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Sachsen

Olbrichts Geburtshaus in Leisnig verfällt

Der General war eine Schlüsselfigur beim Attentat auf Hitler. Sein Geburtshaus wird nun zusehends zur Ruine. Die Stadt will das verhindern, kann aber nicht.

In diesem Haus auf der Friedrich-Naumann-Straße in Leisnig wurde  Friedrich Olbricht geboren. Das Gebäude wird immer mehr zur Ruine.
In diesem Haus auf der Friedrich-Naumann-Straße in Leisnig wurde Friedrich Olbricht geboren. Das Gebäude wird immer mehr zur Ruine. © dpa/Jan Woitas

Von Martin Kloth

Leisnig. Von der Fassade bröckelt der Putz, das durchhängende Dach ist löchrig und eine Notsicherung ist auch schon wieder kaputt: Ein Dreivierteljahrhundert nach dem Attentat auf Adolf Hitler schreitet der Verfall am Geburtshaus des maßgeblichen Mittäters Friedrich Olbricht im mittelsächsischen Leisnig dramatisch voran. Lieber heute als morgen würde die Stadt den Wandel zur Ruine stoppen - doch Bürgermeister Tobias Goth (CDU) sind die Hände gebunden. Das denkmalgeschützte Gebäude befindet sich in Privatbesitz, und der Eigentümer in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist für den Rathaus-Chef nicht erreichbar. "Wir kommen nicht ran", sagt Goth im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur zerknirscht.

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General Friedrich Olbricht gehörte mit Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Generalmajor Henning von Tresckow zu den Schlüsselfiguren des militärischen Widerstands und des Attentats am 20. Juli 1944, das sich am Montag zum 76. Mal jährt. Der damalige Leiter des Allgemeinen Heeresamtes war verantwortlich dafür, mit dem Codewort "Walküre" die Entmachtung des Regimes der Nationalsozialisten durch die Wehrmacht auszulösen. Gemeinsam mit Stauffenberg wurde der General in der Nacht nach dem Anschlag und dem gescheiterten Umsturz in Berlin erschossen.

In Leisnig ist man sich der historischen Leistung Olbrichts bewusst. Seit 1988 erinnert eine rote Granittafel rechts neben dem Eingang an dessen Geburtshaus daran. In einem nahe gelegenen kleinen Park wurde dem berühmten Sohn der Stadt eine Rotbuche gewidmet. Und auf dem Weg dorthin überquert man den Olbrichtplatz.

Umso betrübter ist Bürgermeister Goth, wenn er auf das Olbricht-Haus schaut. "Wir haben uns als Stadt und Stadtverwaltung diesem Haus verschrieben", betont er. Der Stadtrat habe grünes Licht dafür gegeben, dass die Stadt das Haus kaufen könne. Versuche, mit dem Besitzer in Kontakt zu treten, seien aber gescheitert.

Blick auf das baufällige Dach des Geburtshauses von Olbricht.
Blick auf das baufällige Dach des Geburtshauses von Olbricht. © dpa/Jan Woitas

Um größeren Schaden abzuwenden, hatte die Stadt bereits 2010 mit finanzieller Unterstützung der Unteren Denkmalschutzbehörde für rund 3.000 Euro eine Notsicherung des Dachs vornehmen lassen. Damit sollte laut Goth verhindert werden, dass sich die Fäulnisschäden an der Holzkonstruktion weiter ausbreiten.

Inzwischen ist auch das Ersatzdach aus Wellblech verschlissen, die Einbrüche am Originaldach und eine offene Dachluke lassen Schlimmes befürchten. "Wir müssen wieder was machen", sagt Goth. Wie es tatsächlich im Inneren aussieht, weiß niemand. Doch schon Jahre zuvor war der Verfall unübersehbar. "Es sah abenteuerlich verrottet aus", erinnert sich Oberstleutnant Christoph von Löwenstern im Gespräch mit der dpa an eine Visite 2010.

