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Notlager Nummer zwei

Für 600 Flüchtlinge werden zwei Turnhallen der Technischen Universität vorbereitet. Im Zeltcamp an der Bremer Straße gibt es derweil erste Verbesserungen.

© Tobias Wolf

Von Tobias Wolf

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Noch parken nur ein paar Einsatzfahrzeuge von Technischem Hilfswerk (THW) und Deutschem Rotem Kreuz (DRK) auf dem Gelände der Universität. Einsatztrupps tragen Hunderte Feldbetten und Schlafsäcke in die Turnhallen an der Nöthnitzer Straße, in der sonst Studenten Sport treiben. Dicht an dicht müssen die Liegen aufgebaut werden, um insgesamt 600 Menschen unterbringen zu können. Ab Montag sollen die beiden Turnhallen auf dem Areal bezogen werden. Über das Wochenende wird das zweite Dresdner Notlager komplett aufgebaut. Das Szenario ist inzwischen eingespielt. Gerade einmal eine Woche ist es her, dass Dresdens erstes Notlager errichtet wurde - als Zeltcamp an der Bremer Straße. Doch nach dem Aufbau kamen die Probleme. Für die inzwischen rund 1 000 Bewohner gab es zu wenige Dixi-WCs, die auch noch kaum gereinigt wurden. Die noch an vielen Stellen mangelnde Hygiene im Lager kann unabsehbare gesundheitliche Folgen nach sich ziehen.

Spendenflut für die Kleinsten: Privatpersonen, Vereine und Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums haben für über 150Kinder im Zeltcamp gesammelt und Spielzeug gekauft. © Sven Ellger
Flüchtlinge spielen auf engstem Raum im Zeltcamp Bremer Straße Volleyball. Bis zum Wochenende soll das Camp mit 1100 Bewohnern ausgelastet sein. © momentphoto.de/bonss

Krätze und Hygieneprobleme

Laut der zuständigen Landesdirektion (LDS) gibt es in dem Friedrichstädter Zeltlager derzeit acht Patienten, die an Krätze erkrankt sind. „Für die Krätze-Fälle ist die Verbesserung der hygienischen Situation von Belang“, räumt LDS-Sprecherin Jana Klein ein. Deshalb seien gestern Container mit Duschen und Toiletten aufgestellt worden. Inzwischen würden diese auch in kürzeren Abständen gereinigt sowie Desinfektionsspender über das gesamte Camp verteilt. Zwei weitere Sanitärcontainer kommen später, weil der Markt dafür als leer gefegt gilt.

Außerdem gebe es drei Patienten mit dem Verdacht auf Tuberkulose. Diese seien in Krankenhäuser eingewiesen worden. Eine abschließende Diagnose steht noch aus, so die LDS-Sprecherin. Die Essensversorgung für die Flüchtlinge soll ebenfalls verbessert werden. Bislang mussten die Bewohner des Camps stundenlang für einfachstes Essen anstehen: Zwei Scheiben Toast mit etwas Belag früh und abends, ein kleines warmes Essen zum Mittag. Mengenmäßig sind diese Essensportionen vor allem für Schwangere im Lager zu wenig, sagt die Grünen-Landtagsabgeordnete Eva Jähnigen, die sich gestern mit anderen Parlamentariern ein Bild der Lage verschaffte. Sie kündigt regelmäßige Besuche an, um Verbesserungen im Lager zu prüfen.

Dabei gibt es Hilfsangebote, die die Versorgung der Asylbewerber schnell und kostengünstig verbessern würden. Unter anderem hat die Freitaler Tafel angeboten, in Kooperation mit ihrem Dresdner Pendant jeden Tag für die Flüchtlinge zu kochen. Bereits am Montag hatte Tafel-Chefin Karin Rauschenbach versucht, eine Ladung Obst zu spenden – war aber von den Verantwortlichen des DRK weggeschickt worden. Ihr zufolge hieß es, Obst sei für Flüchtlinge nicht eingeplant. „Es ist nicht so, dass es keine Hilfe gibt, sondern diese abgelehnt wird“, sagt sie. DRK-Sprecher Kai Kranich will das nicht bestätigen. Innenstaatssekretär Michael Wilhelm (CDU) hingegen begründet die Ablehnung von Angeboten nichtstaatlicher Organisationen mit den Ernährungsgewohnheiten der Flüchtlinge, die hiesige Kost nicht ohne Weiteres vertragen würden. Für Tafel-Chefin Rauschenbach ist das nicht zu verstehen. „Wir haben Essen angeboten, das den Bedürfnissen entspricht“, sagt sie. Rind- und Hühnerfleisch, Couscous und Reis. Obst und Gemüse sei bei der Tafel reichlich vorhanden, ebenso Milchprodukte wie Joghurt. Lediglich ein kleiner Zuschuss für die Fleischeinkäufe werde gebraucht, so Rauschenbach. Sie habe bereits einen 50-prozentigen Rabatt bei einem Großhändler vereinbart. Doch der Freistaat setzt lieber auf Catering.

Zeltcamp soll Containern weichen

Weil die Beschaffung von Hygiene- und Waschzeug über die Behörden zu lange dauert, ist nun die Drogeriekette DM eingesprungen und hat Waren im Wert von 3 000 Euro geliefert. Wirtschaftsstaatssekretär Stefan Brangs (SPD) brachte eine Ladung Spielzeug vorbei. Mitarbeiter des Ministeriums hatten dafür gesammelt. Auch der Konzern Toys’r’us unterstützt die Aktion. „Die Zustände im Lager sind unhaltbar“, sagt Brangs. Er sorgt sich mehr um die Wirkung auf ausländische Spitzenkräfte, die angesichts asylfeindlicher Demonstrationen künftig einen großen Bogen um Dresden machen könnten, obwohl sie dringend gebraucht werden. Um solchen Aufläufen vorzubeugen, ist um das Wohnheim in Freital bereits eine Bannmeile geschaffen worden. Die Stadt Dresden sieht hierfür keinen Anlass. Die Sicherheitsbewertung konkret angemeldeter Demos habe zu dem Versammlungsverbot in Freital geführt, so Rathaussprecherin Nora Jantzen. Diese Situation gebe es in Dresden gegenwärtig nicht. Die Situation in Freital sei nicht mit Dresden vergleichbar.

Derweil verteilt die rechtsextreme NPD asylkritische Flugblätter in der Friedrichstadt. Am Freitag letzter Woche war es bei einer NPD-Demo vor dem Camp zu Ausschreitungen gekommen. Die Partei behalte sich ausdrücklich weitere Aktionen vor, so der Kreisverband. Zum Buttersäureanschlag auf das Asylheim in der Podemusstraße vom vergangenen Sonnabend sucht das Operative Abwehrzentrum der Polizei unter 483 2233 nun Zeugen.

Staatsekretär Wilhelm zufolge sollen die Zelte in der Bremer Straße demnächst durch Containerbauten ersetzt werden. „Dieses Lager wird eine längerfristige Lösung, weil inzwischen alles erschlossen ist“, kündigt er mit Blick auf die weiter anhaltenden Flüchtlingsströme an.

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