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Oh, wie schön ist Panama

Georg Kastners 27 Jahre junger Trabant 601 S ist noch heute fast täglich in Hoyerswerda im Einsatz.

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© Uwe Jordan

Von Uwe Jordan

Hoyerswerda. Oh, wie schön ist Panama“ – was, bitte, soll denn dieser Janosch-Kinderbuch-Titel über einem Beitrag, der doch ersichtlich von einem Kraftwagen und dessen Besitzer (in mittlerweile reiferen Jahren) handelt? Am wenigsten zu tun hat es damit, dass sowohl der Autor Janosch als auch der Auto-Fahrer Georg Kastner (82) beide aus Schlesien stammen. Aber Panama – das passt. Denn die Hauptperson dieser Geschichte, eine Trabant-P-601-S-Limousine, trägt in ihrer Geburts-Urkunde (sprich: der Erst-Zulassung) die Farbbezeichnung „Panamagrün“. Ausgestellt wurde dieses Dokument am 24. August 1989, vor fast taggenau 27 Jahren.

Handwerksmeister seit 1958

Georg Kastner hat den Grünen allerdings erst 1994 erworben. „Das war einer der bestgepflegten Trabanten im Kreis Hoyerswerda“, sagt sein jetziger Besitzer – und er muss es wissen, denn Kastner kennt so ziemlich jeden Zwickauer, der hier auf den Straßen unterwegs war und ist. 1949 hat er in der Kfz-Werkstatt von Willy Fischer gelernt, 1952 seine Lehre beendet. 1958 war er bereits Handwerksmeister. „Das war noch etwas anderes als der spätere «Nur-Meister»; ich musste damals noch ein Meisterstück anfertigen.“ Hatte der Betrieb vorher vor allem die Typen P 70 und F 8 in Arbeit gehabt, kam 1958 der erste Trabant auf den Markt. Willy Fischers „Garage“ wurde Trabant-Vertrags-Werkstatt. 1959 erwarb Georg Kastner als einer der Ersten in Hoyerswerda, als 29., um ganz genau zu sein, seinen „Kugelporsche“, wie der Trabant 500 bald seiner knuffigen Formen halber hieß. Aus dem Privatunternehmen Willy Fischer wurde die PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) „Gute Fahrt“, und Georg Kastner war Werkstattmeister. Viereinhalb Jahrzehnte Erfahrung mit dem DDR-Gefährt überhaupt waren 1994 eine solide Entscheidungsgrundlage für den Kauf des Panamagrünen.

Über 160 000 Kilometer

Kastner hat auch andere Typen gefahren: Škoda, Polski Fiat, Lada ... Jetzt hat er für die längeren Touren eine A-Klasse von Mercedes-Benz in der Garage stehen. Aber der Trabant wird so gut wie täglich bewegt, für alle Alltagsfahrten genutzt. „Der Motor wird nicht kalt.“ Für das, was in der Stadt zu erledigen ist, sei er einfach ideal, vor allem wegen des großen Kofferraums. Und er ist ständig in Reichweite. Denn eine Garage hat der Wagen nicht – er ist ein echtes „Draußen“-Auto. Auf seiner Lebens-Uhr, dem Kilometer-Zähler, hat sich die stattliche Ziffer 160 078 eingespult. Gut; die Maschine hat nach rund 85 000 Kilometern eine Generalüberholung bekommen: eine neue Kurbelwelle, die Zylinder wurden geschliffen – aber wenn man weiß, dass die Lebenserwartung des Zweitakt-Herzens späterer Baujahre vom Werk mit 30 000 Kilometern veranschlagt wurde, ist das Dreifache immer noch eine beachtliche Leistung. Und alles andere (Antriebe, Vorderachse und Ähnliches mehr) ist noch original. Die Karosserie sowieso. Die Duroplast-Beplankung war; nein: ist ja ziemlich unverwüstlich. Kastner schmunzelt, als er an ein rüdes Hagelwetter vor ein paar Jahren zurückdenkt: Blech-Gefährte auf dem selben Parkplatz hatten unversehens eine Unzahl winzig-ärgerlicher Dellchen; aber von der Plast-Karosse des Trabant prallten die Eisstückchen wirkungslos ab. Das war also ein Vorteil des 601 S. Auch der luftgekühlte Zweitakt-Motor mit ausreichenden 26 PS und die einfache Bauweise, die sehr reparatur- und wartungsfreundlich war, stehen auf der technischen Haben-Seite des Zwickauers. Negativ dagegen waren die fehlende Klima-Anlage, die schlecht regulierbare Heizleistung und natürlich die Abgasfahne, besonders nach viel winterlichem Kurzstrecken-Betrieb, nach dem im Frühjahr auf einer längeren Fahrt der Auspuff regelrecht von Ölresten „freigebrannt“ werden musste. Witziges Detail: „Wenn ich heute «Langstrecke», etwa nach Bluno, vor einem fahre, schafft der es entweder, mich rasch zu überholen – oder der Abstand wird immer größer.“ Zweitakt-Allergiker ...

Ein Kapitelchen Elaskon

Der größte Albtraum jedes Trabantbesitzers war allerdings nicht das blaue Fähnlein, sondern es waren: die Türschweller! Wenn die zu rosten anfingen, rosteten sie gründlich und unaufhaltsam. Doch der Wunsch, dem „Trabi“ da mit der dringend empfohlenen Hohlraumkonservierung etwas Gutes zu tun, konnte ins Gegenteil umschlagen. Schweller anbohren, satt mit Elaskon ausspritzen, Bohrlöcher mit Stopfen verschließen – mühselig genug. Fatal wurde es, wenn man das vom Hersteller empfohlene Elaskon K 60 verwendete. Das nämlich härtete bald aus und bekam Risse, in denen sich die eingedrungene Feuchtigkeit erst recht hielt und ihr verhängnisvolles Werk mit doppelter Hingabe verrichtete. Wirkliche Hilfe gab nur Elaskon K 30, „Schwellenöl“ der Reichsbahn, das mit Graphitöl versetzt war und, anders als K 60, elastisch blieb. Warum nun dem Trabantfahrer zu K 60 geraten wurde? Kastner weiß es nicht. Vielleicht war es mit weniger Devisen herstellbar, vielleicht einfach nur eine technologische Sackgasse. Sein Panamagrüner hat jedenfalls zeitlebens kein K 60 gesehen.

Früher war der Trabant geschätzte Alltäglichkeit und geschmähtes Auto zugleich („Zwickau ist das einzige Werk, das Oldtimer serienmäßig herstellt“), kurzzeitig zur Wende-Legende stilisiert, dann totgesagt – und heute Gegenstand meist freundlicher Aufmerksamkeit. „Viele grüßen mich; einfach so, weil sie früher auch einen Trabant hatten und manche schöne Erinnerung damit verbunden ist.“ – Und damit wären wir doch noch mal bei Janoschs Panama-Geschichte mit Tiger, Bär und Tigerente, die nach vielen Abenteuern ihr altes Zuhause wiederfinden, neu schön machen, richtig schätzen lernen und zu der Erkenntnis gelangen: „Wenn man einen Freund hat, ... braucht man sich vor nichts zu fürchten.“ Wer einen Trabant hat: auch nicht!