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Oma erstreitet Linienbus

In Großdrebnitz fährt eine Seniorin teuer Taxi, weil kein Bus kommt. Erika König aus Karlsdorf hatte eine andere Idee.

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© Steffen Unger

Von Ingolf Reinsch und Gabriele Nass

Auf die Buslinie in ihrem Dorf ist eine Großdrebnitzerin nicht mehr gut zu sprechen, seitdem sie an der Haltestelle stehengelassen wurde. Die Rentnerin ist Diabetikern. Sie muss regelmäßig früh zum Arzt nach Bischofswerda zum Blutabnehmen. Um pünktlich zu sein, will sie den ersten Bus am Morgen nehmen. Doch das ist ein Schulbus. „Der Fahrer sagte mir, er dürfe mich nicht mitnehmen, weil ich in diesem Bus nicht versichert sei“, sagt die Frau. „Ich hätte doch bezahlt und als Beleg meinen Fahrschein gehabt“, fügt die Seniorin hinzu. Kopfschüttelnd und noch immer auch ein bisschen Wut im Bauch. Die Geschichte liegt drei, vier Jahre zurück, sie bewegt die ältere Damen aber weiter. Sie steigt inzwischen in keinen Bus mehr ein, sondern bestellt sich ein Taxi. „Das ist bequemer. Ich habe mehr Zeit beim Einsteigen und der Fahrer ist mir behilflich.“ Aber es ist für sie auch deutlich teurer .

Schöne Bushaltestellen wie hier in Großdrebnitz wollen alle. Und vielerorts sind sie auch attraktiv. Aber was nutzen sie, wenn zu wenige oder gar keine Busse fahren?
Schöne Bushaltestellen wie hier in Großdrebnitz wollen alle. Und vielerorts sind sie auch attraktiv. Aber was nutzen sie, wenn zu wenige oder gar keine Busse fahren? © Steffen Unger

Madlen Paul, Sprecherin des Landratsamtes, bestätigt auf Anfrage, dass reine Schulbusse tatsächlich nur von Schülern genutzt werden dürfen, die dafür eine Genehmigung haben. Schulbusse „sind auf die Bedürfnisse der Schüler abgestimmt und können auch kurzfristig dem Bedarf angepasst werden. Die Kosten trägt der Landkreis insgesamt. Es werden keine Fahrkarten verkauft“, so die Sprecherin. Im Raum Bischofswerda gibt es nur eine Schülerlinie, die S 44. Sie bringt Kinder am Morgen in die Schulen nach Goldbach und Frankenthal und am Nachmittag wieder nach Hause. Erwachsene können alle anderen Linien nutzen, auch früh im Schülerverkehr. Wie es zu der geschilderten Panne in Großdrebnitz kommen konnte, kann man sich im Landratsamt nicht erklären. Großdrebnitz wird seit vielen Jahren mit der öffentlichen Linie 183 bedient, die jeder nutzen darf. „Eventuell gab es Einschränkungen während des Straßenbaus“, vermutet die Sprecherin. Damals hatte der Landkreis Zubringerleistungen für Schüler extra bestellt und finanziert.

Am Abend gibt es Lücken

Die meisten Fahrgäste in den Linienbussen sind Schüler. Entsprechend sind die Fahrpläne gestrickt. An Schultagen ist es meist kein Problem, von den Dörfern in die Stadt und zurückzukommen. Zumindest bis zum Nachmittag. Dann gibt es Lücken. So fährt der letzte Bus von Bischofswerda nach Großhänchen über Uhyst 16.50 Uhr. In den Ferien werden auf dieser Linie nur drei Rufbusse am Tag angeboten, die nach vorheriger Anmeldung fahren. Der erste fährt am Morgen von Uhyst nach Bischofswerda. In der Gegenrichtung gibt es zwei Busse – einer am späten Vormittag, der andere kurz nach dem Mittag. An den Wochenenden sind die meisten Dörfer vom Busverkehr komplett abgeschnitten. Sonnabends werden von Bischofswerda aus nur die Linien nach Kamenz, Bautzen und Oppach bedient. Sonntags sind es zwei Busse mit dem Ziel Kamenz bzw. Hoyerswerda.

