merken

Ostblog-Westblog

Muss man eigentlich „Overheadprojektor“ sagen und nicht „Polylux“, wenn man in den neuen Bundesländern Führungskraft werden will? 

Dominique Bielmeier von der Sächsischen Zeitung zieht für drei Wochen nach Frankfurt, chrismon-Redakteurin Anne Buhrfeind übernimmt den Job der Elbland-Reporterin. Hier tauschen sie sich aus über ihren Austausch. © Fotomontage SZ/chrismon

Dominique Bielmeier hat Frankfurt vor knapp zehn Jahren das erste Mal besucht und durfte im Kunstmuseum mit Konfetti werfen. Seitdem strandete sie immer mal wieder am Bahnhof, weil der Anschlusszug schon weg war. Seit vier Jahren arbeitet sie als Lokalreporterin für die Sächsische Zeitung in Meißen, vorher hat sie Journalistik in Leipzig studiert.

Anne Buhrfeind ist schon mal von Hamburg nach Dresden geradelt, da lag Meißen auf dem Weg. Das ist aber lange her. Und seither war sie immer nur kurz in Leipzig, Dresden oder Erfurt. Sie arbeitet seit zwölf Jahren bei chrismon, jetzt als stellvertretende Chefredakteurin, vorher war sie bei "Gala" und "woman" in Hamburg.

1 / 2

1. März – Ich hab' noch einen Koffer in Meißen

Liebe Dominique,

Anzeige
Symbolbild Anzeige

Das Kleid für den schönsten Tanz der Saison

Ballkleider gibt es wie Sand am Meer.  Mit diesem Tipp hat die Suche ein Ende.

wo wohl mein Koffer ist? Hat ihn die Post etwa stehenlassen? Okay, macht nichts, ich hol ihn gern selber. Nicht heute, nicht an diesem Wochenende. Aber vielleicht nächstes.

Mal wieder nach Sachsen! Das wär’ schön.

Im Koffer liegt die gute Flasche vom Weingut Mariaberg, die ich von deinen Kollegen zum Abschied bekam. Ebenso wie die Bücher über Meißen, über die Elbe und die Biografie über Karl May, die sie mir geschenkt haben, die guten Kollegen. Ach, die Elbe und Karl May, das wären noch schöne Ostblog-Themen gewesen, und mir fällt noch vieles ein, was ich verpasst habe.

Jetzt erzähle ich hier in Frankfurt, in der chrismon-Redaktion, bei meinen Freunden richtig viel vom Osten. Meine Lieblingsgeschichten dabei: Wie ich nach drei Wochen weniger verstanden hatte als nach drei Tagen. Wie ich mit dem Volontär über die Sachsen und die Bayern sinniert habe (die Sachsen sind schneller...), dass ich immer wieder gehört habe, ich solle nicht so viel mit den Frustrierten reden, sondern lieber mit den anderen, die was bewegen wollen. Dass es davon wirklich viele gibt. Dass ich auch mehr über Magazin- und Lokalredaktion rede, über Arbeitsweisen, Arbeitsbedingungen, Ausprägungen von Kollegialität – und die wunderbare Erfahrung, dass man Dinge auch ganz anders regeln kann, als ich das kenne. Dass es gut tut, sich in einer anderen Umgebung bewegen zu lernen...

Und dass ich gleich am ersten Abend nach dem Schüleraustausch Heimweh nach Sachsen bekam. Als ich nämlich bei einem festlichen Essen neben einem Winzer aus Rheinhessen saß, der mir weismachen wollte, wir hätten zu viel Sozialneidsteuern in Deutschland.

Der Wein von der Elbe – auch ein verpasstes Thema. Auf der Flasche in meinem Koffer steht „Edition Frieden“, und die Winzerin Anja Fritz berichtet auf ihrer Webseite, dass sie diesen Roséwein ihren engagierten Mitarbeitern aus Syrien, Tschetschenien und Pakistan gewidmet haben. Liebe Meißener Kollegen, danke noch mal!

