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Offener Brief an Emmanuel Macron

SZ-Feuilletonchef Marcus Thielking antwortet Frankreichs Staatspräsident. Der hatte sich wiederum in einem offenen Brief an alle Europäer gewandt.

Emmanuel Macron © dpa

Lieber Emmanuel Macron!

wenn ich mir heute erlaube, mich direkt an Sie zu wenden, dann tue ich das nicht nur im Namen der Geschichte und der Werte, die uns einen, sondern weil dringend gehandelt werden muss … Merken Sie was? Den ersten Satz habe ich bei Ihnen geklaut. Mit genau denselben Worten haben Sie sich nämlich diese Woche in einem offenen Brief an alle Europäer gewendet. Also auch an mich. Deshalb erlaube ich mir heute, Ihnen direkt zurückzuschreiben. Denn auch ich bin der Meinung, dass dringend gehandelt werden muss.

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Ihr offener Brief, in dem Sie für einen „Neubeginn in Europa“ plädieren, hat mich tatsächlich erst mal erschreckt: Stimmt ja, in drei Wochen ist schon der Brexit! Und Ende Mai sind die Wahlen zum Europäischen Parlament. Das sind ja eigentlich spannende Ereignisse. Aber wenn ich aus dem Fenster gucke oder den Fernseher einschalte, merke ich davon nicht viel. Es gibt zurzeit einfach Wichtigeres, über das wir in Deutschland dringend diskutieren müssen: Karnevalsscherze von Annegret Kramp-Karrenbauer, die neue Frisur von Lena Meyer-Landrut oder Jogi Löws Rauswurf von Hummels, Müller und Boateng. Wahrscheinlich hat Angela Merkel deshalb auch eher gelangweilt auf Ihren flammenden Europa-Appell reagiert. Zwei Blabla-Sätze ließ sie über ihren Sprecher verkünden, damit hatte es sich. Ungefähr so, wie eine Mutter zu ihrem dreijährigen Sohn sagen würde: „Ein ganz tolles Bild, das du da gemalt hast!“

Wahrscheinlich ist es zu sehr aus der Mode gekommen, dass jemand mit einer Reihe von konstruktiven Vorschlägen eine Debatte anstößt. Das funktioniert heute nicht mehr. Statt also einen ellenlangen Brief an die Europäer zu verfassen, hätten Sie’s einfach machen müssen wie Trump. Zwei kurze Sätze auf Twitter, und los. Etwa so: „Die Briten können mich mal. Ab heute bestimmen nur noch wir Franzosen und Deutsche, wo es in der EU langgeht.“ Was meinen Sie, was dann hier los wäre!

Und auch wenn es gut gemeint von Ihnen war: Es reicht heute nicht mehr, daran zu erinnern, dass wir der Europäischen Union Frieden, Wohlstand und Freiheit zu verdanken haben, wie Sie in Ihrem Brief betonen. Im Gegenteil ist mein Eindruck zurzeit eher, dass viele Menschen sich insgeheim ein bisschen Krieg, Armut und Grenzzäune zurückwünschen. Es war ja nicht alles schlecht. Früher war das Leben in Europa wenigstens noch aufregend. Seit es die EU gibt und wir überall nur Frieden, Wohlstand und Freiheit haben, passiert ja nix mehr. Keine Luftangriffe, keine Hungersnöte, kein Stacheldraht, keine Mauern – stattdessen regen wir uns über Gurkenrichtlinien auf. Was ist nur aus uns Europäern geworden?

„Wir dürfen nicht die Schlafwandler in einem erschlafften Europa sein“, schreiben Sie in Ihrem Brief. Also, mich haben Sie schon mal wachgerüttelt. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wen ich am 26. Mai wähle. Falls es die EU dann noch gibt.

Ihr Marcus Thielking

Der Offene Brief ist eine Rubrik im Wochenend-Magazin der Sächsischen Zeitung.