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Nünchritz ohne Priorität

Ein Dokument des Umweltministeriums sorgt für Verwirrung. Demnach ist der Hochwasserschutz für den Ort gar nicht mehr wichtig.

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© Matthias Seifert

Von Antje Steglich

Nünchritz. Priorität: niedrig. So heißt es in einem Dokument des sächsischen Umweltministeriums über die Hochwasserschutzmaßnahmen für Nünchritz, das jetzt für Unmut in dem flutgebeutelten Gebiet sorgt. „Wird Nünchritz wissentlich als Überflutungsfläche gebraucht und deshalb nie ein Hochwasserschutz kommen?“, fragt Mario Bergmann, dessen Haus in Nünchritz-West schon mehrfach im Elbehochwasser versank. Er gehört zu einer Gruppe von Anwohnern in dem noch recht jungen Wohngebiet, die für eine Absiedlung mit staatlicher Unterstützung oder für einen schnellen Flutschutz kämpfen. Letzteres hat mit dem Papier, in dem die baulichen Maßnahmen im Freistaat an Gewässern erster Ordnung aufgelistet sind, nun erneut einen Dämpfer erhalten.

Schon seit über zehn Jahren spricht die Landestalsperrenverwaltung Sachsen von dem Bau einer durchgängigen Hochwasserschutzlinie zwischen dem Klärwerk der Wacker Chemie AG und dem Floßkanal in Grödel. Auf den etwa zwei Kilometern entlang der Elbe sollen Deiche und Hochwasserschutzwände ertüchtigt, erhöht oder neu gebaut werden, um das Dorf gegen ein sogenanntes hundertjähriges Hochwasser schützen zu können. Sieben Millionen Euro waren einst dafür veranschlagt. Doch noch immer hängt das Projekt in der Planungsrunde fest. Momentan werden Hunderte von Einwendungen im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens geprüft. Wann gebaut wird, ist unklar. Unwichtig sei das Vorhaben trotzdem nicht, beschwichtigt der Sprecher des Umweltministeriums Frank Meyer.

„Der Eindruck entsteht, weil im Rahmen eines Dokuments mehrere Maßnahmen mit niedriger Priorität mit einer Maßnahme von hoher Priorität zusammengefasst werden mussten. Das ergibt insgesamt eine niedrige Priorität in diesem Dokument, ändert aber nichts daran, dass an der Deichlinie mit hoher Priorität gearbeitet wird“, sagt er gegenüber der Sächsischen Zeitung. Das heißt, in dem Dokument ist unter dem Punkt „Hochwasserschutzlinie für Nünchritz“ ein ganzes Maßnahmenpaket gemeint, das zum Beispiel auch die Geländeabsenkung zwischen Nünchritz und Grödel, den Schutz der Kläranlage Neuseußlitz oder die mobilen Schutzanlagen für den Münchsberg oder die Fährstraße in Merschwitz beinhaltet.

Diese Maßnahmen seien als weniger wichtig eingestuft worden, während die Deichlinie selbst „hochprioritär“ sei. Seit 2005. Seitdem werde durch die Landestalsperrenverwaltung „intensiv und mit kontinuierlicher Abstimmung vor Ort“ gearbeitet. Die Maßnahme befindet sich seit 2014 im Planfeststellungsverfahren, Ende 2016 soll die Anpassung an die Ergebnisse des aktualisierten Wasserspiegellagenmodells bei der Landesdirektion Sachsen eingereicht werden, sagt Frank Meyer.

Grundsätzlich würden die Maßnahmen in dem Papier schon nach Priorität abgearbeitet – dies sei aber im Detail unter anderem von Genehmigungswiderständen und von den Finanzen abhängig. Doch allein für den Altkreis Riesa sind diverse Maßnahmen in Planung, die laut dem Dokument die Priorität „hoch“ haben: zum Beispiel die Ertüchtigung des Deichabschnitts zwischen Riesa-Göhlis und Althirschstein, der Hochwasserschutz für Röderau oder die Deichsanierung für Pulsen und Görzig.

Für Mario Bergmann und seine Nachbarn bleibt deshalb die Angst, dass noch weitere Jahre ohne Hochwasserschutz für ihre Siedlung vergehen. Nünchritz-West bleibt das Mississippi von Sachsen, sagt er – den Vergleich zu dem flutgebeutelten Bundesstaat der USA habe einst schon Staatskanzlei-Chef Fritz Jäckel gezogen.

Die Maßnahmen sind auf der Internetseite des Umweltministeriums unter www.umwelt.sachsen.de/umwelt/wasser/16256.htm abrufbar.