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Nordische Musik auf sechzehn Saiten

Caterina Other aus Quohren schneiderte einst in der Semperoper Kostüme. Jetzt spielt sie die Nyckelharpa.

© Andreas Weihs

Von Thomas Morgenroth

Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Im grünen Herzen des waldreichen Landschaftsschutzgebietes Oberlausitzer Bergland sprudelt ein ganz besonderer Schatz: Oppacher Mineralwasser, das überall dort zu Hause ist, wo Menschen ihre Heimat genießen.

Berggießhübel. Klein und verloren steht eine Frau in roten Strümpfen und mit roter Mütze inmitten von verbrannten Trümmern in den rußgeschwärzten Arkaden des Dresdner Stallhofs. Sie dreht dem Betrachter den Rücken zu, ihre Tränen will sie nicht zeigen. Der Fotograf bedrängt sie nicht, und gerade, weil er auf jeden Voyeurismus verzichtet, gelingt ihm eine überzeugende und emotionale Aufnahme. Das Bild dokumentiert wie kaum ein anderes die Fassungslosigkeit der Menschen angesichts der Verwüstungen, die ein Feuer in den Morgenstunden des 17. Dezember 2007 auf dem Mittelaltermarkt angerichtet hat.

Die Tonhöhe der vier Melodiesaiten der Nyckelharpa wird auf Tastendruck verändert.
Die Tonhöhe der vier Melodiesaiten der Nyckelharpa wird auf Tastendruck verändert. © Andreas Weihs

„Das bin ich, und das war mein Verkaufsstand“, sagt Caterina Other und zeigt auf das schmale Foto, das den Aufmacher in der Sächsischen Zeitung am Tag nach der Katastrophe illustriert. Den Artikel hat sie aufgehoben und kramt ihn in ihrer Wohnung in Quohren gelegentlich hervor. „Damals habe ich selbstgenähte Klamotten verkauft“, erzählt sie. „Mützen, Jacken, Hosen, eben was gefragt war.“ Alles mit historischem Flair, für Kinder und Frauen genauso wie für Männer, die, sagt sie schmunzelnd, für den geringsten Umsatz sorgten, „aber am lautesten meckerten.“

Das muss sie sich nicht mehr anhören, jedenfalls nicht mehr als Verkäuferin. Ihren zerstörten Stand hat Caterina Other, die in der Semperoper zur Kostümschneiderin ausgebildet worden war, nie erneuert. Der verheerende Brand vor reichlich zehn Jahren markierte einen Wendepunkt in ihrem Leben. Bei aller Tragik des Ereignisses war es für die damals 36 Jahre alte Caterina Other so etwas wie eine Erleuchtung oder auch Befreiung. „Angesichts der Trümmer ist mir klar geworden, dass ich beruflich einen ganz anderen Weg gehen will“, erinnert sich die gebürtige Dresdnerin, „und zwar einen musikalischen.“

Als selbstständige Schneiderin, die sich keinen Laden leisten konnte, ist sie fünfzehn Jahre lang von Markt zu Markt gezogen, zuletzt mit ihren drei Kindern, wobei ihr das mittelalterliche Ambiente wie auf Schloss Weesenstein oder eben im Stallhof am meisten zusagte. Dort lernte sie auch jenes mysteriöse und sehr alte Streichinstrument lieben, das sie fortan spielen wollte: Die Nyckelharpa, eine Art Geige mit sechzehn Saiten, die vor allem in Schweden die Zeiten überdauerte.

In Deutschland ist die Nyckelharpa als Schlüsselfidel bekannt, obwohl sie keinen einzigen Schlüssel besitzt. Dafür jedoch, wie bei Caterina Other, 52 Tasten, mit denen die Tonhöhe der vier Melodiesaiten verändert wird. „Früher wurde begrifflich zwischen Schlüssel und Taste nicht unterschieden, daher der Name“, erklärt die Musikerin. Die Nyckelharpa ist eine Verwandte der Bratsche und wird mit einem kurzen Bogen gestrichen. Sie verfügt über zwölf zusätzliche Resonanzsaiten, die, wie bei einer Sitar, mitschwingen und für einen unverwechselbaren Klang sorgen.

„Das finde ich faszinierend“, sagt Caterina Other. Und begann im Januar 2008 eine dreijährige Ausbildung auf der Nyckelharpa an der Akademie Burg Fürsteneck in Hessen. Musikalisch war sie freilich nicht unbeleckt: Als Kind und Jugendliche lernte sie Violine spielen, zuletzt an der Spezialschule für Musik in Dresden, dem heutigen Landesgymnasium. Musik aber studierte sie dann trotzdem nicht: „Das war wie Leistungssport, das wollte ich nicht mehr.“

Dabei sind ihre Eltern Berufsmusiker, sie spielen beide Geige. Bis zu ihrer Pensionierung war der Vater bei der Staatskapelle Dresden und die Mutter im Orchester der Landesbühnen Sachsen, der heutigen Elbland Philharmonie. Aber ihrem Beispiel wollte Caterina Other nicht folgen. So kam es, dass der Vater in der Semperoper mit der Kapelle Sängerinnen und Sänger musikalisch begleitete, die in Kostümen auftraten, die seine Tochter geschneidert hatte. Heute steht Caterina Other selbst auf der Bühne, spielt die Nyckelharpa und singt. Wie bei Strömkarlen, einer Band, die sich nach einem schwedischen Wassergeist benannt hat. Mit diesem Ensemble pflegt sie alte nordische Musik, die melancholisch ist, mystisch und geheimnisvoll. Mit traditioneller schwedischer Musik befasste sie sich besonders intensiv und nahm extra dafür Unterricht. Außerdem besuchte sie Meisterklassen für alte Musik und für Improvisation. Inzwischen unterrichtet Caterina Other selbst, in Dresden hat sie zwei Nyckelharpa-Schüler.

Ihre erste Band, in der sie noch immer spielt, gründete Caterina Other vor fünf Jahren mit dem Quohrener Gitarristen Frieder Zimmermann und der jetzt in Nordschweden lebenden Sängerin Katharina Johansson. Sie widmet sich dem deutschen Volkslied und heißt Tworna. Das ist der slawische Name für Quohren, des kleinen Ortes, wo Caterina Other mit ihrer Familie und der ihres Bruders Stefan Other, der ebenfalls Musiker ist, seit einigen Jahren in der alten Tischlerei wohnt.

Etwas verrückt geht es zu, wenn Caterina Other mit ihrem Nyckelharpa-Quartett auftritt. Ihr Repertoire bezeichnet sie als „Crossover“, es changiert zwischen alter Musik und modernem Chanson. Das, gibt sie zu, sei schon etwas speziell und passe in keine Schublade, was die Suche nach einem Veranstalter schwierig gestalte. Auf Mittelaltermärkte jedenfalls passt das Quartett nicht, dort ist Caterina Other mittlerweile nur noch Gast, und das kann sie inzwischen auch genießen. Die Schneiderei hat sie deshalb nicht ganz aufgegeben. „Wenn einer etwas möchte, dann nähe ich“, sagt sie. Im Erdgeschoss hat sie eine kleine Werkstatt, gleich neben dem großen Gemeinschaftsraum, in dem Caterina Other auf ihrer Nyckelharpa übt.

Konzerte mit Strömkarlen am 13. und 14. April, jeweils 19 Uhr, im Besucherbergwerk Kurort Berggießhübel, und am 21. April, 19.30 Uhr, in der St. Pauli Ruine Dresden.

www.stroemkarlen.de