merken

Notarztmangel in Großenhain

Hier sind im Landkreis Meißen die meisten Zwölfstundendienste unbesetzt. Einmal mehr fehlt das frühere Krankenhaus.

© Stephan Jansen/dpa

Von Jörg Richter

Großenhain. Bei Verkehrsunfällen, Bränden mit verletzten Personen oder akuten Erkrankungen sind meistens die Rettungssanitäter des Deutschen Roten Kreuzes mit als Erste vor Ort. Aber jeder Betroffene ist froh, wenn auch ein Notarzt mit von der Partie ist. Vor allem dann, wenn es um Leben oder Tod geht. In Großenhain und Umgebung wird das immer schwieriger. Hier gibt es eine hohe Ausfallrate an Notarztdiensten. Das geht aus Zahlen der sächsischen Staatsregierung hervor. Danach blieben im vergangenen Jahr am Großenhainer Notarztstandort 48 Zwölfstundendienste unbesetzt. So viel, wie sonst nirgends im Landkreis Meißen. Lediglich Nossen reicht mit 42 ausgefallenen Notarztdiensten an den Großenhainer Negativwert heran.

Anzeige
Stellvertretender Bereichsleiter (m/w/d)
Stellvertretender Bereichsleiter (m/w/d)

Die UKH Service GmbH sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt einen stellvertretenden Bereichsleiter (m/w/d) für das Uniklinikum Halle/ Saale.

Markus Cording, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Notärztliche Versorgung (Näv), relativiert diese Zahlen. Insgesamt waren im vergangenen Jahr am Standort Großenhain 730 Notarztdienste zu besetzen. „In 48 Fällen ist uns dies nicht gelungen. Ich meine, dies ist ein akzeptables Ergebnis, basierend auf der Freiwilligkeit der Notärzte“, sagt Cording. Die Ausfälle seien u. a. auch auf kurzfristige Krankmeldungen zurückzuführen. Die unbesetzten Dienste wurden durch umliegende Notarztstandorte wie z. B. Riesa kompensiert. Es habe keine Versorgungslücke für die Bevölkerung bestanden, so Cording.

Erste Hilfe dauert zu lange

Im Umkehrschluss bedeuten die 48 unbesetzten Zwölfstundendienste, dass an 24 Tagen des letzten Jahres Notärzte von außerhalb aushelfen mussten. Die längeren Anfahrtswege wirken sich auf die Einsatzzeiten aus. Sachsenweit werden die vorgegebenen zwölf Minuten, in denen die Erstversorgung geleistet werden soll, immer öfter verfehlt. 2017 hat im Freistaat jeder fünfte Rettungseinsatz bis zur Ersten Hilfe zu lange gedauert. Im Landkreis Meißen betraf es sogar jeden vierten Einsatz.

Cording bestätigt, dass vor allem dort, wo es keine Krankenhäuser mehr gibt, die Notarztversorgung komplizierter geworden ist. „Mit der Umwidmung des ehemaligen Krankenhauses Großenhain zu einer Rehabilitationseinrichtung wurde es immer schwieriger, Ärzte für den Notarztdienst am Standort Großenhain zu gewinnen“, sagt er. „Es ist immer von Vorteil, wenn Notärzte durch ein regionales Krankenhaus in der Nähe gestellt werden.“ Im Freistaat Sachsen würden die Notarztdienste zu mindestens 80 Prozent von klinikangestellten Ärzten geleistet. Jedoch erfolge die Notarztstandortplanung nicht in erster Linie im Bezug zu einem Krankenhausstandort. Cording: „Somit ist der Standort Großenhain kein Einzelbeispiel im Freistaat Sachsen.“

Doch zumindest für den Landkreis Meißen sind die Zahlen der sächsischen Staatsregierung bezeichnend. Denn an den Krankenhausstandorten in Meißen (3), Riesa (0) und Radebeul (0) gab es im letzten Jahr nur wenige bzw. gar keine unbesetzten Zwölfstundendienste. Cording lobt in diesem Zusammenhang das „überdurchschnittliches hohe persönliche Engagement regionaler Notärzte.“

Ärzte aus der Lausitz und Westfalen

Am Standort Großenhain wechseln sich aktuell 17 Notärzte ab. Die Meisten sind festangestellte Krankenhausärzte. Sieben arbeiten sonst am Elblandklinikum, einer in Elsterwerda, einer in der Asklepios-Klinik Hohwald (bei Neustadt/Sa.) und einer in Bischofswerda. Zudem unterstützt ein Chirurg, der in Riesa eine eigene Praxis hat, den Großenhainer Standort. Die restlichen sechs Notärzte arbeiten hauptberuflich weder in einem sächsischen Krankenhaus noch in einer eigenen Praxis. Sie sind freiberuflich tätig und bieten ihre Arbeitsleistung überall in Deutschland an. Darunter ist z. B. ein Mediziner aus Arnsberg (Nordrhein-Westfalen). Zum hiesigen Notärzte-Pool gehöre auch eine ehemalige Großenhainerin, die jetzt in der Schweiz lebt und sich bereit erklärt hat, bei Heimaturlauben als Notarzt auszuhelfen.

Dagegen gibt es in und um Großenhain keine Landärzte mehr, die sich für den zusätzlichen Notarztdienst zur Verfügung stellen. Dafür hat Cording durchaus Verständnis. „Die stetig wachsende Arbeitsverdichtung sowohl in den Kliniken als auch in den Vertragsarztpraxen führt dazu, dass Notärzte seltener zusätzliche Dienste freiwillig übernehmen als in der Vergangenheit“, sagt er. Dabei wird der freiwillige Notarztdienst in Sachsen gut bezahlt. Seit 1. Januar gelten neue Vergütungsregeln. Die Stundensätze wurden erhöht auf 25 Euro (Tagdienst) und 34 Euro (Nacht, Wochenende und Feiertag). Für jeden Einsatz gibt es 35 Euro obendrauf. Eigentlich könnte man sehr gut davon leben. Aber Notarztdienst bedeutet auch Stress pur. Und den tun sich immer weniger Ärzte zusätzlich an. Denn Geld ist nicht alles.