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OB Hilbert: „Das nehme ich nicht hin“

Immer wieder steht Dresden am öffentlich am Pranger. Nach dem bizarren Auftritt von Dynamo-Anhängern in Karlsruhe fordert Oberbürgermeister Dirk Hilbert Konsequenzen, um den Ruf der Stadt aufzupolieren.

© René Meinig

Dresden steht immer wieder öffentlich am Pranger: Pegida, Schreihälse am 3. Oktober und gegen Kunstwerke. Nun waren es schon wieder Dynamo-Anhänger, die in fremden Stadien das Ansehen der Stadt ramponieren. Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) spricht im SZ-Interview zu den Problemen, warum die Busse auf dem Neumarkt trotzdem ein Erfolg waren und wie er das Image aufpolieren will.

Herr Hilbert, welche Folgen haben die Ausschreitungen von Dynamo-Fans in Karlsruhe?

So geht es nicht. 2016 waren meine Frau und ich beim Auswärtsspiel in Magdeburg dabei. Wir waren so was von satt über unsere eigenen Fans. Wenn die Gesundheit von Menschen aufs Spiel gesetzt wird, hört der Spaß auf. Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis. Deshalb habe ich für Montag die Geschäftsführung eingeladen. Wir werden uns hart auseinandersetzen müssen, damit es nicht jedes Jahr in fremden Stadien Ausschreitungen gibt. Das nehme ich nicht hin.

Es gab Verletzte und den martialischen Auftritt. Wie sehen Sie die „Kriegserklärung“ und rechte Symbolik?

In der Diskussion über das Monument - die Bus-Installation auf dem Neumarkt - wurde gesagt, dass es eine deutliche Botschaft gegen Krieg war. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln, wer sich so eine Choreografie einfallen lässt und so durch andere Städte marschiert. Insbesondere wenn man darüber nachdenkt, welches Leid 1945 in unserer Stadt vonstattengegangen ist, dann den jemandem den Krieg zu erklären - egal wem - geht nicht.

An welche Konsequenzen denken Sie?

Ich habe vor kurzem in England ein Spiel der Premier League gesehen. Dort ist mindestens so eine tolle Stimmung wie hier im Stadion. Allerdings komplett ohne Alkohol, ohne Pyro ohne martialische Auftritte. Der Verein muss auch den Mut haben über ein Alkoholverbot mit der Liga zu diskutieren und über viele Ansätze mehr.

Solche Auftritte schaden dem Ruf der Stadt. Ähnlich wie Pegida. Sie haben gesagt, die Bewegung wurde unterschätzt.

2014 waren die ersten Demonstrationen. Ich war noch nicht Oberbürgermeister, aber hier an diesem Tisch wurde diskutiert, dass uns das nicht gefällt, wenn jeden Montagabend Leute gegen die Islamisierung des Abendlandes durch die Stadt und diese Bilder durch die Medien gehen. Damals ist war die Devise gewesen, sie nicht aufzuwerten.

Auch ein Fehler von Ihnen persönlich?

Ich sehe mich da durchaus in Mitverantwortung. Ich ärgere mich, nicht mehr insistiert zu haben, sich als Stadt konsequenter zu positionieren. Dadurch hat man das wachsen lassen.

Was hätte man tun können?

Genau das, was man später getan hat: Aufrufe zu gesellschaftlichem Engagement. Wenn es das frühzeitig gegeben hätte, wäre Dresden gar nicht erst zu so einer starken Bühne geworden. Das ändert aber nichts daran, was die Menschen auf die Straße bringt und an den gesellschaftlichen Fragen. Das sage ich auch meinen Kollegen in anderen Städten: Unterschätzt nicht, was in eurer Stadtgesellschaft los ist. Wir sind aber bei dem Grad der Enthemmung weiter. Das ist der kritische Punkt.

Sie haben mit Veranstaltungen in der Kreuzkirche begonnen. Haben Sie damit frustrierte Menschen überzeugt?

Ein Format allein bringt nie die Lösung. Ich glaube zu zeigen, dass jeder der mit mir vernünftig reden will, das kann. Mit den Menschen zu reden, zeigt denen, die Sorgen haben, dass es andere Wege gibt diese vorzutragen. Es zeigt, dass sie ernst genommen werden und es andere Antworten gibt, als einem gewissen Teil von Schreihälsen zu folgen. Es gibt aber einen gewissen Teil, der nicht kommunikationsfähig ist.

Genau diese Schreihälse schaden immer wieder der Stadt.

Das sind immer wieder dieselben Gesichter. Da muss man auch mal über den Dingen stehen. Die Frage ist eher, wie lange wir uns das antun wollen. Da geht ein Ruck durch die Stadtgesellschaft. Deutlich mehr Leute signalisieren: Das ist nicht unsere Stadt. Der 3. Oktober ist ein Wendepunkt gewesen. Wenn die Verfassungsorgane dieses Landes angepöbelt werden, nehmen die Menschen es nicht so einfach hin.

