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Oybins Waldtheater - ein Problem-Bau

Vor 110 Jahren eröffnet, hat die Naturbühne mitunter Tausende Zuschauer gelockt. Doch 1963 kam das Ende. Warum?

5.000 Zuschauer sahen am 29. Juli 1912 die Aufführung von „Wallensteins Lager“. Nicht nur die Sitzreihen, sondern auch der Hang des Schuppenberges, waren dicht an dicht belegt.
5.000 Zuschauer sahen am 29. Juli 1912 die Aufführung von „Wallensteins Lager“. Nicht nur die Sitzreihen, sondern auch der Hang des Schuppenberges, waren dicht an dicht belegt. © Repro SZ

Das Gerhart-Hauptmann-Theater ist im Klosterhof Zittau in seine Sommerspielzeit gestartet, am 9. Juli wird die Waldbühne Jonsdorf folgen. Vor 60 Jahren hätte in dieser Aufzählung noch eine Naturbühne gefehlt – das inzwischen fast vergessene Waldtheater Oybin im Hausgrund, dessen Geburtsstunde Pfingsten 1911 schlug.

Alles begann damit, dass der Dresdner Postbeamte Bruno Reichard 1908 nach Zittau versetzt und hier zum Telegraphendirektor berufen wurde. Reichard hatte zuvor drei Jahre das Naturtheater des Vereins „Volkswohl“ in der Dresdner Heide geleitet. „In Zittau beseelte mich sofort der Wunsch, die Begründung einer Freilichtbühne anzuregen“, so Reichard. Damit rannte er offene Türen ein und fand vor allem in Ferdinand Hesse, damals Feuilletonredakteur der „Zittauer Nachrichten“, Unterstützung. Ein Bühnenort wurde gesucht und der Hausgrund zwischen Schuppen- und Pferdeberg schließlich gefunden.

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Das Genehmigungsverfahren hatte, gemessen an heutigen Maßstäben, ein rasantes Tempo. Am 21. April 1911 gab der Stadtrat Zittau grünes Licht – am 4. Juni 1911, dem ersten Pfingstfeiertag, wurde Sachsens erste große Freilichtbühne und Deutschlands größte Naturbühne mit Goethes „Iphigenie auf Tauris“ feierlich eröffnet. 750 Besucher waren gekommen. Da ahnte wohl noch keiner, dass an diese Zahl eines Tages eine Null angehangen werden musste!

Hoher künstlerischer Ruf

Rund zehn bis 20 Stücke pro Spielzeit standen auf dem Programm. Aufführungen wie „Waldkönigs Hochzeit“, „Glaube und Heimat“ oder „Der Pfarrer von Kirchfeld“ entsprachen dem damaligen Zeitgeist. Klassiker wie Schillers „Räuber“ oder Lessings „Nathan der Weise“ wurden auf die Bühne gebracht. Dagegen hätte man das „Weiße Rössl“, dieses „angebliche Lustspiel“, am liebsten gar nicht auf den Spielplan gesetzt. Die Zuschauerresonanz belehrte die Theaterleitung um Ferdinand Hesse und Fritz Klötzel eines Besseren. Bei einer Rückschau auf die ersten Waldtheaterjahre hob Bruno Reichard 1920 in der „Oberlausitzer Heimatzeitung“ die berühmte Preziosa-Inszenierung vom August 1913 vor mehr als 7.500 Besuchern hervor. Und er schwärmte: „Die größten Zeitungen Deutschlands veröffentlichten begeisterte Schilderungen. Die Oybinbahn war bei äußerster Anstrengung häufig nicht imstande, die vielen Tausende Waldtheaterpilger alle zu befördern. Hunderte Autos sausten aus allen Richtungen herbei.“

Ein Lkw der Oybiner Firma Zentsch mit Requisiten und Ausstattungsstücken wird in den 1950er Jahren an der Bühne entladen (re.).
Ein Lkw der Oybiner Firma Zentsch mit Requisiten und Ausstattungsstücken wird in den 1950er Jahren an der Bühne entladen (re.). © Repro SZ

Rund lief deshalb längst nicht alles, von wetterbedingten Absagen abgesehen. Mitunter wurden die Tücken einer Naturbühne verkannt. Bei der ersten Opern-Aufführung, beim „Glöckchen des Eremiten“ im Juli 1920, trifteten Orchester und Sänger auseinander, ein Terzett blieb wegen zu großer räumlicher Trennung der drei Solisten wirkungslos. Zunehmend gerügt wurde auch „der hässliche Lärm, den der Schankbetrieb verursacht“. Stücke, die für die Naturbühne nicht tauglich waren, hätten besser nicht aufgeführt werden sollen, so 1926 die Posse „Der siebente Bua“. Bissig schrieben die „Zittauer Nachrichten“: „Das Stück eignet sich zur Aufführung im Freien wie der Igel zur Schlummerrolle.“

Und es machten sich Baumängel, einhergehend mit Finanznot, bemerkbar. Immer wieder wurde die Stadt Zittau als Eigentümer kritisiert. Ausgerechnet während der Abnahme wichtiger Ausbesserungsarbeiten durch eine städtische Kommission im Mai 1923 stürzte ein unterirdischer Gang ein. Spürbar wurden auch die erheblichen Einschränkungen, die der Erste Weltkrieg mit sich brachte. Zuschauer blieben aus, um Zuständigkeiten wurde gestritten. 1930 wieder ein Lichtblick: „Winnetou, der rote Gentleman“ wurde aufgeführt. In den Jahren des Nationalsozialismus versuchte man mit Spielplänen gegenzusteuern, die auch auf das Lustspiel setzten.

