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Nur noch die Kleidung am eigenen Leib

Nicole Ludewig und ihre zwei Kinder wurden zwangsgeräumt. Die Stiftung Lichtblick hilft beim Start in ein neues Leben.

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Von Juliane Richter

Nicole Ludewig hatte absolut nichts mehr: keine Wohnung, keine Kleidung, keine Dokumente, keine Erinnerungsstücke.

An einem Montagmittag Ende Juni war ihr bisheriges Leben binnen weniger Stunden ausgelöscht. „Der neue Vermieter wollte uns unbedingt aus der Wohnung haben. Mit Verweis auf ausstehende Nebenkosten hatte er uns die Zwangsräumung angedroht“, sagt die 26-Jährige. Doch Mitarbeiter von Sozial- und Arbeitsamt, die sie panisch aufsuchte, hätten ihr damals beruhigend zugesprochen: So ein Verfahren würde Monate dauern, weil sie Kinder habe wahrscheinlich sogar rund ein Jahr.

Zwei Monate im Heim

„Dann rief mich an einem Montagvormittag eine Freundin an, die gegenüber ein Café betreibt, und sagte: ‚Da wirft grad jemand deine Möbel vom Balkon‘“. Als Nicole Ludewig wenig später an der Wohnung in Pieschen ankam, war alles weg und das Schloss ausgetauscht. Lediglich den Keller hatte das Räumkommando vergessen. „Dort hatten wir alte Matratzen eingelagert, die wir eigentlich noch entsorgen wollten. Die haben wir dann wieder gebraucht.“

Doch zunächst einmal musste sie mit ihrem damaligen Freund, den gemeinsamen Söhnen, dem achtjährigen Danny und dem dreijährigen Marvin, erklären, dass alle Sachen weg waren. „Wir hatten wirklich nichts mehr, außer das, was wir am Körper trugen“, sagt sie. Die ersten Tage übernahmen ihre Eltern aus Bernsdorf die Kinder. Bei mehr als 50 Kilometern Distanz jedoch keine Dauerlösung. „Ich hatte eigentlich gedacht, dass einem die Stadt in solchen Fällen schnell eine Wohnung zur Verfügung stellt“, sagt die junge Mutter. Dem war aber nicht so. Also entschied sie sich mit ihrem Partner zu einem besonders schweren Schritt: Mit den zwei Söhnen zogen sie in das Obdachlosenheim in der Hubertusstraße. „Ich hatte nie gedacht, dass mir so etwas mal passieren würde. Wir hatten bis dahin ja ein ordentliches Leben geführt.“

Die gelernte Verkäuferin ging putzen und versuchte sich auf selbstständiger Basis an kleinen künstlerischen Projekten. Doch mit der Zwangsräumung und der psychischen Belastung waren auch diese Konstanten verschwunden. Zwei Monate lang lebte die Familie in einem 20-Quadratmeter-Zimmer im Obdachlosenheim – nur mit den nötigsten Dingen ausgestattet. „Nicht alle Menschen dort sind Alkoholiker oder Herumtreiber. Ich habe auch Leute kennengelernt, die ebenfalls durch Schicksalsschläge in dem Heim gelandet waren.“ Doch gerade für ihre Jungs war die Situation eine große Belastung. In dieser wohnungslosen Zeit zu ihren Eltern nach Bernsdorf ziehen, wollte sie aber nicht.

Geld für Geburtsurkunden

„Ich wollte sie in ihrer Schule und der Kita lassen, damit ihnen wenigstens dieser feste Bezugspunkt bleibt.“ Ihre neue Wohnung, die sie Ende August beziehen konnte, will Nicole Ludewig auch der Kinder wegen schnellstmöglich in Ordnung bringen. Geholfen haben geschenkte Möbel ihrer Eltern, von Freunden und sogar den neuen Nachbarn. Auch die Stiftung Lichtblick der Sächsischen Zeitung hat der Familie geholfen. Mit 300 Euro konnten die wichtigsten Papiere, wie Geburtsurkunden und Facharbeiterbrief sowie neue Auslegware und Tapeten bezahlt werden.

„Eigentlich wollte ich nie mehr in die Platte ziehen. Aber hier werden wir jetzt schon eine Weile bleiben, wenn wir es uns einmal gemütlich machen“, sagt die 26-Jährige. Die kommenden Monate werden für sie nicht einfacher. Ende April erwartet sie ihr drittes Kind, wieder einen Jungen. Mit dem Vater ist sie nicht mehr zusammen. „Aber das werden wir dann auch durchstehen.“