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Offener Brief an Bernie Sanders

Kaum hat der Politiker angekündigt, für das Amt des US-Präsidenten kandidieren zu wollen, reden alle nur noch über sein Alter. 

Bernie Sanders
Bernie Sanders © imago/MediaPunch

Lieber Bernie Sanders,

Das ist wieder mal typisch: Kaum haben Sie angekündigt, dass Sie noch einmal für das Amt des US-Präsidenten kandidieren wollen, reden alle nur noch über Ihr Alter. 77 Jahre sind Sie jetzt alt, bei den Wahlen Ende nächsten Jahres wären Sie dann beinahe 80. Na und? Ich finde, es ist längst an der Zeit. Es gab Kennedy, den Jungspund. Es gab Obama, den ersten schwarzen Präsidenten. Es gab Hillary Clinton, die erste Frau, die für die Demokraten antrat. Wenn die Amerikaner gesellschaftliche Vielfalt wirklich ernst nehmen, dann kann doch jetzt bitte auch mal ein Senior ran, oder?

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Wir in Deutschland sind da längst weiter. Schon vor Jahrzehnten hatten wir Konrad Adenauer, der war noch mit 87 Jahren Kanzler. Wir haben sogar seit über 13 Jahren eine Frau als Regierungschefin. Aus dem Osten! Wer braucht da noch Quoten? Wenn die Flüchtlinge nicht dazwischengekommen wären, hätte Angela Merkel wahrscheinlich auch noch weitergemacht, bis sie 90 ist. Das ist doch heutzutage kein Alter mehr.

Aber lassen Sie uns über politische Inhalte reden. Sie kennen bestimmt den alten Spruch: Wer mit zwanzig kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer es mit vierzig immer noch ist, hat keinen Verstand. Sie selbst bezeichnen sich als demokratischen Sozialisten. Unter anderem sind Sie für einen höheren Mindestlohn, für eine gesetzliche Krankenversicherung und gegen Rassismus. In den USA gilt man mit solchen Ansichten offenbar immer noch als Stalinist. „Zu radikal“, hieß es, als Sie vor drei Jahren schon mal Kandidat werden wollten. Folgerichtig haben die Amerikaner dann auch einen sehr gemäßigten Mann der Mitte zu ihrem Präsidenten gewählt.

Interessant ist ja, dass Ihre Fans vor allem junge Menschen sind. Offenbar gibt es da eine Sehnsucht bei der Generation Smartphone nach einem, der noch aus eigener Erfahrung weiß: Ein Leben ohne Internet ist sinnlos, aber möglich. Wobei auch Sie selbstverständlich bei Twitter, Facebook und Instagram zu finden sind. Der moderne Senior von heute muss mit der Zeit gehen. Donald Trump hat auch schon auf Twitter reagiert: „Der verrückte Bernie tritt das Rennen an“, schrieb er. „Ich wünsche ihm alles Gute.“ 162.000 Leuten gefällt das.

Ja, die guten, alten Adenauer-Zeiten, in denen das Volk noch Papierzeitungen las, Filterkaffee trank und sonntags in die Kirche ging, sind endgültig vorbei. Umso wichtiger finde ich es, dass an der Spitze der Weltsupermacht noch jemand mit Lebenserfahrung steht. Natürlich stimmt auch der Spruch: Alter schützt vor Torheit nicht. Trump, nur als Beispiel, ist immerhin schon 72, und es sieht nicht unbedingt danach aus, dass er von Jahr zu Jahr klüger würde. Aber ein 80-Jähriger im Weißen Haus, das gab es noch nie. Das wäre ein starkes Symbol an die Welt und an die nachfolgenden Generationen. Ich wüsste auch schon ein tolles Motto für Ihren Wahlkampf: „Mit mir bleibt alles beim Alten.“

Ihr Marcus Thielking

Der Offene Brief ist eine Rubrik im Wochenend-Magazin der Sächsischen Zeitung.