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„Offener Strafvollzug“ in Feisabad

Feisabad/Kundus - Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) hat es gerade in jüngster Zeit immer wieder gesagt: Die Auslandseinsätze der Bundeswehrsoldaten sind lebensgefährlich. Und das Engagement der deutschen Streitkräfte am Hindukusch besonders.

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Von Kristina Dunz

Feisabad/Kundus - Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) hat es gerade in jüngster Zeit immer wieder gesagt: Die Auslandseinsätze der Bundeswehrsoldaten sind lebensgefährlich. Und das Engagement der deutschen Streitkräfte am Hindukusch besonders. Als ob es eines Beweises bedurft hätte, war am Samstagabend kurz vor seinem Truppenbesuch im deutschen Feldlager im nordafghanischen Feisabad eine Granate eingeschlagen.

Im Gespräch mit dem Lager-Kommandeur Oberst Peter Baierl erfährt der Minister am Montag, dass nur durch Glück kein Soldat verletzt oder gar getötet wurde. Denn das Zelt, in dem das Geschoss einschlug, war mit sieben Mann belegt, aber zu dem Zeitpunkt leer. Baierl zog umgehend Konsequenzen: „Kein Soldat schläft mehr im Zelt.“ Er befahl die Verlegung aller rund 120 Soldaten ins „gehärtete“ Gebäude. Das ist die Küche.

Struck ist in dreifacher Mission am Hindukusch. Am 18. September wird sowohl in Afghanistan als auch in Deutschland gewählt. Den fern der Heimat stationierten Bundeswehrsoldaten sowie ihren Angehörigen zu Hause soll sein Besuch zeigen, dass sie einen wichtigen Dienst für den Frieden leisten. An die Afghanen ergeht das Signal, dass Deutschland ihnen weiter beim Aufbau der Demokratie helfen wird und die Bundeswehr das Feld nicht den Drogenbaronen, Kriegsfürsten und Taliban überlassen will. Und daheim sollen die Bilder mit Struck vom anderen Ende der Welt zudem die Darstellung der Bundesregierung untermauern, dass ihre Militärpolitik international geschätzt werde.

Im Ausland eingesetzte Soldaten finden in Deutschland vor allem dann Gehör, wenn schlimmste Befürchtungen traurige Wirklichkeit werden: Wenn sie bei einem Unfall oder Anschlag sterben. Struck betont auch in Feisabad wieder, dass er mit weiteren Anschlägen wie dem vom Samstagabend rechne.

Das Bundestagsmandat, das spätestens am 13. Oktober verlängert werden muss, wenn sich Deutschland weiterhin an dem UN-Auftrag beteiligen will, soll von derzeit 2250 auf 3000 Soldaten aufgestockt werden. Aus dem heiklen Kampf gegen den Drogenanbau sollen sich die deutschen Soldaten nach dem Willen der Bundesregierung aber heraushalten. „Dabei soll es auch bleiben“, sagt Struck.

Dafür müssten die Soldaten ihre Augen aber wahrhaftig verschließen, denn zwischen den beiden Bundeswehrstandorten Kundus und Feisabad liegt eines der weltweit größten Anbaugebiete der Opiumpflanze Mohn. Opium ist der Rohstoff für Heroin. Süchtig danach sind in Deutschland zwischen 120000 und 150000 Menschen. Mehr als 1000 Männer und Frauen sterben jährlich an dieser Droge. Struck betont erneut, dass die Bundeswehr den afghanischen Behörden und den für die Drogenbekämpfung international zuständigen Briten logitische Hilfe leiste.

Die Bundeswehrsoldaten in Feisabad, die Baierl zufolge in den vergangenen Wochen mehrere Anschlagversuche über sich haben ergehen lassen müssen, kommen kaum aus dem Feldlager heraus. „Sie sind hier im geschlossenen Strafvollzug“, sagt Oberfeldarzt Harald Lischke. Die rund 120 Männer und Frauen bemühen sich, ihr triste Behausung nahe der Landesbahn und abgeschirmt von der Bevölkerung so gut es geht bewohnbar zu machen. Sie haben auch kleine Pflanzen gesetzt. Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr wird noch Jahre dauern. Vielleicht wird aus dem Pflänzchen an der Lagermauer bis zum Abzug der Bundeswehr einmal ein Baum.

Für Struck ist es womöglich die letzte Reise nach Afghanistan als Verteidigungsminister. Ob ihn vor der Bundestagswahl am 18. September - die Prognosen für die SPD sind nicht rosig - ein wenig Wehmut beschleiche, wird er gefragt. „Nein“, sagt der Wahlkämpfer nüchtern. „Ich beabsichtige im Februar wieder nach Afghanistan zu reisen.“ (dpa)