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Nur wenige Schweden haben Antikörper

Im besonders von Covid-19 betroffenen Stockholm haben weniger Menschen Antikörper als gedacht. Epidemiologe Tegnell sagt: Die Immunität liegt höher.

Schweden hat in der Corona-Pandemie auf die Vernunft der Bürger gesetzt. Restaurants waren deshalb weiter geöffnet.
Schweden hat in der Corona-Pandemie auf die Vernunft der Bürger gesetzt. Restaurants waren deshalb weiter geöffnet. © Ali Lorestani/TT News Agency/AP/dpa

Von Sven Lemkemeyer

Im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie wird auch gehofft, dass immer mehr Menschen nach einer Infektion Antikörper entwickeln und sich so eine Immunität einstellt. Dies gilt besonders für Schweden, das wegen seines Umgangs mit der Krise und der vergleichsweise hohen Zahl an Todesfällen international im Fokus steht.

Zwischenergebnisse einer Studie, die die staatliche Gesundheitsbehörde dazu präsentiert, werfen jetzt neue Fragen auf. Denn der Anteil der Infizierten ist niedriger als erwartet. Dies berichten die Zeitung „Dagens Nyheter“ (DN) und der Sender SVT online.

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Durch den Test auf Antikörper im Blut kann nachgewiesen werden, ob jemand mit dem Coronavirus infiziert war und möglicherweise immun ist. Ob beim neuartigen Coronavirus aber überhaupt eine Immunität eintritt beziehungsweise wie lange sie anhält, ist unter Wissenschaftlern weltweit heftig umstritten und nicht abschließend erforscht.

Die ersten Testergebnisse aus Schweden zeigen nun, dass in der am schlimmsten von der Pandemie betroffenen schwedischen Hauptstadt Stockholm Ende April 7,3 Prozent der Bewohner über Antikörper verfügten. In anderen Teilen des Landes lagen die Zahlen für die Antikörper-Träger noch niedriger. Im äußersten Süden in der Provinz Skåne waren es 4,2 Prozent, in der Region Västra Götaland, in der die Metropole Göteborg liegt, nur 3,7 Prozent.

Schwedens Chefepidemiologe Anders Tegnell
Schwedens Chefepidemiologe Anders Tegnell © Folkhälsomyndigheten/dpa

Nach Angaben der Gesundheitsbehörde stammen die Ergebnisse von rund 1200 Proben, die vor drei Wochen genommen worden waren. Der Anteil von sieben Prozent Menschen mit nachgewiesenen Antikörpern liegt deutlich unter den früheren Berechnungen der Gesundheitsbehörde und ihres Chefepidemiologen Anders Tegnell. Demnach sollten Anfang Mai bereits rund ein Viertel der Einwohner Stockholms infiziert sein oder gewesen sein.

Tegnell begründete den Unterschied am Mittwoch in einer Pressekonferenz mit dem Abstand, der bestehe zwischen dem Zeitpunkt einer Infektion und dem Moment, in dem der Mensch Antikörper bilde. Man liege zwar etwas niedriger als erwartet, sagte Tegnell, aber: „Es sind jetzt keine sieben Prozent. Wir liegen irgendwo bei 20 Prozent plus in Stockholm."

Die Studie zeigte weiter, dass besonders Menschen zwischen 20 und 64 Jahren Antikörper gebildet haben (6,7 Prozent), bei den über 65-Jährigen waren es 2,7 Prozent. Bei den jungen Menschen zwischen null und 19 Jahren hatten 4,7 Prozent Antikörper. Tegnell, der die Regierung berät, sieht darin die Annahme der Wissenschaftler bestätigt, dass es in dieser Altersgruppe keine so große Verbreitung des Virus gibt, so dass die Covid-19 ausgelöst werden kann.

Je mehr Menschen Antikörper hätten, desto langsamer breite sich das Virus aus, sagte Tegnell. Man sehe bereits jetzt Zeichen für eine Immunität in der Bevölkerung. Denn die Anzahl Erkrankter sei zuletzt zurückgegangen, ohne dass die Restriktionen für die Bürger verschärft worden seien.

Vernunft statt Verbote

Der Zeitung DN zufolge betonte er allerdings auch, es gebe keinen Grund zu glauben, es lasse sich eine Immunität erreichen, die die Infektion ganz stoppen könne. Dies könne nur helfen, die Ansteckungsrate niedrig zu halten, so dass das Gesundheitssystem nicht überlastet werde und eventuell einige Restriktionen gelockert werden könnten. „Damit die Krankheit verschwindet, müssen Immunität und Impfungen kombiniert werden.“

Im Vergleich zu fast allen anderen Staaten hat Schweden in der Pandemie den Alltag der Bürger durch Gesetze und Bestimmungen nur vergleichsweise moderat eingeschränkt und so den Begriff vom „schwedischen Sonderweg“ geprägt. Die Regierung allerdings betont stets, dass es sich um einen „Mythos“ handele, dass das Leben in Schweden quasi normal weiterlaufe. Man setze auf die Vernunft der Bürger statt eines Lockdowns wie in anderen Staaten.