Dass es auch positive Veränderungen gibt, zeigt die Anfang August veränderte Linie 177. Sie führt von Bischofswerda über Putzkau, Schmölln und Demitz zurück in die Stadt. Durch eine neue Streckenführung werden jetzt die Demitzer Ortsteile Karlsdorf, Cannewitz und Pottschapplitz in die Linie einbezogen. Zuvor hatte jahrelang kein Bus mehr in diesen Dörfern gehalten. Karlsdorfer, die auf den Bus angewiesen sind, um nach Bischofswerda zu kommen, mussten anderthalb Kilometer bis zur Haltestelle an der Rothnaußlitzer Ampelkreuzung laufen – 20 Minuten bei straffem Tempo. Für Senioren wie die 85-jährige Ingeburg Biebas war das nicht mehr zu schaffen. Jetzt hält der Bus fast vor ihrem Haus. Sie ist froh: „Eine feine Sache. Und es gibt so viele Verbindungen am Tag.“ Zumindest in der Woche. Und vor dem Wochenende ist der Seniorin nicht bange. „Wenn wirklich Not am Mann ist, fährt mich auch mal ein Nachbar“, sagt sie. Karolin Schmidt hat die neue Linie schon ausprobiert: „Die Fahrzeiten sind gut. Ich hatte anderthalb Stunden für meine Besorgungen in Bischofswerda Zeit. Optimal.“

An den Landtagsabgeordneten gewandt

Dass das kleine Karlsdorf mit nicht einmal 100 Einwohnern jetzt ans Busnetz kam, ist freilich kein Zufall. Jahrelang haben sich Erika König und weitere Bürger aus Demitzer Ortsteilen dafür eingesetzt. Vor den letzten Wahlen wandte sie sich an den damaligen Landtagsabgeordneten Stefan Brangs. Der vermittelte den Kontakt zum Chef des Verkehrsverbundes Zvon. Erika König rief bei ihm und im Landratsamt an. Sie stellte schnell fest: Telefonieren bringt gar nichts. Also schrieb sie Briefe. Jedes Mal wurde sie bis zum nächsten Fahrplanwechsel vertröstet. Aber die couragierte Frau gab nicht auf. „Wenn man nicht selbst die Initiative ergreift, wird nichts. Man muss hartnäckig sein“, sagt die Karlsdorferin. Sie selbst fährt noch Auto. Sie denkt aber auch an ihre Nachbarn und fügt hinzu: „Wer weiß denn, wie lange ich noch Auto fahren kann?“ Dann wäre auch sie auf den Bus angewiesen. Aber auch Schüler profitieren von der neuen Streckenführung. „Zwei Mädchen fahren aufs Gymnasium. Bisher mussten sie die Eltern nach Bischofswerda bringen, weil nichts fuhr. Jetzt können die Mädchen in den Bus einsteigen“, sagt die Karlsdorferin.

Die Lösung kostet den Landkreis nicht mehr Geld. Kinder aus Karldorf, Cannewitz und Rothnaußlitz, die bisher im Kleinbus zur Grundschule nach Demitz gefahren worden sind, nutzen jetzt den Linienbus. Auch im Landratsamt gab es Überlegungen, die Linien 177, 188 und die Bischofswerdaer Stadtlinie B nach Schönbrunn zu optimieren. „Bisher fuhren drei Linien über Schönbrunn nach Bischofswerda. Die Linie 188 (Bischofswerda – Stacha – Schönbrunn) war mit dem geringen Angebot sehr unwirtschaftlich“, erläutert Madlen Paul. Jetzt fährt die Linie 177 nicht mehr über den Bischofswerdaer Ortsteil. Dafür wurde das Angebot der 188 erweitert. Eine intelligente Lösung, die Schule machen kann? Madlen Paul: „Anfragen von Bürgern zu neuen Verkehrsverbindungen werden immer geprüft. Neben der Machbarkeit der verkehrlichen Umsetzung muss aber die Wirtschaftlichkeit betrachtet werden.“

Die Haltestelle nahe der Demitzer AWG wurde durch die neue Streckenführung aus dem Fahrplan gestrichen. Nach Hinweisen von Bürgern besserten Landratsamt und Busunternehmen nach: Nun fährt der Bus in Demitz eine andere Straße und kann so auch diese Haltestelle wieder bedienen.