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Österreicher führt Gäste durch einstige Tötungsanstalt

Simon Berghammer ist Gedenkdiener. Das klingt angestaubt. Doch es ist eine sehr aktuelle Aufgabe.

Von Heike Sabel

Simon spricht ruhig und langsam, macht Pausen. Es passt zu dem, worüber er spricht: die Euthanasieverbrechen auf dem Pirnaer Sonnenstein. Ab diesem Monat gibt es die Führung jeden Sonnabend, 14 Uhr. Zehn Interessierte sind gekommen, um ihm durch das Haus und die Keller zu folgen.

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Dann kommen noch sieben Leute dazu. „Sie sind genau richtig hier“, sagt Simon. In der Woche führt er oft Schulklassen. Auch heute sind einige junge Leute dabei. Die beiden Töchter von Frau Müller aus Dohma, die jetzt bei Detmold leben und auf Besuch da sind, zum Beispiel.

Die Führung beginnt in der Dauerausstellung. Die Leute hören Simon zu und lesen die Geschichten derer, die hier über Leben und Tod entschieden und derer, über die entschieden wurde. „Unbrauchbar“ bei der Frage nach der Arbeitsfähigkeit war das Todesurteil. Wenn Simon eine Pause macht, ist es ganz still.

Das Archiv in der Gaskammer

Immer wieder kommt die Frage: „Haben die Pirnaer etwas geahnt?“ Geahnt vielleicht, ja sicher, sagt Simon. Die Busse, die immer wieder Patienten auf den Sonnenstein brachten, aber nie welche wegfuhren. Der Rauch, der aus den Schornsteinen stieg. „Doch Widerspruch von den Pirnaern gab es nicht.“ Auch später nicht. Die Gaskammer wurde zu DDR-Zeiten als Archiv genutzt, im Leichenraum standen Maschinen. Nebenan der Raum mit den Öfen, solchen, wie sie im Konzentrationslager Dachau standen. Die Asche wurde zum Teil einfach zum Fenster den Schlosshang hinunter geschüttet. Da fällt es schwer zu glauben, die Pirnaer hätten nichts gewusst.

Frau Müller steht mit ihren Töchtern im Keller und schüttelt den Kopf. Sonst waren all die Verbrechen der Nazizeit irgendwie weit weg, geschahen woanders, sagt die Mutter. Jetzt liest sie einige der Lebensgeschichten der hier Ermordeten. Vom Fliegerpiloten, den eine Kopferverletzung „unbrauchbar“ machte, von Christa, die schon mit sechs Jahren den Stempel „unbrauchbar“ erhielt. Wenn Simon erzählt, bekommen die Geschichten ein Gesicht. Er ist für ein Jahr als Freiwilliger in der Gedenkstätte tätig. Er hatte sich für Gedenkarbeit interessiert und sich für die kleine Einrichtung auf dem Sonnenstein entschieden. Hier kann er sich einbringen, wird gebraucht. Wie bei den Führungen. Vielleicht studiert Simon mal Geschichte. Pirna wird in ihm bleiben. Seinen Wehrersatzdienst im Ausland zu absolvieren, war am Anfang reizvoll für ihn. Jetzt versteht er den Begriff des Gedenkdieners neu. Er dient der Geschichte, erinnert die Menschen an die Verbrechen und hilft ihnen, der Opfer zu gedenken. Die Müllers hat er zum Nachdenken bewegt.

Eröffnet: im Juni 2000;

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 9 bis 16 Uhr, Sonnabend 11 Uhr bis 16 Uhr, Eintritt frei;

Führungen: Sonnabend 14 Uhr, Eintritt frei, Spende erbeten; nach Absprache für Gruppen mit maximal 25 Personen, Kosten: 35 Euro;

Kontakt: Pirna, Schlosspark 11,

  03501 710960.

www.stsg.de.