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Optiker zieht Vergleich mit Drittem Reich zurück

Der Meißner Handwerker hat einen umstrittenen Spruch entfernt. Vom Amtsgericht gibt es eine erste Einschätzung.

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© Claudia Hübschmann

Von Peter Anderson

Meißen. Damit hatte der Meißner Augenoptikermeister Uwe Schlosser nicht gerechnet. Über den Maifeiertag hinweg sorgte das Foto von einer Tafel in seinem Schaufenster für erregte Kommentare im Internet. „Als traditioneller Optiker fühlt man sich in Meißen wie ein Jude im Dritten Reich. Man wird von der Bevölkerung absichtlich boykottiert.“ So stand es, mit Kreide auf grünem Untergrund zu lesen.

Jetzt ist ein neuer Spruch im Schaufenster des Meißner Handwerkers zu lesen.
Jetzt ist ein neuer Spruch im Schaufenster des Meißner Handwerkers zu lesen. © Claudia Hübschmann

Am Mittwochvormittag scheinen einige Passanten nur zu dem Geschäft in Bahnhofsnähe gekommen zu sein, um einen Blick ins Fenster zu werfen. Der Besitzer hat inzwischen allerdings reagiert. Jetzt steht ein neuer Spruch zu lesen: „Warum gibt es in Meißen so viele leere kleine Geschäfte und Häuser?“

Drin kommt Schlosser beim Schellen der Türglocke aus seiner Werkstatt im Hintergrund herbeigeeilt. Er habe seinem derzeitigen Empfinden in zugespitzter Form Ausdruck geben wollen. Es sei ihm nicht darum gegangen, die Meißner mit den Nazis gleichzusetzen. Die Billigkonkurrenz großer Optikerketten bringe ihn als Selbstständigen in Existenzschwierigkeiten. Mit deren Preisen vermöge er nicht mitzuhalten, so dass er immer mehr Kunden verliere. Schlosser verweist darauf, seine Pflichtbeiträge zur Handwerkskammer nicht länger zahlen zu können. Er beschäftigte sich mittlerweile intensiv damit, ob es über das Jobcenter die Möglichkeit gebe, seine zu geringen Einkünfte aufzustocken. Am meisten stört den drahtigen Mann jedoch, ohne richtige Aufgabe sein Dasein fristen zu müssen. „Ich würde so gern etwas tun. Aber man lässt mich nicht“, sagt er.

Trotz dieses Hintergrundes fehlt vielen Meißnern das Verständnis für die Art und Weise, wie der Handwerksmeister seine Probleme in die Öffentlichkeit gebracht hat. Er habe die Zeilen mit Verwunderung und Abscheu zur Kenntnis genommen, schreibt etwa der Vorsitzende der Stadtratsfraktion Unabhängige Liste Meißen Wolfgang Tücks. Wahrscheinlich stehe dem Mann wirtschaftlich das Wasser bis zum Hals. Dennoch plädiere er dafür, den Ball flach zu halten. Nicht jede Geschmacklosigkeit sollte Anlass für staatsanwaltliche Ermittlungen sein. Wer solche Zeilen verfasse, müsse aber damit rechnen, sich gänzlich ins Aus zu stellen.

Im Amtsgericht Meißen kann Direktor Michael Falk auf den ersten Blick nicht erkennen, dass Schlossers drastische Zeilen von strafrechtlicher Relevanz seien. Es handele sich allerdings um eine fatale Fehleinschätzung der Situation von 1933. Diese sei mit der Lage heute in keinster Weise vergleichbar. Aus der zuständigen Staatsanwaltschaft in Dresden heißt es, einige Tage würden gebraucht, um den Vorfall abschließend beurteilen zu können.

In den vielfältigen Kommentaren im Internet kommt neben Kritik auch ein gewisses Verständnis für Schlossers Schwierigkeiten zum Ausdruck. So schreibt die Dresdnerin Anke Matthischke auf der Facebookseite von SZ-Online.de: „Ich verstehe seine Sorge, aber sein Vergleich ist tatsächlich nicht nur geschmacklos, sondern auch absolut übertrieben. Wenn er Aufmerksamkeit gesucht hat, hat er sie allerdings bekommen.“

Für die jüdische Gemeinde in Dresden spricht deren Vorsitzende Nora Goldenbogen von mangelndem Wissen und fehlender Sensibilität bei der Wahl des Vergleichs durch den Meißner Handwerker. Sie würde sich wünschen, dass mit ihm ein direktes Gespräch dazu gesucht werde.

Die Schwierigkeiten des Einzelhandels in Meißen sind in der Kreisstadt seit Jahren ein viel diskutiertes Thema. In seiner jüngsten Sitzung hatte der Stadtrat auf Antrag der CDU-Fraktion beschlossen, Freisitzflächen, Verkaufswagen und -stände, sowie Warenauslagen bis 2019 von Gebühren zu befreien. CDU-Stadtrat Uwe Reichel, der zugleich Vorsitzender des Gewerbevereins ist, kündigte zudem an, am 22. Mai mit einem Info-Abend über weitere ganz praktische Schritte zu berichten, die den Leerstand zurückdrängen sollen. Ein Einzelhandelskonzept, wie es von der Partei Die Linke gefordert werde, lehnen Reichel und viele seiner Parteifreunde allerdings ab. Es bringe keine spürbaren Effekte, wenn viel Papier mit grauer Theorie beschrieben werde. Stattdessen seien Taten gefragt. Der Meißner Gewerbeverein bemüht sich vor allem mit zugkräftigen Veranstaltungen wie der Modenacht, der Meißner Weihnacht oder dem Weinfest darum, mehr Kundschaft von außerhalb in die Porzellanstadt zu ziehen.

Lesen Sie hier einen Beitrag zum Thema „Leerstand in der Meißner Innenstadt“