aufgefallen

Mehrere Jahre haben die Görlitzerin und der Nieskyer in seiner Heimatstadt gewohnt. "Irgendwann haben wir angefangen, nach einem Haus zu suchen", erinnert er sich. Das sei vielleicht vier oder fünf Jahre her. "In Niesky war aber nichts passendes zu finden." Dann hätten sie sich verstärkt auch im Umland umgesehen. Und im Internet. "Anfang 2020 sind wir dann auf dieses Wohn- und Geschäftshaus in Horka gestoßen", erzählt der junge Mann, der in einer Firma am Rothenburger Flugplatz beschäftigt ist und dem das Objekt auf seinem täglichen Arbeitsweg natürlich nicht entgangen war. "Na klar, wenn du ständig da langfährst, schaust du dir die Gegend an. Aber direkt aufgefallen ist es mir nicht."

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Ein Blick in die einstige Kühlkammer der früheren Fleischerei. Hier hat Stefan Lange die Lebensmittelvorräte der Familie und natürlich auch ein paar Flaschen Wein untergebracht.
Ein Blick in die einstige Kühlkammer der früheren Fleischerei. Hier hat Stefan Lange die Lebensmittelvorräte der Familie und natürlich auch ein paar Flaschen Wein untergebracht. © André Schulze

Das änderte sich im April vergangenen Jahres, da hatte das Paar den ersten Besichtigungstermin. Er war begeistert, sie wie erschlagen. "Eine solche Weitläufigkeit kannten wir vorher nicht. Wir wollten Platz und im Garten nicht direkt neben dem Nachbarn sitzen. Eben so, wie wir es hier haben", so Susann Werner, die sich auch jetzt noch gar keine Mühe gibt, ihre Begeisterung zu verbergen. Längst hat sie gelernt, welche Vorzüge das neue Zuhause gegenüber ihrer alten Wohnung an der Muskauer Straße in Niesky hat. "Dort war der Lärm vom Stahlbau und der Straße doch immens. Hier ist zwar auch Verkehr, aber ab Nachmittag wird es weniger." An die Geräusche der nahen Güterzüge und das Gebimmel der heruntergehenden Bahnschranken könne man sich gewöhnen. Insgesamt falle der Vergleich jedenfalls positiv aus.

Renovierung wird überwiegend selbst gemacht

Seitdem das Paar Gebäude und Grundstück im Oktober 2020 übernommen hat, ist schon einiges passiert. Dass es so schnell ging, liegt an der guten Planung der beiden. "Wir haben uns schon vorher genau ausgemalt, wo was hinkommt, wie wir welche Räume nutzen", erklärt Stefan Lange. Er war jahrelang auf dem Bau und macht deshalb die meisten Renovierungsarbeiten selbst. Von Beginn an stand fest, dass im einstigen Verkaufsraum künftig Party gefeiert wird. Die Fliesen sind noch dran. Und auch sonst sieht es momentan eher wenig nach ausgelassener Stimmung aus. "Das hat keine Eile, anstoßen können wir hier auch noch später."

Der große Kachelofen aus alten Zeiten wird auch in Zukunft bleiben. Er sorgt für wohlige Wärme und vermittelt ein Gefühl vom Charme der Vergangenheit.
Der große Kachelofen aus alten Zeiten wird auch in Zukunft bleiben. Er sorgt für wohlige Wärme und vermittelt ein Gefühl vom Charme der Vergangenheit. © André Schulze

Viel dringender war die Umgestaltung des restlichen Hauses. In einem der Vorbereitungsräume im Erdgeschoss haben Susann Werner und Stefan Lange ihre Küche eingerichtet. Wo früher Fleisch geschnitten wurde, stehen jetzt Waschmaschine und Trockner. Die Kühlkammer erfüllt weitgehend auch jetzt noch ihren Zweck. Und in der ersten Etage haben Eltern und Kinder ihren Wohnbereich. Auch wenn nach und nach moderner Wohnkomfort einzieht - der Charme der Vergangenheit soll bleiben. So gibt es in der Wohnstube einen riesengroßen Kachelofen, im Treppenhaus eine geflieste Niesche. "Von der wissen wir zwar nicht, was sie bedeuten soll. Aber sie gefällt uns. Deshalb lassen wir sie."

Im eigenen Haus immer irgendwas zu tun

Dass noch viel zu machen ist, stört die Neu-Horkaer nicht. "Ein eigenes Haus ist anders als eine Wohnung - da hast du immer irgendwas zu tun", weiß Stefan Lange. Genauso sieht er das mit dem rund 2.000 Quadratmeter großen Außenareal. "Wenn du hinten mit Rasen mähen fertig bist, fängst du vorne wieder an." Über eines aber müssen die beiden ganz besonders schmunzeln: "Weil das Bäckerlogo noch an der Fassade hängt, fragen uns regelmäßig Leute, ob wir den Laden wieder aufmachen. Bis jetzt haben wir dankend abgelehnt." Das wird auch in Zukunft so bleiben, denn Brot- und Brötchen-, aber auch Wurst- und Fleischverkauf waren früher. Nun wird das Gebäude immer mehr zum Zuhause der fünfköpfigen Familie.

In dieser Serie sind bereits erschienen:

Folge 1: "Wie es sich zwischen Baumhäusern wohnt"

Folge 2: "Dieser Biehainer wohnt in finnischer Kiefer"

Folge 3: "Wie ein Görlitzer unter uralten Gewölben wohnt"

Folge 4: "Ganz allein in einem Schloss"

Folge 5: "Alt und Jung wohnen im Ostsachsendruck"

Folge 6: "Zu Gast in Sachsens letzter Turmwindmühle"

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