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Nordkoreas Geschäfte in Afrika

Viele afrikanische Staaten missachten die UN-Sanktionen gegen Pjöngjang – wegen der alten Zeiten.

© dpa

Von Johannes Dieterich, SZ-Korrespondent in Südafrika

Auf den ersten Blick sieht es wie ein Triumph der Weltmacht aus. Die US-Regierung hat von dem afrikanischen Schurkenstaat Sudan die Zusicherung erhalten, dass Khartum die UN-Sanktionen gegen Nordkorea in Zukunft einhält und keine Waffen mehr von dem asiatischen Schurkenstaat bezieht: Zum Dank dafür hob Washington Ende vergangener Woche seine seit zwei Jahrzehnten bestehenden Wirtschaftssanktionen gegen den Sudan auf. Um Pjöngjang und seinen „Raketen-Mann“ zu isolieren, ist die Supermacht offenbar zu weitgehenden Zugeständnissen bereit: Doch ob die Rechnung aufgeht und Nordkorea seinen Rückhalt in Afrika tatsächlich verliert, ist noch längst nicht ausgemacht. Denn genauso gut könnten die guten Beziehungen zwischen den „Bruderstaaten“ unter der Oberfläche fortgeführt werden.

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Wie das geht, wurde im vergangenen Jahr am Beispiel von Ägypten deutlich. US-Agenten hatten beobachtet, wie der unter kambodschanischer Flagge fahrende Frachter Jie Shun den Norden der koreanischen Halbinsel verließ und Kurs in Richtung Sueskanal nahm: Der benachrichtigte ägyptische Zoll nahm das Schiff genauer unter die Lupe und stellte unter dicken Planen und einer dünnen Schicht Eisenerz Hunderte verborgene Holzkisten fest – sie waren mit mehr als 30 000 Panzerabwehrraketen gefüllt. Nach wochenlangen Recherchen kam heraus, dass der Besteller der illegalen Fracht niemand anderes als die ägyptischen Streitkräfte selber waren: Sie wollten sich so billige Munition aus dem asiatischen Paria-Staat sichern. Der Vorfall ist nur ein Beispiel für die waffenstarrenden Beziehungen zwischen Nordkorea und Afrika: Unter anderem sollen auch Eritrea, Angola, die Demokratische Republik Kongo sowie Uganda Kriegsgerät aus Nordkorea beziehen oder bezogen haben.

Derzeit werden nicht weniger als elf afrikanische Staaten von den Vereinigten Nationen wegen möglicher Verstöße gegen die von dem Staatenbund bereits 2006 verhängten Sanktionen gegen Nordkorea unter die Lupe genommen. Die Regierung in Pjöngjang suche in „zunehmendem Ausmaß und mit immer raffinierteren Methoden“ den Boykott zu brechen, klagte eine Expertengruppe der UN jüngst.

Im Untergrund geht es weiter

Die Freundschaft zwischen Nordkorea und dem ehemals kolonialisierten Kontinent reicht weit zurück. Schon während des Kalten Krieges unterstützte Pjöngjang zahlreiche Befreiungsbewegungen vor allem im südlichen Afrika: Regierungen in Simbabwe, Angola, Namibia und Mosambik fühlen sich noch heute den asiatischen Brüdern verpflichtet. Wenn es darum ging, dem Kampf gegen die Kolonialherrscher ein Denkmal zu setzen, wurde stets die nordkoreanische Monumentenschmiede „Mansudae Overseas Projects“ bemüht: Ganz ähnliche Monumentalfiguren recken heute in Windhuk, Maputo oder Dakar ihre stolz geschwellten und in Bronze gegossenen Heldenbrüste.

Nicht weniger begehrt unter den neuen afrikanischen Machthabern waren nordkoreanische Offiziere als Militärausbilder. Simbabwes Präsident Robert Mugabe setzte sie Anfang der 1980er-Jahre zum Schliff seiner 5. Brigade ein, die schließlich auszog, um mehr als 20 000 Angehörige des simbabwischen Minderheitenvolks der Ndebele zu meucheln. Auch Uganda vertraute das Training seiner Truppen den nordkoreanischen Stechschritt-Soldaten an: Vor allem aber tritt der fernöstliche Freund als preiswerter Waffenlieferant in Erscheinung. Außer dem Sudan bezogen auch Eritrea, Angola, Mosambik, Tansania sowie der Kongo regelmäßig Kriegsgerät „Made in the Democratic People’s Republic of Korea“. Namibia ließ sich von den asiatischen Freunden sogar eine ganze Munitionsfabrik bauen: Insgesamt soll Windhuk in den vergangenen 15 Jahren Aufträge im Wert von 100 Millionen US-Dollar an nordkoreanische Firmen vergeben haben. Mit dem Vorwurf des Verstoßes gegen UN-Sanktionen konfrontiert, erklärte sich die namibische Regierung inzwischen zur Einhaltung des Wirtschaftsboykotts bereit. Man werde jedoch auch die „warmen Beziehungen“ zu Pjöngjang aufrechterhalten, versicherte Windhuk gleichzeitig.

Je mehr die offiziellen Deals behindert würden, desto mehr würden sie in den Untergrund verlegt, ist Julian Rademeyer überzeugt. Der südafrikanische Journalist weiß, wovon er redet: Er ist den Verwicklungen Pjöngjangs ins illegale Geschäftemachen, vor allem den Handel mit verbotenen Tierprodukten wie Elfenbein und dem Horn von Rhinozerossen, in den vergangenen Jahren intensiv nachgegangen. In seinem jetzt für die „Globale Initiative gegen transnationales organisiertes Verbrechen“ in Genf verfassten Bericht weist Rademeyer die Verwicklung zahlreicher Nordkoreaner in schmutzige Geschäfte nach, die in Afrika kaum geahndet würden.

Im Mittelpunkt der kriminellen Netzwerke stehen schlecht bezahlte nordkoreanische Diplomaten, von denen erwartet werde, dass sie für sich selbst und ihre devisenarme Heimat mit illegalen Geschäften sorgen. Sowohl in Simbabwe wie in Südafrika wurden mehrere Gesandte aus Pjöngjang verhaftet, die allerdings immer wieder freigelassen wurden – einer von ihnen, Han Tae-song, ist heute Chef der nordkoreanischen UN-Mission in Genf. In den vergangenen 30 Jahren wurde die Verwicklung nordkoreanischer Diplomaten in den Schmuggel von Elfenbein und Nashorn 18 Mal aktenkundig, so Rademeyer: Schätzungen zufolge soll Pjöngjang jährlich bis zu eine Milliarde Dollar aus illegalen Geschäften einnehmen. Mit welch kärglichem Budget Nordkoreas Gesandte auskommen müssen, macht eine Episode aus Sambia deutlich: Dort musste die Botschaftsbelegschaft angeln, um für den offiziellen Empfang zum nordkoreanischen Nationalfeiertag etwas zu Essen zu haben.