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Ostritz im Ausnahmezustand

Unten an der Neiße dumpfe Nazi-Parolen, oben am Himmel der Polizeihubschrauber – und mittendrin auf dem Marktplatz Hunderte Menschen bei einem fröhlichen Fest.

Von Jana Ulbrich

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Barbara Mößle hat sich für den Toilettendienst eingeschrieben. Jetzt passt sie auf, dass alles sauber bleibt, ausreichend Papier da ist und vor allem, dass auch jeder seinen Obulus entrichtet. „Das alles hier auf dem Friedensfest muss ja auch bezahlt werden“, sagt sie mit einem breiten Lächeln. Sie sagt das in einem fernen Dialekt. Die 54-Jährige ist extra aus Hamburg gekommen. Die Schrift-Dolmetscherin hatte im Deutschland-Radio vom Friedensfest auf dem Ostritzer Marktplatz gehört – und spontan angefragt, ob nicht noch Helfer gebraucht würden. Barbara Mößle ist begeistert von dem, was die Ostritzer auf die Beine gestellt haben, um ihre Stadt und ihren Marktplatz nicht den Nazis zu überlassen.

Engagierte Einwohnerin: Cäcilia Ebermann gehört zum Organisationsteam des Friedensfests.
Engagierte Einwohnerin: Cäcilia Ebermann gehört zum Organisationsteam des Friedensfests.
Vertraute Klänge: Gerhard Schöne begeisterte am Sonnabendabend viele, die mit seinen Liedern aufgewachsen sind.
Vertraute Klänge: Gerhard Schöne begeisterte am Sonnabendabend viele, die mit seinen Liedern aufgewachsen sind.
Gefragte Gesprächspartnerin: Bürgermeisterin Marion Prange muss immer wieder Interviews geben.
Gefragte Gesprächspartnerin: Bürgermeisterin Marion Prange muss immer wieder Interviews geben.
Farbenfrohes Leuchten gegen dumpfes Schwarz und Braun: Auch optisch setzte das Friedensfest auf dem Ostritzer Marktplatz dem „Schild und Schwert“-Treffen an der Neiße viel entgegen. Die Veranstalter zählten an diesem Wochenende rund 3000 Besucher. Foto: R
Farbenfrohes Leuchten gegen dumpfes Schwarz und Braun: Auch optisch setzte das Friedensfest auf dem Ostritzer Marktplatz dem „Schild und Schwert“-Treffen an der Neiße viel entgegen. Die Veranstalter zählten an diesem Wochenende rund 3000 Besucher. Foto: R © Robert Michael
Volle Hütte: Das Festzelt mit seinen 500 Plätzen war das ganze Wochenende lang rappelvoll.
Volle Hütte: Das Festzelt mit seinen 500 Plätzen war das ganze Wochenende lang rappelvoll. © Robert Michael

„Das ist einfach großartig“, sagt sie. „Ich glaube nicht, das so etwas auch in Hamburg möglich wäre.“ In Ostritz ist es das. Über 200 Menschen aus der Stadt und der Umgebung helfen unentgeltlich beim Fest, noch einmal so viele gestalten zwei Tage lang ein buntes, vielfältiges Programm. Es ist ein fröhliches und ausgelassenen Fest in einer fast unwirklich anmutenden Szenerie: Unten am Neißeufer dringt dumpfe Nazimusik vom Gelände des Hotels Neißeblick, haben sich hunderte schwer bewaffnete Polizisten postiert, stehen gepanzerte Räumfahrzeuge und Wasserwerfer bereit. Polizisten haben auch den ganzen Marktplatz umstellt. Am Himmel kreist immer wieder der Polizeihubschrauber – und mittendrin auf dem Marktplatz tanzen die Menschen und singen. Bürgermeisterin, Marion Prange (parteilos) ist sichtlich überwältigt und spricht von einem „traumhaft schönen und frohen Fest“.

Das ist es wirklich, auch wenn die Ostritzer an diesem Wochenende mit großen Einschränkungen leben müssen und damit, dass die ganze Innenstadt für den Verkehr gesperrt ist. Nicht alle finden das gut. Ein 65-Jähriger beobachtet das Geschehen aus einiger Entfernung skeptisch. „Was das alles kostet“, sagt der Mann, „das ganze Polizeiaufgebot.“ Man sollte die Rechten dort unten doch einfach ignorieren, findet er. Viele Ostritzer würden genauso denken wie er, ist er überzeugt.

Es sind aber mindestens genauso viele, die sich hier engagieren, setzt eine Anwohnerin entgegen, die das gerade hört. Sie selber wird dann gleich Barbara Mößle beim Toilettendienst ablösen. „Jeder macht mit, wo er kann“, sagt sie. Die Ostritzer haben eimerweise Kartoffelsalat geschnippelt, Fettschnitten geschmiert und Kürbissuppe gekocht. Christine Junge verkauft am Imbissstand Fischsemmeln und veganen Birnen-Nuss-Kuchen an. „Alles von den Ostritzern selbst gemacht“, schwärmt sie. „Bei so einer Sache muss man helfen.“

Von so einer Sache ist auch Gerhard Schöne angetan. „Es ist unfassbar, was die Leute hier auf die Beine gestellt haben“, staunt der Liedermacher, der für seinen Auftritt am Sonnabendabend keine Gage nimmt, so wie andere Mitwirkende auch. Der Oberlausitzer Mundartrocker Kurtl hat sogar einen bezahlten Auftritt abgesagt, um in Ostritz dabei zu sein. Cäcilia Ebermann freut sich über so viel Engagement. Am Sonntag ist die 29-Jährige geschafft, aber glücklich. Sie gehört zu denen, die das Friedensfest organisiert haben. Ganz normale Ostritzer.