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Opfer des eigenen Witzes

„Dirndl“-Affäre, schwerer Sturz, dann das Wahldebakel: Für Rainer Brüderle war 2013 ein schwarzes Jahr. Nun redet der FDP-Mann erstmals über die Sexismus-Vorwürfe, die damals gegen ihn erhoben wurden.

© dpa

Kerstin Münstermann

Berlin. Rainer Brüderle hat lange geschwiegen. Der frühere FDP-Fraktionschef wollte sich mehr als ein Jahr lang nicht zu den Sexismus-Vorwürfen äußern, die eine „Stern“-Journalistin Anfang 2013 in einem Artikel mit der Überschrift „Der Herrenwitz“ gegen ihn erhoben hatte. Jetzt redet Brüderle. Doch entschuldigen will er sich nicht.

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Am Mittwoch wird der Gesprächsband „Jetzt rede ich!“ erscheinen, den der 68-Jährige zusammen mit dem Publizisten Hugo Müller-Vogg verfasst hat. Darin wird deutlich: Der frühere Bundeswirtschaftsminister sieht sich als Opfer einer politisch motivierten Medienkampagne. In dem Buch, aus dem der „Focus“ vorab Auszüge druckt, spricht er von einem „Feldzug“.

In einem Interview, das an diesem Montag im „Handelsblatt“ erscheint, wird Brüderle noch deutlicher. „Der Stern wollte die FDP und mich beschädigen. Es war eine rein politisch motivierte Attacke“, sagt er. Der Artikel sei von langer Hand geplant gewesen. „Ich hatte und habe ein reines Gewissen.“

Chancenlos gegen Frauenrechtlerinnen im Kampfmodus

Auf die Frage, warum er bisher zu den Vorwürfen geschwiegen habe, erklärt er: „Ich bin heute noch überzeugt, dass ich die politische Debatte anders nicht überstanden hätte. Da kommen Sie mit der Wahrheit nicht weiter, wenn Frauenrechtlerinnen wie Alice Schwarzer im Kampfmodus sind.“ Im Buch heißt es dazu: „Jede Äußerung hätte einen Teil der Medien nur angestachelt, ihren Feldzug mit noch größerem Eifer fortzusetzen.“

Rückblende: Ende Januar 2013 erscheint im „Stern“ ein Artikel der Journalistin Laura Himmelreich. Die Hauptstadtreporterin berichtet von einer Begegnung mit Brüderle an einer Hotelbar, am Rande des liberalen Dreikönigstreffens in Stuttgart 2012. Dabei soll sich der FDP-Politiker ihr gegenüber anzüglich geäußert haben.

Es sollen Sätze wie „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“ und „Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen“ gefallen sein. Der Artikel erscheint wenige Tage bevor der FDP-Bundesvorstand Brüderle zum Spitzenkandidat für die Bundestagswahlen ausrufen will.

Der Bericht löst einen medialen Hype um Brüderle und Himmelreich aus, aber auch eine Debatte über alltäglichen Sexismus. Unter dem Hashtag #Aufschrei berichten Frauen von ihren Erlebnissen im Alltag. Die FDP-Spitze, allen voran Parteichef Philipp Rösler, spricht von einer Kampagne gegen die gesamte Partei.

Brüderle selbst schwieg damals beharrlich. „Ich bitte einfach, meine persönliche Entscheidung zur Kenntnis zu nehmen“, mehr sagte er nicht. Im Frühjahr dann folgte ein schwerer Sturz mit mehreren Knochenbrüchen. Und im September scheiterte die FDP bei der Bundestagswahl mit Brüderle als Spitzenkandidaten an der Fünf-Prozent-Hürde.

Heute versichert Brüderle, was er damals an der Bar gesagt habe, „war nicht böse gemeint. Es standen viele Journalisten um uns herum, und keiner hat sich darüber aufgeregt, auch die Dame nicht“. Einen Grund zur Entschuldigung sieht er nicht. Frau Himmelreich habe ihn danach auf mehreren Terminen begleitet. „Sie ist mit mir im Auto mitgefahren. Das macht doch niemand, der sich belästigt fühlt. Sie hat sich ein Jahr lang nicht bei mir beschwert.“ Ob Laura Himmelreich das ähnlich sieht, ist fraglich. Vom „Stern“ gab es am Sonntag zunächst keine Stellungnahme.

Brüderle fühlt sich generell von den Medien schlecht behandelt. Nach der Wahl sei mit einer Häme über die Liberalen hergezogen worden, die er in 40 Jahren Politik noch nie erlebt habe. Er strebe auch keine politischen Ämter mehr an, sondern wolle als Berater tätig werden. Er hat bereits ein kleines Unternehmen in Mainz - „Rainer Brüderle Consult“ - angemeldet. (dpa)