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„Ohne Kampf geht gar nichts“

264 Kinder besuchen die Dresdner Grundschule „Johanna“, zwei Drittel mit Migrationshintergrund. Die Schule hat den Stadtteil gespalten. Das Ringen um Integration ist hart.

© Ronald Bonß

Von Doreen Reinhard

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Angela Wenk hat selten pünktlich Feierabend. Ihre Arbeitstage beginnen früh um halb sieben und enden meist erst zehn, zwölf Stunden später. An vielen Abenden, wenn die 102. Grundschule dunkel ist und die Kinder längst zuhause sind, brennt in ihrem Direktorenzimmer noch Licht. Ein schmuckloser Raum direkt über dem Schuleingang, an den Fenstern kleben eine gemalte Weltkugel und die Worte: „Herzlich willkommen, Kinder der Erde!“. Für Angela Wenk ist das nicht nur ein Spruch. Es ist eine Aufgabe und die nimmt sie ernst. So ernst, dass sie dafür immer wieder streitet, fordert, sich unbeliebt macht – bei der Schulbehörde und bei Politikern.

„Kinder der Erde – Herzlich willkommen“ steht über dem Eingang zur Johannstädter Grundschule. Das ist Anspruch und Aufgabe zugleich – für Schüler, Eltern und Lehrer.
„Kinder der Erde – Herzlich willkommen“ steht über dem Eingang zur Johannstädter Grundschule. Das ist Anspruch und Aufgabe zugleich – für Schüler, Eltern und Lehrer. © Ronald Bonß

Angela Wenk ist 60 Jahre alt, eine zierliche Dame, die zackig vorgeht und spricht. „Ohne Kampf und viel Ausdauer geht nichts“, das hat sie in den viereinhalb Jahren als Schulleiterin gelernt. „Ich habe mich immer wieder dafür geschämt, dass in unserem Bildungssystem so viel Bockmist verzapft wird. Ich gehöre ja zu diesem System. Aber es ist doch unser Job, die Verantwortung zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass Lösungen gefunden werden.“ Und genau damit sind ihre Tage und Abende gefüllt, denn die 102. gilt als „Problemschule“.

Die „Johanna“ steht mitten in der Dresdner Johannstadt. Die meisten der 264 Schüler kommen aus der Nachbarschaft. Es ist ein Viertel mit vielen Gesichtern. Gutverdiener treffen auf Hartz-IV-Empfänger, Rentner auf Familien. Außerdem leben schon immer viele Migranten hier. Deren Anteil ist in den letzten Jahren weiter gestiegen. Die Grundschule könnte ein Selbstläufer in dem dicht bewohnten Stadtteil sein. In Wirklichkeit aber hat sie die Nachbarschaft gespalten. Viele Eltern fahren ihre Kinder inzwischen in andere Grundschulen, etliche Kilometer weit entfernt. Will man die Entwicklung der „Johanna“ verstehen, landet man bei den Symptomen der sächsischen Bildungsmisere. Und bei einer großen Aufgabe: Wie gelingt Integration?

In dem schlichten Plattenbau lernen Schüler aus über 30 Nationen. Das klingt nach Miteinander, aber die Verhältnisse haben sich in den letzten Jahren verschoben. Etwa zwei Drittel der Grundschüler haben einen Migrationshintergrund. Einige leben mit ihren Familien schon länger hier, andere sind erst kürzlich als Flüchtlinge angekommen. Die Anmeldungen von Einheimischen dagegen sind zurückgegangen. In der „Johanna“ denkt man inzwischen auch über die Frage nach: Wie integrieren wir wieder mehr deutsche Schüler?

Die „Johanna“ ist schon seit den 90er-Jahren auf „Deutsch als Zweitsprache“ spezialisiert. Das Profil ergab sich durch das Einzugsgebiet. Auch Angela Wenk kennt sich damit aus, vorher hatte sie lange an einer Bautzener DaZ-Schule gearbeitet. Nach Dresden ist sie vor viereinhalb Jahren aus privaten Gründen gewechselt. Sie freute sich auf den neuen Arbeitsplatz, sah dort aber viele Krisenherde: „Die Stimmung im Team war unruhig, das Personal knapp bemessen, viele Lehrer standen kurz vor der Rente.“ Ein Ergebnis sächsischer Sparpläne, das mit einem zunehmend schwierigen Schulalltag kollidierte. Denn immer mehr Flüchtlinge kamen nach Deutschland, auch in Schulen wie die „Johanna“.