Er war damals Presseoffizier der inzwischen aufgelösten 13. Panzergrenadierdivision der Bundeswehr, dessen Stab in der General-Olbricht-Kaserne in Leipzig ihren Sitz hatte. Von Löwenstern berichtet von Vermüllung und teilweisen Deckendurchbrüchen. Man habe vom Erdgeschoss aus den Himmel sehen können, ein Bäumchen sei im Inneren gewachsen.

Der Offizier hatte seinerzeit über einen Freund in Dubai auch den Kontakt der Stadt zum Hausbesitzer vermittelt. Der Kontakt und damit die Bemühungen verliefen aber im Sande. In der Erinnerung von Löwensterns hatte der Eigentümer eher Desinteresse signalisiert.

Eine Tafel mit Informationen hängt am baufälligen Geburtshaus von Friedrich Olbricht.
Eine Tafel mit Informationen hängt am baufälligen Geburtshaus von Friedrich Olbricht. ©  dpa/Jan Woitas

Olbrichts Geburtshaus ist laut Landesamt für Denkmalpflege (LfD) "ein Kulturdenkmal und bau-, orts- und personengeschichtlich von Bedeutung". Insgesamt gibt es in Sachsen mehr als 101.000 Kulturdenkmale. Dazu gehören nicht nur Gebäude, sondern auch Brücken, Kleindenkmale, technische Anlagen sowie Gärten und Parks.

Per Gesetz sind Eigentümer "verpflichtet, Denkmale pfleglich zu behandeln, im Rahmen des Zumutbaren denkmalgerecht zu erhalten und vor Gefährdung zu schützen", so das LfD. Sollten Besitzer dem nicht nachkommen, könnte vonseiten der Behörden "mit Mitteln des Verwaltungszwangs vorgegangen werden, also mit der Androhung von Zwangsgeld bis hin zur Ersatzvornahme", heißt es aus der Unteren Denkmalschutzbehörde im Landratsamt Mittelsachsen.

Dem Landesamt für Denkmalpflege zufolge würden Gefährdungen an Denkmalen oft aus ungeklärten Besitzverhältnissen, Leerstand und fehlender Nutzung sowie Grenzen der Zumutbarkeit für private Eigentümer resultieren. So sind seit 1990 insgesamt 5.227 Kulturdenkmale abgerissen oder beseitigt worden, teilt das LfD mit.

Siegfried Bretsch vom Leisniger Geschichts- und Heimatverein schaut bekümmert auf das verfallende Olbricht-Haus. "Natürlich blutet uns als Verein da das Herze", sagt der Rentner. In der Vorstellung von Bretsch, Vereinschef Uwe Reichel und Mitstreiter Norbert Giersch könnten der Verein und eine Ausstellung zum Leben von Olbricht dort einziehen. 

Uwe Reichel (l), Vorsitzender des Leisniger Geschichts- und Heimatvereins steht mit Bürgermeister Tobias Goth (CDU) vor dem Haus.
Uwe Reichel (l), Vorsitzender des Leisniger Geschichts- und Heimatvereins steht mit Bürgermeister Tobias Goth (CDU) vor dem Haus. © dpa/Jan Woitas

Friedrich Olbricht war jedoch nicht nur ein führender Kopf des militärischen Widerstands, sondern zuvorderst ein Militär. Der Sohn eines Oberlehrers, der in Freiberg und Bautzen zur Schule ging, wurde bereits nach dem Abitur 1907 Fahnenjunker. Er diente unter anderem in Leipzig und Dresden und kämpfte im Ersten Weltkrieg. Als Generalmajor übernahm er 1938 die 24. Infanteriedivision in Chemnitz, wo seit 2008 ein Stolperstein an seinen damaligen Wohnort erinnert. Zum Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er für seinen Einsatz bei der Besetzung von Polen mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet.

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Dass Olbricht sich dennoch dem Nazi-Regime entgegenstellte, hing nach Auffassung von Heimatforscher Siegfried Bretsch mit dessen humanistischer Erziehung zusammen, der er gefolgt sei. "Er hat das mit der Konsequenz betrieben, die ihn das Leben gekostet hat." 

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