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Nostalgie für die Neustadt

© René Meinig

Das Nordbad wird 20. Dabei stand das kleinste Hallenbad der Stadt einst kurz vor dem Abriss.

Von Christoph Springer

Eigentlich stand das Ende schon fest. 1970 war der Abriss des Nordbads beschlossene Sache, es sollte an anderer Stelle neu gebaut werden. Vier Jahre später wurde die Schwimmhalle gesperrt, im Jahr darauf die Kurabteilung. Fortan diente das kleine Hallenbad in der Äußeren Neustadt als Baustofflieferant, erinnert sich Friederike Beier. Die Ärztin, die früher bei der Dresdner Aids-Beratung arbeitete, wohnte nebenan an der Böhmischen Straße. „Die DDR-Bürger haben doch alles gebraucht, die haben sich die Fliesen geholt und auch die Armaturen mitgenommen“, sagt die 73-Jährige.

1982 war das Nordbad geschlossen. Lüftungsteile standen in den Gängen, das Bad sollte eigentlich abgerissen werden. © René Meinig
Anfang der 90er war das Bad nur noch eine Ruine. © R. Meinig
Heute ist das kleine Hallenbad mit dem Sauna-Anbau ein schönes Beispiel für erfolgreichen Denkmalschutz. Und es ist beliebt. Etwa 80000 Bade- und Saunagäste kommen jedes Jahr. © René Meinig

Davon gab es viele in dem ehemaligen Hallen- und Wannenbad. Denn das 1894 als Germania-Bad gegründete Nordbad war mehr Hygieneanstalt als Hallenbad. Schon lange vor dem Krieg zählten die Verantwortlichen über 80 000 Gäste im Jahr. Eine Statistik aus dem Jahr 1924 belegt: damals kamen mehr Gäste in die Wannenbäder als in die Schwimmhalle. Fast 41400 Besucher nutzten eine der Wannen, rund 39 000 kamen zum Schwimmen und noch einmal fast 7 000 zu einem Wannenkurbad.

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Bad unbeschädigt, erst die DDR gab ihm den Rest. Nach der Wende waren es vor allem Neustädter, die sich dafür starkmachten, das geschlossene Bad wiederzubeleben. „Das wäre geradezu eine Schande gewesen, wenn dieses Kleinod zusammengekracht wäre“, erinnert sich Beier. Sie gehörte damals zur Interessengemeinschaft (IG) Äußere Neustadt, die sich für die behutsame Erneuerung des Viertels starkmachte. Die IG wird auch in einer Projektbeschreibung der Europäischen Kommission erwähnt.

Die „Bürgerinitiative gewährleistete, daß die Meinungen der einheimischen Bürger im Rahmen des Projekts berücksichtigt wurden“, steht es in dem zehnseitigen Dokument. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieser Schatz neben mir vergammelt“, erklärt die Ex-Neustädterin, die jetzt im Dresdner Umland wohnt, ihr Engagement für das kleine Schwimmbad. Und sie ist froh, dass sich die jahrelange Mühe gelohnt hat. Sie sagt: „Abgesehen davon, dass dort ein Stück Jugendstil erhalten wurde, bin ich stolz darauf, dass ich meine Kraft nicht umsonst investiert habe“, sagt Friederike Beier.

Heute gehört das Bad mit dem eigentlich viel zu kurzen Becken zur Dresdner Bäder GmbH und wird von der Firma Aquapark aus Münster betrieben. Es ist ähnlich beliebt wie bereits in den 1920er-Jahren, sagt Dörte Gregor, die Sprecherin der Dresdner Bäder. Etwa 80 000 Besucher zählt die GmbH jährlich. Davon gehen 30 000 in die Sauna und 50 000 kommen zum Schwimmen. „Die Besucherzahlen sind über die letzten zehn Jahre hinweg konstant“, so Gregor. Dabei erlauben die 16 Meter Beckenlänge noch nicht einmal, dass Kursangebote und der normale Schwimmbetrieb parallel stattfinden können.

Die Bäder-GmbH versteht das Nordbad als Stadtteilbad, das in erster Linie für die Anwohner da ist. Es sei „sehr beliebt und bietet den gewissen Erholungseffekt vom Alltag“, sagt Gregor. Dabei weiß sie, dass gerade die behutsame Sanierung vor mehr als 20 Jahren großen Anteil an diesem Erfolg hat. „Der individuelle Charakter des nostalgischen Bades tut sein Übriges“, sagt die Bädersprecherin. Friederike Beier bringt das kürzer auf den Punkt. „Wasser ist Leben“, erklärt sie die Bedeutung des Nordbads für die Äußere Neustadt. Das Bad sei ein Teil der Lebensqualität in der Neustadt. Nicht der wichtigste, das sind aus ihrer Sicht die Kinderspielplätze, für die sich die IG Äußere Neustadt damals auch stark gemacht hat. Aber mindestens so wichtig wie die Wohnprojekte des Viertels. Eines davon war lange ihr Zuhause. Durch ein kleines Tor auf der Gartenrückseite gelangt man von dort direkt zum Nordbad.

Der 20. Geburtstag des Nordbads wird mit einer Festwoche gefeiert. Sie beginnt heute, endet am 31. März und bietet unter anderem günstigere Eintrittspreise.
Alle Details unter im Internet.