Vor zwei Jahren schrieb Angela Wenk den ersten von vielen Alarmbriefen an ihre Vorgesetzten, an das Dresdner Schulamt, ans sächsische Kultusministerium. Wieder und wieder äußerte sie Wünsche: Mehr Lehrer! Geringere Klassenstärken! Mehr Sozialarbeiter und Schulpsychologen! Ausgewogenere Verteilung der DaZ-Schüler innerhalb der Dresdner Schulen! Integrationsassistenten einstellen, die Brücken bauen zum Elternhaus! Einiges hat sich verändert, seit sie drängelt. Das Wichtigste: Inzwischen hat die Schule tatsächlich mehr Personal. Im Moment gibt es 22 Lehrer im Team, acht davon sind Seiteneinsteiger. „Das ist nicht ideal, weil einige von ihnen auch noch betreut werden müssen“, sagt Wenk. „Aber wir sind insgesamt mehr Lehrer, das ist gut.“ Auf andere Forderungen pocht sie weiterhin.

In der „Johanna“ werden von den 170 Schülern mit Migrationshintergrund derzeit 120 sprachlich gefördert, neben dem normalen Grundschulpensum. Davon sind 50 Kinder in einer fortgeschrittenen Phase, der Rest braucht intensive Betreuung.

Zum Beispiel in der DaZ-Klasse von Holm Buchner. Wer ihn eine Unterrichtsstunde lang beobachtet, sieht einen Lehrer unter Hochdruck arbeiten. 13 Kinder sitzen vor ihm, jedes auf einem anderen Bildungsstand. Für Buchner heißt das: rotierender Einzelunterricht. Sora ist neu an der Schule, sie muss zuerst das Alphabet lernen. Dilcan kann schon lesen, hat aber gerade keine Lust, ein Buch aufzuschlagen. Und dann sind da noch Salma, Wessam, Hala und die anderen. Mit jedem Kind muss individueller Stoff geübt werden. Zehnerreihen aufzählen, Diktat schreiben, Aussprache verbessern. Holm Buchner, 53 Jahre alt, hat seine Augen überall. An diesem Vormittag sind außerdem vier Helfer da, Schul-Praktikanten und Flüchtlingshelfer. Mal haben sie ihre Unterstützung selbst angeboten, mal hat sich die „Johanna“ darum gekümmert. „Ohne diese Hilfe wäre der Unterricht kaum zu schaffen“, sagt Buchner.

Vieles sei hart gewesen in den letzten Jahren, sagt er, „aber durch unsere Kämpfe und den Einsatz der Schulleiterin hat sich einiges verbessert“. Ganz oben auf Buchners eigener Wunschliste steht die Zusammenarbeit mit den Eltern. „Viele können ihren Kindern nicht helfen, weil sie selbst noch nicht genug Deutsch sprechen.“ Anderen müsse man erst erklären, wie Schule in Deutschland funktioniert.

Ein Schritt war ein Elternabend vor einigen Monaten. Mehrere Dolmetscher wurden einbestellt und die Eltern an die Tische ihrer Sprache sortiert. Ein Thema des Treffens: Wie organisiert man ein Hausaufgabenheft? Die Aufklärung hat einiges bewirkt. Für Holm Buchner sind es ohnehin die kleinen Erfolge, die ihn motivieren. So wie das Erlebnis mit Dilcan gerade: „Anfangs hatte sie keine Lust, in ein Buch zu schauen. Am Ende kam sie aus dem Unterricht und rief: Hurra, ich kann lesen!“

Oft hat Holm Buchner einen Assistenten an seiner Seite, den er als „Geschenk des Himmels“ bezeichnet. Der Mann heißt Abdulhadi Imad Waad, ist 25 Jahre alt und stammt aus dem Irak. Hadi, so nennen ihn hier alle, ist vor zwei Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Er will Lehrer werden und absolviert, bis er die nötigen Dokumente zusammen hat, ein Freiwilliges Soziales Jahr in der „Johanna“.

Hadi funktioniert als Scharnier, nicht nur sprachlich, er kann der einen Welt die andere erklären. „Bei einigen Eltern habe ich das Gefühl, sie finden es nicht so wichtig, ihr Kind in eine Schule zu schicken“, sagt er. „Ich erkläre ihnen, was für eine große Bedeutung Bildung in Deutschland hat. Dass ihre Kinder später bessere Chancen haben als in Syrien oder dem Irak.“ Manche Eltern bleiben bei ihrem Desinteresse, andere sind ihm dankbar.