So viel ich auch gesehen und gelernt oder nicht verstanden habe – viel mehr fehlt noch. Geht es dir auch so, Dominique? Nächstes Mal, sagen meine Kollegen, wollen sie Dir Offenbach zeigen. Und ich soll Dich von den afghanischen Herren aus dem Deutschkurs grüßen.

Tschüssi!

So schön ist's auf dem Meißener Burgberg. © Anne Buhrfeind

Redakteurinnenaustausch: bald gehts los. Anne Buhrfeind hat den Koffer gepackt und schreibt für Dominique Bielmeier auf, worauf sie sich in ihrer Frankfurter Wohnung gefasst machen kann.

25. Februar – Post aus Fernost

Liebe Anne,

weißt du, was ich sehen würde, wenn ich jetzt vom Bett aufstünde und die paar Schritte bis zum Balkon ginge? Drei hübsche, weiß gestrichene Häuschen, aus deren Schornsteinen grauer Rauch in den Abendhimmel aufsteigt. Zwischen den beiden rechts von mir rauscht ein Bach hindurch, er ist in der Dunkelheit nur zu hören. In der Luft liegt der Geruch von brennenden Holzscheiten. Für die einen Feinstaub, für die anderen die pure Gemütlichkeit. Und zwischen allem: Schnee! Bestimmt einen Meter hoch.

Anne, ich bin zurück im Osten, aber sowas von. Nicht Meißen, nicht Dresden – Polen. Nach meinem Ausflug in den wilden Westen hat es mich zum Urlaub hierher verschlagen, rein zufällig, nicht als bewusste Antithese zur Bankenstadt mit ihren Hochhäusern und dauerhupenden SUVs. Wobei: Dass ich nach drei Wochen Frankfurt am Main nun in einem Fachwerkhäuschen mit dem Namen „Haus am Bach“ sitze, hat schon irgendwie etwas Symbolisches.

Unglaublich, dass unser Austausch schon wieder vorbei ist. Hattest du mir nicht gerade erst von deinen Porzellantassen erzählt, auf die ich mich freuen kann? Ich habe es geschafft, keine davon zu zerbrechen. Auch dein Ofen funktioniert noch, obwohl ich ihn mit Kuchen für Kollegen und Interviewpartner ziemlich strapaziert habe. Nur zum Abschied habe ich es nicht geschafft, selbst etwas zu backen, stattdessen habe ich für die Redaktion ein kleines „Ostpaket“ geschnürt: Rotkäppchensekt, Spreewaldgurken, Bautzner Senf, Dinkelchen, Mozartkugeln von Halloren. Mehr habe ich nicht gefunden auf die Schnelle. Wo ist das Russisch Brot aus Dresden, wo sind die Filinchen und wo steht Nudossi? Da müsst ihr wirklich noch nachbessern, wenn das mit der Ost-West-Verständigung irgendwann klappen soll.

Oder vielleicht auch nicht, denn was ich vor allem gelernt habe, ist: So verschieden sind wir eigentlich gar nicht. Das verschlafene Meißen hat ein Drogenproblem, das reiche Frankfurt auch. Wie bei uns mit der Elbe hat auch Frankfurt eine „richtige“ und eine „falsche“ Mainseite – und über die Frage, welche nun welche ist, scheiden sich die Geister. Was für uns Dynamo Dresden, ist für euch Eintracht Frankfurt. „Apfelwein mit Cola ist wie Urlaub in Offenbach“, sagte neulich ein Kollege zu mir, als es um die einzig wahre Zubereitung des Kultgetränks ging. Da musste ich an die Rivalität von Dresden und Leipzig denken, die etwa gleich groß sind und deshalb oft miteinander verglichen werden. In Leipzig trinkt man gerne „Gose“, ein obergäriges Bier, von dem man sagt: „Dem einen steigt sie in den Kopf – dem andern in die Hose.“ Ich wage zu behaupten, wer eine Gose pur trinken kann, der wird auch mit ungespritztem Apfelwein fertig.