Ansonsten war im Wortschatz der Geist jener Zeit zu spüren. „Das Oybiner Waldtheater im Dienste nationaler Festgestaltung“ oder „Weihestätte von einmaligem Erlebnischarakter“ waren Schlagzeilen dieser Jahre. Nach einem Zeitungsbericht über die Aufführung der „Salzburger Nockerln“, der ersten Operette auf der Waldbühne am 1. August 1941, lassen sich keine Nachrichten mehr über das Naturtheater finden.

Einladungskarte zur Festaufführung anlässlich der Wiedereröffnung des Waldtheaters im Juni 1951.
Einladungskarte zur Festaufführung anlässlich der Wiedereröffnung des Waldtheaters im Juni 1951. © Repro SZ

Der Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg muss der Neuanfang in einer Ruine gewesen sein. Der Zittauer Baurat Ernst von Straube stellte nach einer Besichtigung im August 1947 die Baufälligkeit bzw. Zerstörung der Bauten fest. Ihr Abriss, aber zugleich die Rückgewinnung verwertbaren Materials wurden angeordnet, wie die „Arbeitsgemeinschaft Chronik der Gemeinde Oybin“ herausfand. 1950 begann der teils mühselige Neuaufbau, unterstützt von Arbeitseinsätzen Zittauer und Oybiner Einwohner. Mit „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller öffnete am 10. Juni 1951 das Waldtheater wieder. Das Stadttheater Zittau bespielte die Bühne, allerdings gab es Kritik am Spielplan, der zu wenig den Bedürfnissen der Urlauber entspreche. Zusätzliche Sorgenfalten bekam man in Oybin, als 1953 im Nachbarort Jonsdorf eine neue Waldbühne übergeben wurde. Zwar hatten beide Bühnen regelmäßig Vorstellungen, die Zuschauer mussten sie sich allerdings teilen.

Indes übergab die Stadt Zittau das Waldtheater an die Gemeinde Oybin, weil sie sich außerstande sah, notwendige Reparaturkosten von 60.000 DM aufzubringen. Das oblag nun den Oybinern, die unter Regie eines Waldtheateraktivs vor der Spielzeit 1959 im Nationalen Aufbauwerk eine Wasserleitung verlegten, die Toiletten erneuerten und Bänke austauschten. Den Investitionsstau konnte das jedoch nicht beseitigen. Bereits 1955 hatte Theatermitbegründer Ferdinand Hesse öffentlich scharf bemängelt, dass ärmliche Baracken das große Bühnenhaus im Blockhausstil ersetzten, die dortigen Umkleideräume völlig unzulänglich, ja geradezu geschmacklos, seien. Dennoch glaubte er an die gleichberechtigte Zukunft des Oybiner Waldtheaters und der Schwesterbühne in Jonsdorf.

Die letzte Spielzeit

Er sollte sich täuschen. Die Spielzeit 1963 wurde die letzte für das Oybiner Waldtheater. Ein nach der Fusion der Theater Görlitz und Zittau zum GHT neu gebildetes Opernensemble hatte mit „Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing absolut kein Wetterglück. Vorstellungen mussten wegen starker Regenschauer immer wieder unterbrochen werden oder fielen ganz aus. Alte Diskussionen über Wetterabhängigkeit und die unzureichende Infrastruktur kochten erneut hoch. So endete nach 52 Jahren die Geschichte des Waldtheaters.

Inzwischen hat sich die Natur das Terrain im Hausgrund längst zurückgeholt. Da und dort erinnern vielleicht noch etwas an die Zuschauerreihen. Doch haben Hobbyhistoriker dafür gesorgt, dass die einst glanzvolle Spielstätte nicht für immer in Vergessenheit gerät. Nach mehrmonatiger aufwendiger Recherche und umfangreicher Materialsammlung gab die sieben Mitglieder zählende AG Chronik der Gemeinde Oybin unter Leitung von Gabriele Sattler 2018 ein Buch heraus, das die Erinnerung an die glanzvolle Spielstätte bewahrt. Die reich bebilderte Dokumentation ist im regionalen Buchhandel erhältlich.

„Das ehemalige Waldtheater Oybin“, Graphische Werkstätten Zittau 2018, ISBN 978-3-946165-30-9, 9.80 €

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