Meinen Sie den Verein Dresden.Respekt, der sich danach gegründet hat?

Das ist auch eine Folge. Dass die wesentlichen Akteure im gesellschaftlichen Leben sich zusammenfinden, um sich deutlich gemeinsam zu positionieren, ist davor noch nicht gelungen.

Ist das nicht wieder Elite? Wie erreichen die die normalen Bürger?

Es konnte sich ja jeder in dem Verein engagieren. Jeder einzelne ist eingeladen, sich dort einzubringen.

Trotzdem sind die Gründer Elite.

Dass die, die Verantwortung tragen auch Verantwortung übernehmen, hat eine gewisse Leuchtturmwirkung. Ich werde viel auf die Pöbeleien angesprochen. Viele Menschen haben dadurch Mut gefasst, der Enthemmung entgegen zu wirken. Es wird laut gesagt: Nein, das ist nicht in Ordnung. Wenn die Schreihälse merken, dass Position bezogen wird, werden wir merken, dass nicht jede Unflätigkeit Raum bekommt.

Ihre Vorlage mit diversen Veranstaltungen hieß auch Dresden.Respekt. Warum hat sie nun einen anderen Titel?

Weil es eine Verwechslungsgefahr gab. Die war bewusst, um die Präsenz des Namens zu verstärken. Dann zeigte sich, dass es unklar wurde, ob es eine städtische Aktivität oder eine vom Verein ist. Damit es keine Missverständnisse gibt, habe ich vorgeschlagen die Änderung vorzunehmen.

Inhalt der Vorlage sind Formate wie ein offenes Rathaus, Planspiele zur Politik und so weiter. Ist das nicht etwas dünn?

Die Projekte alleine retten nicht die Welt, aber es ist auch nicht so, dass sie keinen Beitrag dazu leisten. Die Zukunftsstadt, die Bewerbung als Kulturhauptstadt, das lokale Handlungsprogramm für Demokratie, Dresden.Respekt und viele Dinge mehr müssen einen Beitrag leisten, damit wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und die Menschen das Gefühl haben, es geht mit der Stadt voran. Also ist es ein Beitrag. Und wir sind im Suchraum auch schon weiter als andere Städte.

Muss Dresden das nicht auch sein? Ist hier das Problem nicht akuter?

Das Problem ist überall akut. Wir aber sind die stärkere Bühne. Deshalb entwickeln wir Formate weiter. Die Kreuzkirche war der Anfang, daraus sind Bürgersprechstunden geworden, weil wir gemerkt haben, es gibt einen unwahrscheinlich hohen Bedarf danach. Wir versuchen, einen unkomplizierten Zugang zu Verantwortungsträgern zu ermöglichen. Künftig sollen die Bürger mehr mitgestalten. Aus den neuen Veranstaltungen werden wahrscheinlich neue Erkenntnisse gewonnen und so entwickeln wir das immer weiter.

Das kann den Ruf der Stadt verbessern?

Wir tun viel und die Stadt entwickelt sich wunderbar. Das bauen wir mit viel Engagement und Geld auf. Wir haben das Kraftwerk Mitte, den Kulturpalast, wir eröffnen eine neue Schule und eine neue Kita nach der anderen. Wir müssen darauf achten, das nicht von einzelnen kaputtmachen zu lassen. Deshalb will ich positive Botschaften platzieren. Auch mit Hilfe der Kunst, wie beim Monument. Das haben wir geschafft. Also sind wir mit positiven Botschaften präsent.

Haben die Pöbeleien am Monument nicht eher für negative Bilder gesorgt?

Das sehe ich nicht so. Wollen wir doch mal sehen, welche meiner OB-Kollegen den Mut haben, ähnliche Installationen, die zur Diskussion anregen, auf ihre zentralen Plätze zu stellen. Da haben wir schon deutliche Signale gesetzt.

Selbst wenn: Dynamo, Pegida – Sie haben es doch gar nicht in der Hand.

Ich kann aber starke Gegenbilder schaffen. Dafür muss auch die Stadtgesellschaft mitziehen. Mehr als reden geht nicht. Aber das bedeutet auch: Was glaubhaft und sinnvoll vorgetragen wird, muss geprüft und nach Lösungen gesucht werden. Die Menschen müssen aber auch sehen, dass ich nicht alle Probleme lösen kann.

Dann hört Pegida auf?

Pegida ist keine kurzfristige Veranstaltung. Das Problem ist ja nicht, dass da Menschen laufen. Wir müssen erkennen, was in der Gesellschaft los ist. Warum haben so viele Bürger quer durch die westliche Welt populistische Kandidaten gewählt? Wenn Pegida morgen sagt, wir stellen ein, ist das Problem nicht gelöst.

Das Gespräch führte Andreas Weller.