In meinem Küchenschrank in Dresden steht zwar noch immer kein Meissener Porzellan, aber jetzt ein echtes „Geripptes“. So heißt ja bei euch das Apfelweinglas mit der Rautenstruktur. Ein Abschiedsgeschenk meiner – jetzt wieder deiner – Chrismon-Chefin. Wie ich gehört habe, bist du mit einer Flasche Sachsenwein von deinen – bald wieder meinen – Kollegen bei der Sächsischen Zeitung in die entgegengesetzte Richtung aufgebrochen. Bestimmt hast du über unseren Wein tausend Geschichten gehört, so wie ich über euren und auch über das Gerippte. Das soll diese besondere Waben-Struktur nämlich haben, damit man es auch mit fettigen Fingern noch gut halten kann. Früher aß man ja oft ohne Besteck.

„Aber kennst du auch die andere Geschichte?“, fragte mich eine Kollegin später verschmitzt lächelnd. Das Gerippte soll nämlich auch deshalb gerippt sein, damit sich das Licht schöner bricht. Und der Inhalt des Glases dadurch weniger wie Urin aussieht. Vielleicht die einzige kleine Anekdote, die ich bei euch erlebt habe, für die ich nicht krampfhaft nach einer sächsischen Entsprechung suche...

Liebe Anne, willkommen zurück in Frankfurt! Und hoffentlich bis bald – do zobaczenia wkrótce!


Das "Gerippte" wohnt jetzt bei mir. Aber wo kriege ich in Sachsen bloß Apfelwein her? © Dominique Bielmeier

22. Februar – Vom Einkaufen auf dem Lande

Liebe Dominique,

kürzlich hat ja jemand hier gefragt, ob man das empfehlen kann mit dem Perspektivwechsel. Natürlich! Was für eine Frage. Andere Wege zur Arbeit, neue Kollegen, neue Themen, das tut gut. Einfach mal sehen, worum es anderen Menschen geht. Und dass manches so ähnlich ist. Und dann doch anders. Nehmen wir mal an, ein Frankfurter Drogenfahnder soll seinen Job mit einem Meißener Polizisten tauschen. Na prima, wird der Frankfurter denken. Ein bisschen Graffiti, Streit in der Kneipe, Trunkenheit am Steuer, das ist ja wie Urlaub! Und was wird er hier finden? Ein Drogenproblem. Erzählt der Kollege von der Sächsischen Zeitung, der Gerichtsreporter. Crystal Meth ist hier das Thema. Und Beschaffungskriminalität. Das Crystal Meth wird in Tschechien gekocht und nach Sachsen geschmuggelt, ein schöner Nebenverdienst für Nebenberufsdealer. Konsumenten, sagt er, gibt es hier reichlich, auch wenn ich sie nicht sehe.

Das ist auch so eine Sache. Was man nicht weiß, das sieht man nicht. Für mich ist Meißen noch so touristenhübsch, ich sehe nicht die Leute in den Hauseingängen. Ich nehme die Senioren nicht wahr, die ihre Rente mit Drogenschmuggel aufbessern. Davon hat mir Walter Hannot erzählt, der seit 1991 in der Stadt ist und ihre Licht- und Schattenseiten kennt. Hannot, Mitglied der CDU und zugleich Mitglied der Bürgerinitiative „Bürger für Meißen“, ein Rheinländer, hat hier schon mehrere Häuser renoviert. Er liebt Meißen und ist zugleich enttäuscht und entsetzt von der Hartnäckigkeit, mit der sich Rückwärtsgewandtheit und Rückständigkeit halten – in einer bestimmten Generation, nämlich meiner. Und da natürlich nicht bei allen. „Das Land“ – er meint den ländlichen Raum – „ist zurückgeblieben, die jungen Leute gehen weg.“ Meißen ist der Landkreis mit der ältesten Bevölkerung in der Bundesrepublik, die Majorität der Alten wird sich hier noch lange halten. Hannot hadert sehr mit der Sachsen-CDU – außer mit dem Ministerpräsidenten Kretschmer. „Hier ist die CDU der linke Flügel der AfD.“ Trotzdem lässt er nicht nach in seinem Engagement. Er hat den Kulturverein mitgegründet, will mit seiner Bürgerinitiative in den Stadtrat einziehen.