Auch um den FSJler hat sich die Schule selbst bemüht. Ginge es nach Angela Wenk, könnte es Hadi in mehrfacher Ausführung geben. Außerdem wünscht sich die Schulleiterin mehr Aufmerksamkeit für den Förderbedarf, der ihr bei vielen Schülern auffällt, nicht nur sprachlichen. „Da geht es um soziale, emotionale Probleme, auf die wir bei vielen Schülern nicht genug eingehen können, weil wir von zig anderen Dingen beansprucht sind.“ Derzeit gibt es zwei Stellen für Sozialarbeiter, die sich die „Johanna“ aber mit der benachbarten 101. Oberschule teilt. Anfang des Jahres wurde endlich auch eine Schulpsychologin vermittelt – allerdings ist sie derzeit für insgesamt 45 Schulen zuständig.

In sächsischen Bildungsbehörden kennt man den Namen Angela Wenk inzwischen genau. Petra Nikolov, Sprecherin des Landesamtes für Schule und Bildung, lobt zunächst: „Lehrer leisten heute viel, von Inklusion bis Integration. Die Herausforderungen sind deutlich vielfältiger geworden.“ Doch sie findet auch: So schlimm seien die Zustände in der „Johanna“ gar nicht. „Mit der Schule gibt es schon lange einen engen Kontakt. Auch gewisse Reibungen. Aber es war immer die Schule, die von uns zuerst bedacht wurde, sobald es um die Verteilung von Lehrern ging.“

Inzwischen sei der Personalschlüssel sehr gut, sagt sie, jedenfalls im Vergleich zur restlichen Bildungslandschaft. Dort wiederum klaffen ständig Lücken. „Die Johanna ist eine Schule mit einer hohen Migranten-Quote, das geht aber auch anderen Dresdner Schulen so. Wir bemühen uns um Verbesserungen. Das Problem ist jedoch, dass die Schulkapazitäten in der Stadt kaum noch neue Plätze hergeben.“

Schulleiterin Wenk bleibt vorerst Einzelkämpferin. Und sieht auch Verbesserungen. Das stärkere Team, in dem sie „eine Aufbruchsstimmung“ spürt. Und die vielen Klassen, in denen das Miteinander funktioniert. Die 2c zum Beispiel. Niemand, nicht einmal die Klassenlehrerin, kann auf Anhieb sagen, wie viele Nationen vor der Tafel sitzen. Es spielt keine große Rolle im Unterricht. Deutsch sprechen inzwischen alle gleich gut. Solche Bilder würde Angela Wenk am liebsten draußen an die Schule projizieren. Damit neben den Herausforderungen auch die Bemühungen der Schule, ihre Fortschritte sichtbar werden. Immerhin: Die Direktorin freut sich, dass es für das nächste Schuljahr 80 neue Anmeldungen gibt, auch ein paar mehr von deutschen Kindern aus der Nachbarschaft.

Uta Adam ist seit 14 Jahren ein Teil davon und versteht nicht, warum die „Johanna“ den Stadtteil zerrissen hat. Warum immer mehr Eltern, die sie auf dem Spielplatz traf, über die Schule schimpften. „Bei dem Gemecker ging es oft um nichts Konkretes. Viele Eltern haben irgendetwas Negatives aufgeschnappt und weitererzählt.“ Auch Uta Adam suchte einen Schulplatz für ihre Tochter Lilly. Sie wollte einen kurzen Schulweg. Und sie hatte mit der „Johanna“ schon gute Erfahrungen gemacht, mit ihrem Sohn, der dort vor einigen Jahren Grundschüler war. Adam ging zu Besuchstagen, konnte nichts Abschreckendes feststellen, also meldete sie ihre Tochter an.

Das ist inzwischen vier Jahre her. Bereut hat sie diese Entscheidung nicht, obwohl sie als Elternrätin auch die Turbulenzen der Schule miterlebt. Für Uta Adam zählt: „Viele Lehrer sind motiviert.“ Auch ihre Tochter habe keine Probleme gehabt. Bald wird die Zehnjährige die Grundschule verlassen. Vergessen wird sie ihre ersten Schuljahre nicht, glaubt ihre Mutter. Lillys beste Freunde stammen aus Nigeria, Indien, Syrien, Russland. Adams Bilanz ist auch heute pragmatisch: „Nur wegen Multi-Kulti hätte ich meine Tochter nicht kilometerweit an eine Schule mit vielen Migranten geschickt. Der kurze Schulweg war für uns entscheidend.“ Mit dem Nebeneffekt, der sich dabei ergeben hat, kann Uta Adam gut leben: Weltoffenheit ist nun ein Wort, das sie und ihre Tochter besser verstehen.