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„Ohne die Tafeln hätten einige nichts zu essen“

Die Pirnaer Tafel-Chefin kann nicht über zu wenig Lebensmittelspenden klagen. Dafür fehlt es aber an anderen Ecken.

© Norbert Millauer

Von Mareike Huisinga

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Frau Furkert, die Tafeln schlagen bundesweit Alarm, dass die Zahl der Rentner unter den Tafelkunden steigt. Wie sieht es in Pirna aus?

Diesen Trend kann ich für Pirna nicht bestätigen. Die Zahl der Rentner, die Hilfe bei uns suchen, ist relativ konstant. An den beiden Ausgabestellen in der Altstadt und auf dem Sonnenstein werden wöchentlich rund 35 ältere Menschen versorgt. Das ist natürlich auch immer noch eine hohe Zahl. Zu hoch.

Woran liegt es?

Viele Menschen gerieten nach der Wende in die Arbeitslosigkeit und zahlten wenig in die Rentenkasse ein. Das rächt sich jetzt, denn sie müssen oftmals von der Mindestrente leben. Davon gehen in der Regel Miete, Strom und Wasser ab. In einigen Fällen bleibt zu wenig für Lebensmittel übrig. Deshalb ist diese Klientel auf die Tafel angewiesen. Ich denke oft, ohne die Tafeln hätten einige gar nichts zu essen.

Ist das nicht eine Übertreibung?

Leider nicht. Persönlich kenne ich Menschen in Pirna, die manchmal hungern müssen, bis sie sich wieder bei der nächsten Ausgabe in der Reihe anstellen können. Ausdrücklich möchte ich die Kunden ermutigen, uns solche extremen Notsituationen mitzuteilen. Dann können wir gemeinsam eine Lösung finden.

Wie viele Menschen versorgt die Pirnaer Tafel an den Ausgabestellen in der Altstadt und auf dem Sonnenstein durchschnittlich?

Momentan versorgen wir wöchentlich rund 200 Familien an den beiden Ausgabenstellen. Die Tendenz ist steigend. Auch die Stadt verweist oft auf die Tafel. Und viele kommen aufgrund von Mund-zu-Mund-Propaganda. Was uns besonders freut: Immer mehr Menschen finden nach erstem Zögern dann doch den Mut, zur Tafel zu gehen und Hilfe anzunehmen.

Folglich ist die Hemmschwelle für manche immer noch hoch?

Ja. Viele finden es erniedrigend und als Bettelei, wenn sie zur Tafel gehen. Deshalb schulen wir auch unser Personal gut, damit solche Ängste genommen werden. Außerdem arbeiten bei uns viele Hartz-IV-Empfänger in den Ausgaben. Sie kennen die Situation, wenig zu haben. Das schafft Verständnis auf Augenhöhe.

Reichen die Lebensmittel aus, um alle möglichst gut sattzubekommen?

Ja, derzeit geben die Bäcker und die Discounter gut ab. Das fängt bei Brötchen an, geht über Wurst, Käse, Obst und Gemüse bis hin zu Pralinen und sogar Orchideen. Ich möchte an dieser Stelle auch ein großes Dankeschön an alle Spender sagen!

Vor gut zwei Jahren gab es Probleme. Im Zuge der Flüchtlingswelle suchten vermehrt Migranten die Pirnaer Tafel auf. Zwischen ihnen und einheimischen Kunden kam es in einigen Fällen zu Beleidigungen und Rangeleien…

Das stimmt, aber wir konnten die Problematik schnell in den Griff bekommen. Unter anderem stellten wir uns mit in die Warteschlange und suchten das Gespräch, so dass sich die Situation entschärfte. Obwohl ich nicht verschweigen will, dass wir zeitweise auch daran dachten, einen Sicherheitsdienst einzustellen. So extrem war es. Heute hat sich zwischen den ausländischen Mitbürgern und den Pirnaern ein gutes, ruhiges Verhältnis entwickelt.

Die Tafel tischt nicht nur Lebensmittel auf. Welche anderen Hilfen gibt es?

Einmal im Monat kommt ein Anwalt, der die Hartz-IV-Empfänger berät. Ein Experte führt Rentenberatung durch. Außerdem bietet das Familienzentrum, dem wir angegliedert sind, einen Klöppelkurs, einen Malzirkel und Schneiderkurse an. Im Begegnungscafé kann man gemütlich zusammensitzen. Ganz wichtig ist für die Tafelkunden auch das Kleiderstübchen, wo sie sich für einen sehr kleinen Preis mit Bekleidung eindecken können.

Welche Kleidungsstücke werden aktuell dringend benötigt?

Uns fehlen vor allem warme Wintersachen für alle Altersgruppen, bis auf Babybekleidung. Wir nehmen momentan alles an. Fast, denn leider kommt es auch immer wieder vor, dass Personen Kleidung bringen, die man nur noch entsorgen kann. Wir hatten auch schon Plastiktüten mit vollgemachten Windeln und völlig verschmutzter Bettwäsche. Ich empfinde solche sogenannten Spenden als Zumutung für unsere Mitarbeiterinnen, die die Sachen sortieren.

Das Gespräch führte Mareike Huisinga.

Infos im Internet.