Tatsächlich gibt es viel zu tun. Rund 100 Läden stehen leer, viele Wohnungen auch, die Durchmischung stimmt nicht, sagt Hannot, Chef einer Werbeagentur in Dresden, Berlin und anderen Städten.

Auch das sehe ich erst allmählich. Wenn ich morgens dein Rad durch eine fast menschenleere Kleinstadt schiebe, auf dem Marktplatz ein einzelner Gemüsestand mit einem einzelnen Kunden. Aber dann am Bahnhof: ein Einkaufszentrum mit den üblichen Verdächtigen. Ein bisschen weiter Aldi und Lidl. Kein Wunder, dass die Läden in der Altstadt nicht laufen. Vielleicht tobt das Leben auf der anderen Seite der Elbe, wohin ich zur Arbeit radele, aber ich bin einfach noch nicht dazu gekommen, mir das genauer anzuschauen. Meißen ist zu groß für einen so kurzen Schüleraustausch.

Drei Wochen. Hast du gesehen, dass wir Trendsetter sind? Der Opernintendant in Wuppertal und der Direktor eines Umweltinstituts wollen jetzt auch ihre Jobs tauschen, auch für drei Wochen. Am 28. Februar geht’s los. Viel Spaß und Erleuchtung, meine Herren!

Warum ist Meißen nur so weiß? Und was ist eigentlich eine Bezahlschranke?


21. Februar - Plaste, Broiler, Popgymnastik

© Dominique Bielmeier

Warum sind die Ossis so selten in Führungspositionen im Osten zu finden? Vielleicht liegts ja am Stallgeruch.


19. Februar - Die Räder sind überall grün

© Anne Buhrfeind

Der Frühling im Februar, die Ossi-Quote und die Römerstraßen.


17. Februar - Das Ende von Ossi und Wessi

© Dominique Bielmeier

Die ersten echten Frühlingstage locken nach draußen - und lassen manchmal wehmütig zurückblicken.


15. Februar - Trauer in strahlendem Weiß

© Claudia Hübschmann

In ihrem Schmerz sind sie wirklich ergreifend, die Porzellanfiguren in der Meißener Nikolaikirche. Aber: Sie platzen...


14. Februar - Babbeln beim Ebbelwoi

© Dominique Bielmeier

Mit leckerem Essen und Wein aus vergorenen Äpfeln will Frankfurt am Main von einer überraschenden Tatsache ablenken.


12. Februar - Der Sachse sächselt

© Andreas Weihs

Wie sind die so, die Leute? Vielleicht sind sie ruhiger. Bis einer kräht...


11. Februar - Wie mich (auch) die Kanzlerin zum Ossi machte

© Schroeter

Was ein Stiefel mit dem Mauerfall zu tun hatte und warum wir einander endlich zuhören sollten.


10. Februar - In welchem Alter hast du das erlebt?

© dpa

Als die Mauer fiel war Dominique drei und Claudia zwölf. Über den Umgang mit Umbrüchen.


8. Februar - Der Quoten-Ossi berichtet

© Dominique Bielmeier

In der Chrismon-Redaktion gibt es Gemeinschaftssuppe und die Hessen sind eigentlich auch nur Thüringer. 


7. Februar - Leuchtende Augen

© Numiscontrol/wikipedia

In Meißen schlägt die Turmuhr. Und ein Architekt erinnert sich an die Buschzulagenkassierer. 


6. Februar - Anne, ich habe eine Beschwerde!

© Dominique Bielmeier

Im turbulenten Frankfurt ticken die Uhren anders als im Osten und manchmal ist die Zeit eine Pizza.


6. Februar - Entspannt vergleichen

© Claudia Hübschmann

31. Januar - Gucken, mit und ohne Brille

© Claudia Hübschmann

Dominique Bielmeier freut sich auf die große Stadt und erklärt, warum sie früher dachte, dass drüben alles besser ist.


30. Januar - Meißener Porzellan

© Anne Buhrfeind