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Oben ohne

Löbau, Zittau, Olbersdorf: Unten zu wohnen, wird immer beliebter. In die obersten Stockwerke will keiner ziehen. Die Wohnungsunternehmen versuchen teilweise mit ziemlich radikalen Mitteln gegenzusteuern.

© Jens Trenkler

Von Thomas Staudt und Tilo Berger

OSTRALE Biennale O19

Die zweite Biennale und 12. OSTRALE widmet sich ab dem 11. Juni bis zum 1. September dem Leitgedanken „ismus“.

Löbau-Zittau. Och, nicht noch ein Stockwerk. Mit jeder Stufe werden die Beine schwer und schwerer. Ganz oben zu wohnen, hat einen entscheidenden Vor-, aber eine ganze Menge, rund 20 Zentimeter hohe Nachteile. Der Blick ist, je nach Wohngebiet, gigantisch. Aber er ist nur halb so viel wert, wenn man wegen der Anstrengung ein Sauerstoffgerät braucht, um ihn zu genießen. Das hält selbst immer mehr junge Leute davon ab, in eine Wohnung im obersten Stockwerk zu ziehen.

Das bestätigt Wolfgang Winkler, Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Löbau. Von 1203 Wohnungen der Genossenschaft stehen derzeit 84 leer – die meisten in den oberen Stockwerken. „Hierbei sind die fünften und sechsten Geschosse in Löbau-Nord am stärksten betroffen“, berichtet Winkler.

Das Beispiel Löbau ist die Regel, nicht die Ausnahme. Das bestätigt eine Umfrage bei Wohnungsunternehmen im Landkreis Görlitz. Leerstand in den oberen Etagen sei ein generelles Problem, sagt auch Axel Viehweger, Vorstand im Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften. „Alle unsere Mitglieder haben damit zu kämpfen“, hält Viehweger nicht hinterm Berg. Die Gründe für das Phänomen werden unterschiedlich eingeordnet. Das Angebot übersteige die Nachfrage, ist ein oft gehörtes Argument. Für Wilhelm Fischer, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Niesky, ist es die sprichwörtliche Bequemlichkeit der Jugend, die zu allen Zeiten beklagt wird. „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus ... und schwatzt, wo sie arbeiten sollte“, schrieb schon der griechische Philosoph Sokrates im vierten Jahrhundert vor Christus.

Dumm, faul, wohlstandsfixiert? Das sieht Axel Viehweger anders. Bis in den fünften oder sechsten Stock zu steigen, und das mit Kind und Kegel, sei kein Spaß, findet er. Auch wenn man jung ist. Bernd Stieler sieht die Ursache für den hohen Prozentsatz leerstehender Wohnungen in den obersten Geschossen eher beim Alter als bei der Jugend. Er ist Vorstand bei der Wohnungsgenossenschaft Zittau und bestätigt:. „Ältere Mieter ziehen runter, sobald dort etwas frei wird, weil sie nicht mehr so fit sind und das Treppensteigen scheuen.“

Tatsächlich ist nur ein geringer Prozentsatz der Mehrgeschosser mit Fahrstühlen ausgestattet. Aber da tut sich einiges. So versieht die Wohnbaugesellschaft Zittau Häuser mit innenliegenden Fahrstühlen. Mit Erfolg: Alle Wohnungen im ersten Bauabschnitt, obwohl erst ab August 2018 bezugsfertig, sind schon vermietet, berichtet Geschäftsführerin Uta-Sylke Standke. Das Unternehmen hat etwa 2000 eigene Wohnungen im Bestand, davon stehen 15,9 Prozent leer. Außerdem verwalten die Zittauer etwa 1100 Wohnungen für andere Inhaber, davon stehen rund 12,5 Prozent leer.

Auch die WGO Wohnungsgenossenschaft in der Oberlausitz mit Sitz in Löbau verfügt über Fahrstühle „in ausgewählten Objekten“, teilen die Vorstände Karsten Görlach und Harald Kaulich mit. Aber: „Eine generelle Lösung zur Leerstandsbekämpfung stellt das für uns nicht dar, da es das Wohnen zusätzlich deutlich verteuert.“ Von den rund 1 400 Wohnungen der Genossenschaft stehen 6,4 Prozent leer.

„Wir hatten eine erste Modernisierungswelle mit dem Anbau von Balkonen. Nun folgt die zweite mit der Installierung von Fahrstühlen“, sagt Axel Viehweger. Ein anderes Mittel, um dem Problem zu begegnen, sind Teilabrisse. Dabei werden Mehrgeschosser um ein, zwei oder auch mehr Stockwerke abgetreppt. So bleibt zwar das Stadtbild erhalten, aber die Methode ist zweieinhalbmal so teuer wie ein Komplettabriss. Und die verbleibenden Mieter müssen in aller Regel mehr bezahlen, weil Teilabrisse auf die Mieten umgelegt werden dürfen. „Wir haben bereits versucht, Druck auf die Politik auszuüben, damit mehr Mittel für Teilabrisse fließen“, so Axel Viehweger. Ein schwieriges Terrain.

Die KWV Kommunale Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft Olbersdorf praktiziert das so. Dort stehen von insgesamt 1152 Wohnungen 220 leer, vor allem in den beiden obersten Geschossen. „In diesem Jahr haben wir damit begonnen, zwei Gebäude um die beiden oberen Etagen zu reduzieren“, berichtet Geschäftsführer Karsten Hummel. Einige Wohnungsunternehmen sind inzwischen dazu übergegangen, die obersten Stockwerke einfach stillzulegen. Keine Mieter, kein Strom, kein Wasser. Manche stellen die freien Zimmerfluchten den verbliebenen Mietern als Abstellräume zur Verfügung. Bei Bernd Stieler in Zittau stehen sie einfach leer. Aktuell sind es 175 Wohnungen in den fünften und sechsten Stockwerken. Weitere Stilllegungen sind in Planung. Manche Vermieter lassen sich auch etwas einfallen, um freie Wohnungen in den obersten Geschossen doch noch zu vermieten. So bietet die Wohnungsgenossenschaft Löbau eine sogenannte Kraxelprämie an: Wer als Neumieter ab dem vierten Geschoss eine Wohnung mietet, erhält einen einmaligen finanziellen Bonus.

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