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Notfall Bergsteigermuseum

Hohnstein sagt dem tschechischen Turnov im letzten Moment ab. Bad Schandau schwingt sich zum Retter auf.

© Marko Förster

Von Gunnar Klehm und Steffen Neumann und Anja Weber

Es sollte das neue Vorzeigeprojekt werden, mit dem Sächsische und Böhmische Schweiz überregional für sich werben wollten. Erstmals soll ein modernes Bergsteigermuseum eingerichtet werden. Die Tourismus-Branche setzt große Hoffnungen in das Projekt. Doch statt ordentlich zu klotzen, wird in der Sächsischen Schweiz nur ein bisschen gekleckert. Die Stadt Hohnstein hat sich klammheimlich aus dem Projekt verabschiedet. Bad Schandau kratzt ein paar Tausend Euro zusammen, um noch zu retten, was zu retten ist. Damit steht fest, dass das tschechische Turnov der neue Anziehungspunkt wird.

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In Bad Schandau ist man darüber einigermaßen sauer. „Ich könnte mich heute noch schwarzärgern, dass wir damals das Projekt nicht fortgeführt haben“, sagt Stadtrat Rolf Böhm (CDU). Vor vier Jahren liebäugelte man damit, das ehemalige Gymnasium mit Millionen Euro Fördermitteln dafür herzurichten. Der kleine Partner wäre dann die in der Böhmischen Schweiz gelegene Stadt Turnov gewesen. Weil 2012 aber auch die Stadt Hohnstein unbedingt mit ihrer Burg dabei sein wollte, hatte Bad Schandau einen Rückzieher gemacht. „Des lieben Friedens willen“, erinnert sich Volker Zimmermann, der damals schon für die Wählervereinigung Tourismus im Bad Schandauer Stadtrat saß.

Vom Lehrmeister im Stich gelassen

„Wir schaffen es nicht, das Projekt in Hohnstein in Kürze umzusetzen“, erklärt Bürgermeister Daniel Brade (SPD) auf SZ-Anfrage. Seit 2013 seien schon keine personellen Ressourcen mehr für das Projekt vorhanden, der extra gegründete Verein Kletterkultur Hohnstein habe sich wieder zurückgezogen, und seit Oktober 2015 käme nun auch noch die Planung einer Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber und Flüchtlinge auf der Burg durch das Landratsamt hinzu. „Die unsichere Zukunft der Burg veranlasste uns dann, die Notbremse zu ziehen“, erklärt Brade.

Die Nachricht aus Hohnstein wirkte in Turnov wie ein Schock. Sollte es doch ein gemeinsames EU-Projekt werden. „Damit hatten wir auf einmal ein großes Problem, zwei Jahre Arbeit schienen umsonst“, sagt Vladimira Jakoubeova, Direktorin des Stadtmuseums Turnov, in dessen Räumen die Ausstellung nun entstehen soll.

Die ersten Ansätze für ein solches Museum sind indes schon viel älter. Bereits in den 1980er-Jahren begann der Wunsch zu reifen. Turnov liegt am Rande des Böhmischen Paradieses (Cesky raj), dem wichtigsten Klettergebiet Tschechiens neben den Adersbach-Teplitzer Felsen und der Böhmischen Schweiz. Und es waren Kletterer aus dem sächsischen Hohnstein, die vor über 100 Jahren im Böhmischen Paradies die Klettertradition begründeten.

Doch nun fühlte sich Turnov gerade von den früheren Lehrmeistern im Stich gelassen. Allein hätte die Stadt das Museum nicht realisieren können. Für die Ausstellung muss ein Teil des Stadtmuseums umgebaut und erweitert werden. Die Projektkosten auf tschechischer Seite belaufen sich auf umgerechnet rund 1,5 Millionen Euro. „Eigentlich war geplant, den Förderantrag schon im Herbst bei der Sächsischen Aufbaubank (SAB) einzureichen, aber Hohnstein hatte uns immer wieder vertröstet, bis die endgültige Absage kam“, sagt Jakoubeova. Bürgermeister Brade begründete es ihr gegenüber mit fehlenden Kapazitäten. Der Hohnsteiner Anteil an dem Projekt war aber deutlich kleiner als der Turnover. In Hohnstein waren keine baulichen Investitionen geplant.

Notnagel Bad Schandau

Im Moment der Hohnsteiner Absage zahlte sich für Turnov aus, am Anfang des Vorhabens parallel mit Bad Schandau verhandelt zu haben. Die Elbestadt reagierte zur Freude der Tschechen absolut flexibel und sagte zu, für Hohnstein einzuspringen. Es begann eine rege Reisetätigkeit. Allein im Dezember war Jakoubeova viermal in Bad Schandau. Der Aufwand hat sich gelohnt.

Noch im Dezember beschloss der Bad Schandauer Stadtrat per Tischvorlage mehrheitlich – bei zwei Gegenstimmen –, bis zu 10 000 Euro für einen Ableger des Museums zur Verfügung zu stellen. Im Heimatmuseum an der Badallee soll jetzt eine mobile Dauerausstellung eingerichtet werden. „Wir haben geeignete Exponate im Archiv, zu denen aber mal recherchiert werden müsste. Außerdem sind unsere Schautafeln zu 150 Jahre Erstbesteigung des Falkensteins eine gute Grundlage dafür“, sagt Gundula Strohbach, die Geschäftsführerin der Bad Schandauer Kur- und Tourismus GmbH. Die betreibt das Heimatmuseum.

Im Falle der Zusammenarbeit mit Turnov ist die tschechische Stadt der Partner, der die Antragstellung übernimmt. Anfang Februar soll der gemeinsame Antrag bei der SAB eingereicht werden. Die Bank verwaltet die EU-Fördermittel. Für Vladimira Jakoubeova war das ein Wechselbad der Gefühle. „Wir mussten das Projekt natürlich an den neuen Partner anpassen, aber den Großteil konnten wir übernehmen“, sagt die Turnover Museumschefin. Das betrifft neben dem Museumsbau zwei Wanderausstellungen, die auf jeder Seite vorbereitet werden. Außerdem ist ein Festival über Bergsteigerfilme geplant, begleitet von Gesprächsabenden mit sächsischen und tschechischen Bergsteigern. In Turnov entstehen wiederum eine Bibliothek mit Schwerpunkt Bergsteigen sowie Arbeitsplätze für die weitere Erforschung des Phänomens Klettern.

Nach dem schnellen Grundsatzbeschluss hat die Bad Schandauer Verwaltung noch einmal alle Kosten durchgerechnet und einen Finanzplan für den Eigenanteil an der dreijährigen Projektlaufzeit aufgestellt. Der detaillierte Plan steht auf der Tagesordnung der Stadtratssitzung am Mittwoch. Aus der Beschlussvorlage geht hervor, dass für das Projekt ausschließlich Einnahmen aus Kurtaxe und Fremdenverkehrsabgabe verwendet werden.

Turnov hat mit Hohnstein aber nicht gebrochen. „Die Stadt hat eine große Klettertradition. Dort gibt es auch viel Material zu den Anfängen des Kletterns bei uns. Gern wollen wir darauf zurückgreifen“, wünscht sich Vladimira Jakoubeova. Auch neue gemeinsame Projekte schließt sie nicht aus. „Wenn Hohnstein will.“

Stadtrat Bad Schandau, 27.1., 19 Uhr, Ratssaal