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Obdachlos in Pirna

Passanten beobachteten einen Mann, der auf einer Parkbank übernachtete. Dabei gibt es Hilfe für Menschen ohne festen Wohnsitz.

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© dpa

Von Mareike Huisinga

Pirna. Angela Kaulfuß ist schockiert. „Wieso ist es in einer Stadt wie Pirna nicht möglich, solchen Leuten einen ordentlichen Schlafplatz zu bieten, dass diese nicht im Freien schlafen müssen?“, kritisiert die Pirnaerin. Damit spricht sie das sensible Thema Obdachlosigkeit an.

Doch der Reihe nach. Mitte Juli besuchte die Pirnaerin eine Veranstaltung in der Altstadt. Gegen 22.30 Uhr kehrte sie zu ihrem Wagen zurück, den sie im Parkhaus Innenstadt abgestellt hatte. An der Deutschen Bank in der Jacobäerstraße entdeckten sie und ihre Begleitung einen Mann, der auf einer Bank schlief. Ganz offensichtlich handelte es sich dabei um einen Obdachlosen. „Er hatte einen Rollwagen dabei, in dem sich zahlreiche Plastiktüten befanden“, berichtet Angela Kaulfuß.

Mit diesem Erlebnis wandte sie sich an SZ und stellt fest: „Warum und weshalb diese Menschen auf der Straße leben, weiß keiner, weil sich ja sowieso keiner für sie interessiert. Getuschelt wird genug, aber wer tut etwas?“

Sie würde es begrüßen, wenn man solch sozial schwach gestellten Personen stärker Hilfe anbietet, und fragt sich schließlich: „Was wirft das für ein Licht auf Pirna?“ Diese Kritik geht nicht nur an die gesamte Gesellschaft, sondern auch in Richtung Stadtverwaltung. Das Rathaus allerdings will sich nichts vorwerfen lassen. „Die Stadt stellt für Obdachlose eine Möglichkeit zur Verfügung, wo sie übernachten können“, sagt Stadtsprecher Thomas Gockel. Seit vielen Jahren gibt es das städtische Obdachlosenheim auf der Rottwerndorfer Straße, das vom DRK-Kreisverband Pirna betrieben wird. „Dort bekommen die Menschen saubere Kleidung, sie haben die Möglichkeit, sich zu duschen und können Lebensmittel in einem Kühlschrank lagern“, sagt Gockel.

Derzeit übernachten fünf bis neun Personen im Obdachlosenheim. Es gebe noch genügend freie Plätze. Hilfe bietet auch die DRK-Kleiderkammer. „Hier kann sich jeder individuell Kleidung abholen“, sagt Ilka Pohl, Geschäftsführerin des DRK-Kreisverbands Pirna. Sie weist darauf hin, dass Menschen in Not ebenso Unterstützung bei der Diakonie-Sozialberatung in Pirna bekommen. Folglich lautet Gockels Fazit: „Niemand muss in Pirna auf der Straße übernachten, aber wir können die Menschen nicht zwingen, die vorhandenen Angebote anzunehmen.“ Aus seiner Sicht gebe es unterschiedliche Gründe, weshalb Personen ohne festen Wohnsitz das Obdachlosenheim meiden. „Dort gelten Regeln wie zum Beispiel Alkoholverbot“, sagt er.

Angst vor engen Regeln

Dass Menschen ohne Bleibe Vorbehalte gegenüber Obdachlosen-Einrichtungen haben, bestätigt auch Rosemarie Scharf, Leiterin der Heilsarmee in Dresden. Die Gewohnheit spielt eine große Rolle. „Je länger jemand auf der Straße lebt, desto mehr Angst hat er, sich in ein soziales Gefüge einzuordnen“, sagt die Fachfrau. Die Regeln, die dort herrschen, seien oftmals zu eng für die Betroffenen.

Hinzu käme eine Selbstsuggestion. „Viele Obdachlose reden sich ein, die Freiheit, die sie besitzen, nicht aufgeben zu können. Sie benötigen dieses Schönreden, um ihre eigene Situation aushalten zu können. “ Außerdem scheuten Menschen ohne festen Wohnsitz in einigen Fällen den Gang ins Obdachlosenheim, da sie dort Klartext reden müssten. „Denn Sozialarbeiter versuchen zu helfen und müssen dafür die Ursachen der Verwahrlosung herausfinden. Offen darüber zu sprechen, fällt vielen schwer. Das hat auch etwas mit Schamgefühl zu tun“, erläutert Scharf.

Sie und ihr Team suchen nicht nur Obdachlose in Dresden auf, sondern auch Menschen in der Umgebung, die Hilfe benötigen. „Nach Pirna sind wir aber bisher noch nie gerufen worden“, sagt die Heilsarmee-Chefin.

Auch Thomas Gockel stellt in diesem Zusammenhang fest: „Obdachlosigkeit ist in Pirna kein Massenphänomen. Aber es gibt eine Handvoll stadtbekannter Gesichter, die wir immer wieder sehen.“