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Politik

Norditalien schöpft vorsichtig Hoffnung

In Italien gibt es den vierten Tag in Folge weniger Neuansteckungen. Warum immer noch so viele Menschen im Land am Virus sterben, darüber streiten Experten.

Ein medizinischer Mitarbeiter geht in Bergamo über die Straße.
Ein medizinischer Mitarbeiter geht in Bergamo über die Straße. © Claudio Furlan/LaPresse/dpa

Von Andrea Dernbach

Den vierten Tag in Folge weniger Ansteckungen: Was bisher zwar als Hoffnung galt, scheint sich nun zu einem Trend zu verstetigen: Es sei „interessant, dass in der Lombardei in den vergangenen Tagen mehr Corona-Abstriche gemacht wurden und zugleich weniger Positiv-Fälle gefunden wurden“, sagt Andrea Pugliese. Der Mathematik-Professor an der Uni von Trient hat sich ein Leben lang mit der Mathematik von Epidemien beschäftigt und entwickelt Modelle zur Analyse ihrer Ausbreitung.

Bei aller Vorsicht entstehe doch der „Eindruck, dass wir endlich Effekte der Maßnahmen sehen, die seit dem 5. März unternommen wurden“, sagte Pugliese dem Corriere della Sera. Im Blatt geht es auch noch einmal darum, warum Corona gerade in Italien so tödlich ist. Selbst die Spitzen der Wissenschaft hätten nicht die eine und wirklich gesicherte Antwort, alle vier oder fünf Erklärungen seien vorerst Hypothesen.

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Stirbt doch nur ein Prozent der Infizierten?

Die frühere Zählmethode – als Coronaopfer gelten Tote, die das Virus haben, nicht nur die, die es getötet hat – und das Alter der Bevölkerung gehören dazu. 23 Prozent der Italienerinnen und Italiener sind über 65 Jahre alt. Hinzu kommt die vermutlich viel höhere, aber unbekannte Durchseuchung, die die Totenzahlen im Verhältnis höher erscheinen lässt. 

Der Bürgermeister von Nembro, einer der am schlimmsten betroffenen Gemeinden in der Provinz Bergamo, und ein Gesundheitsmanager, beide studierte Physiker, haben das anhand der fassbareren Daten ihres Dorfs durch- und auf Italien hochgerechnet. Demnach könnten tatsächlich viermal so viele Menschen mit dem Coronavirus infiziert sein, als die offiziellen Zahlen ausweisen. 

Gleichzeitig zeige Nembro, dessen Einwohner wohl alle als Virusträger vermutet werden dürfen, dass sie tatsächlich nur bei einem Prozent zum Tode führt – ein deutlicher Unterschied zu der offiziellen Rate: Demnach sterben zehn Prozent der (bekannten) italienischen Infizierten an Covid-19. Im Rest der Welt sind es nur etwas mehr als vier Prozent.

Zwei medizinische Mitarbeiter in Schutzkleidung, die zu einer Spezialeinheit gehören, die Hausbesuche macht, gehen in Bergamo in Norditalien, eine Gasse entlang. 
Zwei medizinische Mitarbeiter in Schutzkleidung, die zu einer Spezialeinheit gehören, die Hausbesuche macht, gehen in Bergamo in Norditalien, eine Gasse entlang.  © Claudio Furlan/LaPresse/dpa

Hoffnung ja, aber noch kein Grund zum Aufatmen – das war auch die Linie der Zivilschutzbehörde am Mittwochabend. Man erlebe zwar gerade „offensichtlich eine Phase der Stabilisierung“, sagte deren Vizechef Agostino Miozzo während der täglichen abendlichen Verkündigung der Zahlen. Das heiße aber nur, dass die Maßnahmen zur Eindämmung weiterlaufen müssten, „andernfalls wird die Kurve wieder ansteigen. Und: Es gibt die Befürchtung, dass sie im Süden steiler werden könnte.

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Aktuell ist der Mezzogiorno relativ wenig betroffen. Während die Lombardei bisher fast 4500 Tote zu beklagen hat, sind es in Latium rings um Rom 95, in Kampanien, der Region Neapels, 95, auf Sizilien 25, in Apulien, dem Stiefelabsatz, 48 und an der Stiefelspitze in Kalabrien elf Coronatote.

"Schaut nicht nur auf den Norden!"

Aus Kampanien, wo die – offiziell registrierte – Infektionsrate zwischen Dienstag und Mittwoch auf 1.072 um fast neun Prozent kletterte, schrieb der Ministerpräsident einen Brandbrief nach Rom: „Auf die Zahlen im Norden zu schauen heißt komplett auszublenden, dass nicht nur die Krise nicht zu Ende ist, sondern auch, dass sie im Süden dramatisch explodieren könnte“, schrieb Vincenzo De Luca, der allerdings für seinen Hang zu starken Worten bekannt ist. Außerdem sei überhaupt noch nichts von dem angekommen, was Rom an Beatmungsgeräten, Mundschutzmasken oder Einweghandschuhen versprochen habe.

Italiens Politik versucht unterdessen weiter, die Krise mit Geld und den hoffentlich richtigen Taten einzudämmen: Am Mittwoch korrigierte die Regierung Conte die Liste der Unternehmen, die trotz Shutdowns noch arbeiten dürfen. Rom reagierte damit auf Streiks und Streikankündigungen von Belegschaften, die um ihre Gesundheit fürchteten.

Stillgelegt ist demnach jetzt der Maschinenbau für Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie, auch Elektroleitungen gelten nicht mehr als unverzichtbar und dürfen folglich nicht mehr hergestellt werden. Die Produktion der Papier- und Chemieindustrie wird ebenso eingeschränkt wie die Plastikproduktion; Callcenter sind nur noch für Branchen des Grundbedarfs erlaubt. Die Regierung hat außerdem erklärt, das Milliardenpaket gegen die Corona-Krise noch einmal um 25 Milliarden Euro aufzustocken.

Sachsen hat in den vergangenen Tagen mehrere Corona-Patienten aufgenommen. Mit Flugzeugen wurden sie nach Leipzig und Dresden gebracht.
Sachsen hat in den vergangenen Tagen mehrere Corona-Patienten aufgenommen. Mit Flugzeugen wurden sie nach Leipzig und Dresden gebracht. © dpa/Peter Endig

Auch der Vatikanstaat steht kurz vor dem Shutdown. Am Mittwoch drang durch die dicken Mauern nach draußen, dass ein 58-jähriger Monsignore aus dem Staatssekretariat, also der Regierung des Vatikanstaats, ins Krankenhaus musste. Er lebte wie der Papst selbst im Gästehaus Sankt Martha, das jetzt gründlich desinfiziert wird.

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