merken

Ohne Worte

Ralf Herzog hat die Dresdner Pantomimeszene gegründet. Stirbt sie nun aus?

© Christian Juppe

Von Nadja Laske

Großes Glück kann so klein sein

Hellwach oder im lieblichen Schlummer zeigen sich die süßen Babys. In unserer Themenwelt Stars im Strampler gibt es den Nachwuchs zu sehen.

Andere bekommen grünes Licht, Ralf Herzog grüne Schrift. Per Brief in grasfarbener Tinte lud ihn einst der Klubchef zum Pantomimeunterricht ein. „Da musste man sich ganz offiziell bewerben, und ich habe jeden Tag in den Briefkasten geschaut und gebangt“, erinnert sich der 66-Jährige. Mit ersten Auftritten vor der Schulklasse hatte er da schon sein Publikum begeistert, nun durfte er die wortlose Kunst richtig lernen. „Ich war das Küken in der Gruppe und wurde Klamotten-Ede genannt.“ Sicher nicht allein, weil er als Prometheus am Fels, den er pantomimisch darstellen sollte, lieber Fliegen vertrieb, als leberzerreißend zu leiden. Humoristische Improvisation war schon früh seine große Stärke.

Auf dem Lehrerpult spielte Ralf Herzog als 11-Jähriger seiner Klasse vor. Mit 13 nahm er Pantomimeunterricht.
Auf dem Lehrerpult spielte Ralf Herzog als 11-Jähriger seiner Klasse vor. Mit 13 nahm er Pantomimeunterricht. © privat
Mit dem Stück „Der Mantel“ begann er Anfang der 1980er Jahre im Volkskunstpodium seine Theaterarbeit.
Mit dem Stück „Der Mantel“ begann er Anfang der 1980er Jahre im Volkskunstpodium seine Theaterarbeit. © privat
Inspiration erhielt Herzog auch von dem Pantomime Marcel Marceau – ob in Ringelshirt oder Anzug.
Inspiration erhielt Herzog auch von dem Pantomime Marcel Marceau – ob in Ringelshirt oder Anzug. © heinz patzig

Wenn Ralf Herzog heute in den dicken Mappen stöbert, die das Stadtarchiv Dresden von ihm aufbewahrt, fallen die Erinnerungen wie Fliegen über ihn her, nur nicht so lästig. Durch Fotos, Zeitungsausschnitte, Programmheften, Plakaten, Skizzen und Stückbeschreibungen blättert er. Sie füllen ein gutes Dutzend grauer Pappkartons, Dokumente, die sein Vater, inzwischen 92 Jahre alt, ein halbes Jahrhundert lang gesammelt hat. In diesem Jahr feiert Ralf Herzog 55-jähriges Bühnenjubiläum.

Vor etwa drei Jahren haben Archivare und Historiker die letzten Bilder und Schriftstücke übernommen, akribisch sortiert, katalogisiert, aufgearbeitet und verwahrt. Viel Neues wird nicht mehr hinzukommen. Ende August kündigte Ralf Herzog das Ende seiner Mimenbühne an. „Die Kraft ist zu Ende, die Finanzen sind es auch“, sagte er damals dazu. Ein letztes Mal wird er vom 8. bis zum 11. November zum Pantomimefestival einladen. Ob es nach dieser 35. Ausgabe weitergeht, bleibt offen. Vielleicht führen Jüngere es weiter.

Obwohl Ralf Herzog schon als Elfjähriger seiner Klasse einen ganzen Tagesablauf vorspielte, ohne dabei ein Wort zu sagen, wollte er nie Schauspiel studieren. „Ich hätte nie so viel Text lernen können“, sagt er. Stattdessen wurde der Sohn eines Ingenieurs und einer Bauzeichnerin Maschinenschlosser. Nicht nur, um „etwas Richtiges“ zu lernen. Technisches Geschick und Kunst hat er sein Leben lang miteinander verbunden – als Bühnentechniker im Kulturpalast, Puppenmechaniker an der Puppenbühne und selbst als Regisseur am Theater Junge Generation. Parallel dazu spielte er in verschiedenen Pantomime-Projekten und tourte ab 1984 mit der berühmten Compagnie Salto Vitale durch die ganze Welt.

Ralf Herzog hat die Dresdner Pantomimen-Szene gegründet. Das seine Kunst heute so viel weniger Beachtung findet, als früher, das schmerzt ihn. Diese kulturelle Nische mag klein sein, doch sie beherbergt die darstellerische Basis. Seinem Kreis treuer Pantomimefans will Ralf Herzog deshalb erhalten bleiben.