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Ostrale in der Robotron-Kantine?

Im Sommer 2019 soll das Kunstfestival wieder in Dresden stattfinden. Nun stehen Gespräche mit der Stadt an.

© Sven Ellger

Von Nora Domschke und Julia Vollmer

Der Wegzug nach Chemnitz ist zwar inzwischen vom Tisch – wo und wie das Kunstfestival Ostrale im Sommer 2019 in Dresden stattfinden kann, ist derzeit noch offen. Dabei ist zeitgenössische Kunst beliebt bei den Dresdnern: Im Herbst 2017 kamen rund 30 000 Besucher – ein neuer Rekord. Dennoch ist unklar, wie es weitergeht. Nachdem die Chemnitzer entschieden hatten, auf das Kunstfestival zu verzichten, bleiben in der Landeshauptstadt nach wie vor offene Fragen. Nicht nur zum Standort, auch zur finanziellen Unterstützung. Nun kommt etwas Bewegung in die Sache. Die SZ erklärt, wo die Probleme liegen und wie es weitergehen könnte.

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Wo fand die Ostrale bislang statt, und warum fällt dieser Standort weg?

Die Ostrale Biennale ist die drittgrößte Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Europa. Aber es gibt ein entscheidendes Problem: Bereits seit 2014 stand fest, dass der Mietvertrag für den bisherigen Standort in den ehemaligen Futterställen im Ostragehege Ende 2017 ausläuft. Hintergrund für die Befristung ist der bauliche Zustand der langgestreckten Gebäude an der Straße Zur Messe. Allerdings geht es dabei nicht in erster Linie um die marode Substanz, sondern um die Nutzung des alten Stallgebäudes, das ja ursprünglich für Tiere und nicht für Menschen gebaut wurde. Deshalb hatte die städtische Tochtergesellschaft Stesad, die die Immobilie verwaltet, im Februar dieses Jahres deren Räumung gefordert. 2018 war ohnehin eine Festivalpause geplant.

Wie können die Futterställe wieder für Kunstausstellungen genutzt werden?

Damit das Bauaufsichtsamt die Genehmigung neu erteilt, müsste der Komplex saniert werden. Ein Konzept der Stesad sieht Baukosten in Höhe von 13 Millionen Euro vor. Im Juli 2017 hatte es Untersuchungen der Gebäude gegeben – mit dem Ergebnis, dass zunächst die Schäden des Hochwassers beseitigt werden müssen, bevor eine denkmalpflegerische Rekonstruktion von Dach und Fassade sinnvoll ist. Zudem sind durch die jahrelange Tierhaltung der Boden und die Mauern verunreinigt – das alles muss entsorgt werden. Wie hoch die Kosten dafür letztlich ausfallen, wird wahrscheinlich erst bei den Bauarbeiten absehbar. Als dauerhafter Standort war perspektivisch auch der Schweinedom im Ostragehege im Gespräch, der aber auch saniert werden muss. Dabei geht es um Kosten von 20 Millionen Euro. Beide Sanierungsprojekte lehnte die Stadt ab. Geld wurde auch im neuen Haushalt nicht eingeplant.

Was bedeutet die Orientierung der Ostrale-Macher in Richtung Chemnitz?

Weil sich Ostrale-Chefin Andrea Hilger mehr Geld und einen gesicherten Standort wünschte, erkannten die Chemnitzer ihre Chance und buhlten um das Kunstfestival. Zwar bleibt das nun in Dresden – dennoch scheint die Orientierung nach Chemnitz Spuren hinterlassen zu haben. Zumindest bei einigen Dresdner Stadträten. „Das ständige Hin und Her nährt unsere Zweifel. Wir sind sehr skeptisch, ob eine so große Investition in die Ostrale überhaupt noch zu rechtfertigen ist“, sagt FDP-Chef Holger Zastrow. Dresden habe in den letzten Jahren gewaltige Summen in Kulturprojekte und die Kreativwirtschaft investiert. „Trotzdem werden immer wieder neue Forderungen laut.“ Mit Projekten wie der Ostrale, der Robotron-Kantine oder der Mary-Wigman-Villa werde der Bogen überspannt. Stattdessen solle nun in publikumsstarke Vorhaben wie den Fernsehturm, das Heinz-Steyer-Stadion und die neue Schwimmhalle im Dresdner Norden investiert werden.

Ähnlich sieht es SPD-Geschäftsführer Thomas Blümel: Eine Investition von mehr als zehn Millionen Euro für eine temporäre Ausstellung sei nicht vernünftig, wenn dieses Geld bei Schulen und Kitas weggenommen wird. Grüne-Stadträtin Christiane Filius-Jehne steht zwar zur Ostrale in Dresden, sieht aber auch deren Macher in der Verantwortung dafür, dass kein Geld im Haushalt eingestellt wurde. Statt sich im April bei den Stadträten stark zu machen, habe die Ostrale auf die Karte Chemnitz gesetzt. Nun müssten andere Lösungen her. Auch Linke-Chef André Schollbach will die Ostrale in Dresden halten. Er fordert Gespräche mit dem Ziel, einen Kompromiss zu finden.

Gibt es noch eine Chance, dass die Ostrale 2019 stattfinden kann?

Es wird knapp, denn die Zeit drängt, sagt Andrea Hilger. Zwar hatte sie von der Messe das Angebot bekommen, vom 29. Juni bis 31. August die Hallen drei und vier für die Ausstellung zu nutzen – Andrea Hilger ist aber skeptisch, ob der Zeitraum und der Platz ausreiche. Messe-Chef Ulrich Finger bestätigt auf SZ-Anfrage, dass er derzeit mit anderen Veranstaltern in Gesprächen ist. „Wir können die Hallen nicht länger reservieren.“

Andrea Hilger hat nun eine ganz andere Idee: Sie will die Robotron-Kantine für die Ausstellung und die Installationen nutzen. Die Idee sei nicht neu, sagt Hilger, sie habe im vergangenen Jahr auch das alte Domizil des Theaters Junge Generation schon vorgeschlagen. Das wurde aber als zu teuer abgelehnt. „Nun soll die Kantine ja aber ohnehin als Kunsthaus genutzt werden, das wäre doch eine Chance, um zu schauen, ob das ankommt.“ Im November wird sich die Stadt mit der Ostrale befassen. Der Kulturausschuss entscheidet am 27. November, ob und in welcher Höhe das Festival finanziell unterstützt. Zudem haben die Ostrale-Macher um ein Gespräch gebeten, bei dem sie ihre Vorstellungen, Wünsche und Vorschläge darlegen wollen. Diese Beratung ist für den 23. November geplant.