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Sport

Abschied vom German Wunderkind

Dirk Nowitzki verlässt für immer das NBA-Parkett und freut sich auf sein neues Leben nach dem Basketball.

Dirk Nowitzki erlebt alles zum letzten Mal und hört andächtig dem Abspielen der Nationalhymne der USA zu. © dpa/Philipp Hülsmann

Chen Ying ringt um Aufmerksamkeit. Sie steht mit ihrem Freund Xu Wei in der zweiten Reihe des AT&T Center in San Antonio – direkt hinter dem Korb, auf den Dirk Nowitzki beim Warmmachen wirft. Die Chinesin schreit nicht. Dafür ist sie viel zu höflich. Ying hält ein Plakat mit beiden Händen über ihrem Kopf. Darauf steht in deutscher Sprache: „Lieber Dirk: vielen Dank, dass Sie von 13 bis 30 Jahre bei mir geblieben sind. Liebe aus China.“ Unten ist noch die Bitte zu lesen, die Nowitzki ihr und allen anderen Fans nicht mehr erfüllt. One more year.

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Am Abend zuvor hatte er im Rahmen einer emotionalen Feier in der heimischen Halle bekannt gegeben, seine Karriere zu beenden. Ying und Wei waren in der Arena. Sie flogen für Nowitzkis letzte NBA-Duelle extra aus ihrer Heimat nach Texas. „Ich habe den ganzen Abend geweint“, sagt Ying. Seit 17 Jahren ist sie sein Fan. Auch bei ihrem Idol liefen am Vorabend einige Tränen.

Seine Fans Chen Ying und Xu Wei danken per Plakat.  © Heiko Oldörp

Doch jetzt, 20 Stunden später, ist er wieder Profi. 90 Minuten vor Spielbeginn kommt er in die Halle, läuft sich warm und beginnt mit dem Dehnen – für ihn Routine seit 20 Jahren. Dennoch sind diese Abläufe in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in San Antonio etwas Besonderes. Dirk Werner Nowitzki bereitet sich letztmals auf eine NBA-Partie vor. Es sind nur noch wenige Stunden bis zur Basketball-Rente.

Als er sich einwirft, stehen viele Fans an der Seitenlinie, schauen zu, filmen, knipsen Fotos. Nowitzki wirkt nicht wie einer, der die beste Basketball-Liga der Welt bald nur noch als Zuschauer verfolgt. Seine Wurfbewegungen wirken rhythmisch und rund. Er trifft vier Würfe hintereinander – von links außen, dann etwas weiter in der Mitte, zentral und von rechts. Es sieht so leicht aus, wie er die orangefarbenen Bälle durch das weiße Netz wirft.

Bei der Präsentation der Starting Five der Dallas Mavericks kurz vor Spielbeginn ist es bei den ersten vier Namen ziemlich ruhig in der Halle. Doch dann wird es laut – euphorisch und emotional. Auf dem Videowürfel läuft ein Film mit den Höhepunkten der Karriere von Nowitzki – von den Schlachten, die er sich mit Spurs-Größen lieferte. Einige gingen als „Texas-Thriller“ in die NBA-Geschichte ein. Kein Dallas-Mavericks-Profi ärgerte San Antonio seit der Jahrtausendwende so sehr wie der Deutsche mit der Rückennummer 41. Doch der kann nicht zum Videowürfel hochschauen, so sehr kämpft er mit den Tränen. Dann holt Nowitzki einmal tief Luft und winkt dankend ins Publikum. Er bekommt stehende Ovationen – wie schon in so vielen anderen Hallen in dieser Saison.

Seine Ehefrau Jessica Olsson freut sich auf mehr Zeit mit ihm. © dpa/Philipp Hülsmann

Bei jedem seiner Würfe ist ein Raunen im Publikum hörbar, und es wird sofort lauter. Das liegt auch an den vielen Dallas-Mavericks-Fans, die selbstverständlich die 450 Kilometer auf dem Highway 35 von Dallas gen Süden gefahren sind. „Es hörte sich fast wie ein Heimspiel an“, sagt Nowitzki. Als er seine ersten Punkte erzielt, ist der Jubel in der Arena fast genauso groß wie bei den Zählern der Gastgeber, für die es noch um etwas geht. Mit einem Sieg würden sie in der Tabelle der Western Conference auf dem siebenten Platz bleiben und Meister Golden State Warriors in der ersten Play-off-Runde aus dem Weg gehen.

Entsprechend engagiert treten die Spurs-Profis auf. Sie verteidigen Nowitzki eng, geben ihm keinen Raum. Er muss sich jeden Wurf und Punkt hart erarbeiten. Mitunter stehen sogar zwei Verteidiger von San Antonio bei ihm, sobald er den Ball bekommt. Dallas-Mavericks-Besitzer Mark Cuban bezeichnet diese Doppel-Deckung als „großes Kompliment“ für Nowitzki. Der trifft 49 Sekunden vor Spielende mit einem Sprungwurf zum 92:105 (Endstand: 94:105). Es sind die Punkte Nummer 31.559 und 31.560 seiner langen Laufbahn, und es ist zugleich die letzte Aktion in der Karriere des Dirk Werner Nowitzki, der sich mit einem beachtlichen Double Double verabschiedet. 

Neben seinen 20 Zählern gelangen ihm auch noch zehn Rebounds. Es folgen Umarmungen und Emotionen. Spurs-Trainer Gregg Popovich, der Nowitzki ebenso schätzt wie der Deutsche ihn, lässt den scheidenden Allstar wissen, dass er immer für ihn da und telefonisch erreichbar sei. Von den Rängen hallt es „MVP“. Diese drei Buchstaben stehen für „wertvollsten Spieler“. Nowitzki gehörte das Gros seiner 21 NBA-Spielzeiten zum Besten, was die Liga zu bieten hat. Doch die 1.667 Duelle seit dem 5. Februar 1999 haben seinen Körper verschlissen. Sein 2018 operierter linker Knöchel plagt ihn immer noch. Wenn er läuft, sieht es unrund, beinahe schmerzhaft aus.

Nowitzki hat jetzt ausreichend Zeit, um alles auszukurieren. 21.19 Uhr Ortszeit klatscht er mit den Fans ab und verlässt unter tosendem Applaus die Halle. In der Kabine greift Nowitzki sich gleich ein Bier und streift das durchgeschwitzte blaue Trikot ein letztes Mal von seinem Körper. Andere Athleten heben das Outfit ihres finalen Karriereauftritts auf, rahmen es sich ein und hängen es daheim an die Wand. Er wirft alles einfach weg. Seine NBA-Karriere ist vorbei. Ein Ausnahmespieler geht. Viele unvergessliche Erinnerungen bleiben.