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Nüchterne Widerständler

Der Großenhainer Flugplatz prägt die Stadt seit 100 Jahren. Jetzt soll er weg – weil das Land eigene Pläne schmiedet.

Von Anna Hoben

Als der Flugplatz in Großenhain im Jahr 1914 als Fliegerhorst eröffnet wurde, erhoffte die Stadt sich davon ein größeres Ansehen und wirtschaftliche Vorteile. Heute erhofft sie sich dasselbe – davon, dass der Flugplatz weg kommt.

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Es hat stark gewindet in den letzten Tagen. Neben der Rollbahn ist ein Aufsteller umgekippt, der Rundflüge anpreist; Holger Faulhaber hebt ihn vom Boden auf. Wenn die Pläne des Freistaates Realität werden, ist es bald vorbei mit dem Traum vom Fliegen in Großenhain. Denn das Land Sachsen, dem die Fläche gehört, will den Flugplatz zu machen und das Gelände für die Industrie erschließen. Es soll einen Großinvestor in die Stadt locken. Von der Stelle neben der Rollbahn wird der Blick dann auf Werkshallen gehen – statt auf Wiese und Wald. Vielleicht, irgendwann.

Der Flugplatz ist ein merkwürdiger Ort, ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Shelter für Kampfflugzeuge, eine alte sowjetische MiG auf dem Rasen vor der Fliegerpension. Ein Schild wirbt für den „Mini-Panzer-Parcour mit Schießstand“ im Funpark, daneben die Kneipe Richthofen’s, die Holger Faulhaber betreibt. Bauernfrühstück für 6,90 Euro, Soljanka 4,90 Euro.

Faulhaber steht jetzt ein paar Meter weiter am Rand der Rollbahn, 49 Jahre alt, Informatiker, rundes Gesicht und flotte Denke. Nach der Insolvenz des früheren Betreibers, der Sachsenflug GmbH, führte er zwei Jahre lang die Geschäfte des Flugplatzes. Bis er Anfang 2013 entlassen wurde, weil er eine Petition zu dessen Erhalt in den Landtag eingebracht hatte. Zur Verstärkung hat er an diesem Tag den 20 Jahre älteren Frank Junge mitgebracht. Die beiden verbindet eine Leidenschaft: das Fliegen. Faulhaber hebt mit einem Gyrokopter ab, ähnlich einem Hubschrauber, Junge mit einem Ultraleichtflugzeug. Seit dem 14. Oktober 2013, an das Datum erinnern sie sich ganz genau, verbindet sie jedoch noch eine zweite Leidenschaft: das Kämpfen. Gegen einen Plan, der für sie keinen Sinn ergibt.

„VW kommt doch nicht hierher“

Am 14. Oktober 2013 beschließt der Stadtrat die Erschließung eines Industrieparks auf dem Gelände des Großenhainer Flugplatzes. Der Bürgermeister und die Mehrheit der Stadträte sehen das so: Es ist die größte historische Chance, die Großenhain seit der Wende hatte. Faulhaber und Junge sehen das so: Der Flugplatz ist das größte historische Ding, das Großenhain je hatte. Das gibt man doch nicht einfach auf. Großenhain ohne Flugplatz, das ist wie Dresden ohne Frauenkirche. Fliegerlegenden wie Manfred von Richthofen, der „Rote Baron“, sind auf dem ehemaligen Militärflugplatz ausgebildet worden.

Faulhaber, Junge und die anderen aus dem Fliegerverein gründen eine Bürgerinitiative. Sie wollen einen Kompromiss. Zumindest ein Stückchen vom Flugplatz erhalten. Am Rand des Rollfelds erfasst Holger Faulhaber mit einer Handbewegung den ganzen Flugplatz. „So ’ne große Werkshalle braucht keiner.“ Und Frank Junge sagt: „VW, Opel, Porsche – die kommen doch nicht hierher.“ Sie sind nicht dagegen, dass die Industrie in Großenhain neue Arbeitsplätze schafft. Natürlich nicht. Aber in anderen Städten, Hildesheim, Schwäbisch-Hall, gehe das gut nebeneinander, Industrie und Fliegen. 20 Hektar für den Flugplatz, von 230, das würde ihnen schon reichen. Aus ihrer Sicht die beste Lösung: wenig bürokratischer Aufwand, wenig Veränderung. Zur Not haben sie auch eine zweite Variante im Angebot: acht Hektar für den Flugplatz, der Rest für die Industrie.

Die Initiative stellt Fragen, die der eine realistisch findet, der andere resigniert und wenig zukunftsgewandt. Wo kommen die Kinder her, für die hier Arbeitsplätze geschaffen werden sollen? Warum soll es in Großenhain anders laufen als im 15 Kilometer entfernten Zeithain, wo 124 Hektar fertig erschlossen sind – doch es will einfach kein Investor kommen? Die Planer – Frank Junge sagt es mal so: „Die haben das studiert, die sind vielleicht schlauer als wir, aber ich bin skeptisch.“

Und was sollen die Betreiber des Fliegenden Museums machen, mit einer Halle voller Flugzeuge, die nicht mehr fliegen dürfen? Ein Anruf bei Brigitte Koch, die das Museum mit einer europaweit einzigartigen Sammlung historischer Flugzeuge leitet. „Wenn es keinen Kompromiss gibt, ist das für uns das Ende“, sagt Koch. Die Aussage der Stadt – das Museum bringe schließlich keine Gewerbeeinnahmen – hat sie schockiert. „Der Erhalt von Kulturgütern ist wohl nichts mehr wert?“

Der Chef des Sächsischen Immobilien- und Baumanagements drückte es noch im November so aus: „Die Fliegerei bringt uns nichts.“ Sowohl-als-auch sei unmöglich. „Aber wenn die Bürgerinitiative mit uns über das Projekt an sich sprechen möchte, dann sind wir gern bereit.“ Das klang damals natürlich ein bisschen so, als würde man einem Schüler sagen: „Streng Dich ruhig an, aber ich kann Dir jetzt schon sagen, dass Du durch die Prüfung fällst.“

Inzwischen allerdings sind die Fronten weniger verhärtet, ein Kompromiss scheint möglich. Es hat tatsächlich ein Gespräch gegeben zwischen Bürgerinitiative und Freistaat. Innerhalb von drei Monaten haben die Flugplatzbefürworter 4.500 Unterschriften gesammelt. Wenn es zu einem Bürgerentscheid kommt, sind 3.999 Stimmen nötig, um den Stadtratsbeschluss zu kippen. Jeder vierte Großenhainer Wähler müsste gegen die Pläne stimmen.

Die Bürgerinitiative hat einen Nerv getroffen, und Faulhaber hegt einen Verdacht: In Wirklichkeit wollen die Leute gar nicht unbedingt den Flugplatz retten – jedenfalls nicht nur. In Wirklichkeit gebe es in Großenhain eine allgemeine Verärgerung über die Politik. Und spätestens seit Stuttgart 21 hüten sich Politiker davor, die Macht der Wutbürger zu unterschätzen.

Regelmäßig beobachten die Hobbypiloten auf dem Flugplatz Rehe; Vögel gucken ihnen beim Start zu. Außerdem, so erzählt Frank Junge, sei da noch die weiß-grün gefleckte Wechselkröte. Angesichts des vergangenen Dresdner Brückenstreits um eine Fledermaus kann man schon mal fragen, ob die Kröte sich noch zur Großenhainer Hufeisennase entwickeln wird.