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Opa mit Durchblick

Rudolf Zeiler ist mit 94 der älteste Sportschütze in Sachsen. Die Konkurrenz ist 20 Jahre jünger.

© Robert Michael

Michaela Widder

Aus der einen Ecke ruft jemand laut: „Opa, du bist an der Reihe.“ Dann fragt ein anderer: „Opa, willst du was essen?“ Und wieder ein anderer meint: „Opa, schau mal, wie gut der Fotograf schießen kann.“ Im ersten Moment hat man den Eindruck, der grauhaarige Mann im weißen Hemd und mit nadelgrüner Weste der Kamenzer Schützengesellschaft hat 20 Enkel um sich herum. Rudolf Zeiler ist aber im Verein für alle „der Opa“ – manche der Jüngeren kennen nicht einmal seinen richtigen Namen, doch das stört ihn nicht.

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Nun ist Opa mit dem nächsten Schuss dran. Er setzt sich, lädt das Luftgewehr, fokussiert den Adler aus Holz in zehn Meter Entfernung – und drückt ab. „Ich kann über meine Leistung nicht klagen, auch wenn das keine Olympiatreffer sind“, meint er. Lieber und auch erfolgreicher schießt Rudolf Zeiler mit der Luftpistole. Doch an diesem Samstag veranstaltet sein Schützenverein das Adlerschießen mit dem Kleinkaliber-Gewehr am Schießstand Bernbruch am Stadtrand von Kamenz.

Es geht familiär zu, so mag es Opa Rudi. Die Ehefrauen haben Pflaumenkuchen gebacken, dazu gibt es Kaffee aus der Thermoskanne. Er greift lieber zu belegten Broten und Bockwurst. Der Milchreis vom Mittag hält bei so einem Wettkampf nicht lange an, und es kann noch Stunden dauern, bis als Allerletztes das Herzstück des Adlers getroffen und abgeschossen wird.

Vom Schwiegersohn überredet

Seit 1995 ist der Königsbrücker Mitglied in der Kamenzer Schützengesellschaft, davor hat er schon „ab und zu mal eine Kugel losgelassen“. Als Zwölfjähriger kaufte er sich sogar mal zwei Pistolen, die sein Vater jedoch nach dem Krieg in einer Kiesgrube versenkte. Erst durch seinen Schwiegersohn Eike kam er als Rentner zum Sportschießen – und ist jetzt mit 94 der älteste aktive Schütze in Sachsen.

Bei den Landes-Seniorensportspielen, die vor zwei Wochen in Leipzig stattfanden, wurde Zeiler mit der Luftpistole Dritter – in der Altersklasse Ü 75. Dort ist die Konkurrenz schon mal fast 20 Jahre jünger. „Ach“, sagt er, „da sind so viele Junge und Ehrgeizige dabei. Für mich ist das Sport – und fertig damit.“

40 Schuss muss er mit der Luftpistole abfeuern. In seiner Seniorenklasse ist es erlaubt, im Sitzen und mit Auflage zu schießen. „Aber so ein Rentner bin ich noch nicht, vielleicht mal eines schönen Tages. Ich habe meistens noch eine ruhige Hand und schieße freihändig – und im Stehen“, betont Zeiler, dessen Stolz in der Stimme nicht zu überhören ist.

Bis vor wenigen Tagen trug er sogar keine Brille, doch auf Drängen von Tochter Annerose ging er doch zum Optiker und hat nun ein schwarzes Modell beim Schießen auf. Zeiler wird oft gefragt, was ihn fit hält. „Ich habe nie übermäßig viel gegessen, wenig Alkohol getrunken und früh mit dem Rauchen aufgehört“, sagt er. Der große Garten und seine vier Urenkel fordern ihn – Sommer wie Winter. „Die machen doch immer Betrieb.“

Die Familie lebt in Königsbrück die Idee eines Mehrgenerationenhauses – Rudi mittendrin. Sein Tag startet mit der ausführlichen Lektüre der Sächsischen Zeitung, danach verbringt er viel Zeit mit Gießen und kleinen Arbeiten im Garten und Gewächshaus. Bis kurz nach zwei muss alles erledigt sein, sagt er, weil er es sich im Fernsehsessel gemütlich macht und mit seiner 90-jährigen Schwester eine Folge der „Eisenbahnromantik“ schaut. „Sie fährt noch Automobil und besucht mich immer.“

Rituale sind ihm wichtig, und daher verpasst er auch kein Training am Donnerstagabend im Schießkeller in Kamenz. „Opa ist sehr gesellig. Das Zusammensein gibt ihm auch immer wieder neuen Elan“, sagt Schwiegersohn Eike. Mindestens bis er hundert ist oder „solange die Augen mitmachen“, will er weiter im Verein schießen. Letztens hat er bei einem Wettkampf sogar mal einen Handstaubsauger gewonnen. „Der hilft super im Haushalt.“

Es sind die Kleinigkeiten, an denen sich Zeiler erfreut. Obwohl er schon ein „ganz alter Hase“ ist, ist er manchmal vor großen Wettkämpfen wie Landesmeisterschaften noch aufgeregt. „Man möchte ja ein kleines bisschen gut treffen“, findet er und verrät seine Strategie. „Da muss man ein paar mal tief Luft holen, und dann ist die Aufregung auch vorbei.“

Bei den Seniorenspielen in Leipzig wurde Zeiler mit der Sportmedaille ausgezeichnet. Unter den fast 2 000 Rentnern in 30 Sportarten war er der Älteste. „Ich kann mich nicht beschweren, was Ehrungen angeht“, meint er und lacht dabei. Die Urkunde kommt zu den anderen in die Mappe, die er in der Hand hält.

„Opa, du bist wieder dran“, ruft ein Mittvierziger, und Zeiler geht zur Waffe. Seinen Stock, den er nur für längere Strecken braucht, lässt er in der Ecke stehen. Was geht, das geht. Dass andere an diesem Tag gewinnen, ärgert ihn nicht. Wichtiger sei, dabei zu sein, meint das Ehrenmitglied der Kamenzer Schützengesellschaft. Und Opa ist so und so der Liebling.