In der Tat haben Regierung und Gesundheitsbehörde seit Beginn der Pandemie an die Schweden appelliert, soziale Kontakte zu minimieren und Abstand zu halten. Menschen über 70 sollen zu Hause bleiben. Kindergärten, Schulen für Kinder unter 16 Jahre und Geschäfte sind geöffnet. Dies gilt unter Auflagen auch für die Gastronomie. Versammlungen sind bis zu 50 Personen erlaubt. Die Menschen sollen im Homeoffice arbeiten und bei Symptomen auf jeden Fall zu Hause bleiben.

Strikt verboten sind dagegen seit Anfang April Besuche in Alten- und Pflegeheimen, von wo inzwischen der ganz überwiegende Teil der Todesfälle gemeldet wird. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht in Schweden inzwischen ein Vorbild für andere Staaten, um aus einem Lockdown wieder herauszukommen.

Mehr Tote als in Nachbarländern

Der schwedische Ansatz hat international Irritationen und Kritik ausgelöst. Auch im Land ist der Kurs der schwedischen Regierung längst nicht unumstritten; schon seit einiger Zeit fordern zahlreiche Wissenschaftler einen radikalen Kurswechsel.

Löfven und Tegnell wird vorgeworfen, das Leben vieler leichtfertig aufs Spiel zu setzen – unter anderem, um die Wirtschaft zu schützen, die wegen ihrer Abhängigkeit vom Export aber auch massiv von der Coronavirus-Krise betroffen ist. In den Nachbarländern, wo darüber debattiert wird, wann die Grenzen wieder geöffnet werden sollen, wird wegen der Todeszahlen und der vermuteten hohen Infektionsrate aktuell darüber diskutiert, ob Schweden zunächst davon ausgeschlossen bleiben müsse.

Premier Löfven hatte zum zu erwartenden Ausmaß der Pandemie am 3. April der Zeitung DN gesagt, Schweden verfolge die Strategie, den Anstieg der Infektionsfälle zu verzögern, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. „Aber das beinhaltet zugleich, dass wir weitere Schwerkranke haben werden, die Intensivpflege benötigen, wir werden bedeutend mehr Tote haben. Wir werden mit Tausenden Toten rechnen müssen. Darauf sollten wir uns einstellen.“

Inzwischen sind in dem Land mit seinen rund 10,2 Millionen Einwohnern mehr als 3870 Patienten an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung verstorben, allein 1879 davon in der Region Stockholm, in der rund eine Million Einwohner leben. Umgerechnet auf die Zahl der Toten pro Million Einwohner liegt Schweden mit nun 376 deutlich höher als die Nachbarländer Norwegen, Dänemark oder Finnland und auch deutlich über dem Wert Deutschlands.

Anzahl der Verstorbenen/bestätigten Infektionen pro eine Million Einwohner (Stand Donnerstag, 21. Mai, 14 Uhr; Quelle Sveriges Television/Johns Hopkins Universität/Worldometer):

  • Schweden: 376/3096
  • Norwegen: 44/1558
  • Dänemark: 96/1952
  • Finnland: 55/1168
  • Island 28/5099
  • Deutschland: 98/2152
  • USA: 286/4743
  • Italien: 535/3762
  • Spanien: 597/4977
  • Großbritannien: 538/3754
  • Frankreich: 420/2712
  • Südkorea: 5/215
  • Belgien 801/49019

Im April verzeichnete das Land nach Angaben der Statistikbehörde die seit Jahren höchste Sterberate. Demnach starben im vergangenen Monat 10.458 Menschen „Wir müssen bis zum Dezember 1993 zurückgehen, um mehr Tote in nur einem Monat zu haben“, erklärte Tomas Johansson von der Statistikbehörde. Im gesamten Jahr 1993 gab es mehr als 97.000 Todesfälle – die höchste Rate seit 1918, als auch in Schweden die Spanische Grippe grassierte. Eine offizielle Erklärung für die hohe Zahl der Todesfälle 1993 gibt es Johansson zufolge nicht. Allerdings wurde Schweden damals von einer Grippewelle heimgesucht.

Reproduktionszahl fast immer unter 1

Tegnell hat inzwischen mehrfach betont, dass man die Zahl der Toten und besonders die dramatische Lage in Heimen und die Gefahr für die dort lebenden Senioren und Pflegebedürftigen massiv unterschätzt habe. „Es ist furchtbar traurig, dass weiter so viele Menschen in Schweden an dieser Krankheit sterben“, sagt er.

Der oberste Seuchenbekämpfer des Landes sieht aber auch positive Anzeichen. So lag die Reproduktionszahl  in der zweiten April-Hälfte fast kontinuierlich unter 1,0. Das bedeutet, dass jeder Infizierte im Mittel weniger als eine weitere Person ansteckt. Auch die Zahl neuer Intensivpatienten geht regelmäßig zurück.

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Weniger als 400 Patienten werden zurzeit intensivmedizinisch betreut. Und inzwischen sinkt auch die Zahl der Todesfälle, deren Mittelwert in den vergangenen zehn Tagen bei 68 lag. „In Schweden geht die Kurve der Anzahl der Verstorbenen sehr langsam nach unten“, sagte Tegnell am Mittwoch.

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