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„Paläste gebaut, aber kein Geld für die Kunden auf dem Land“

Sparkassenchef Rolf Schlagloth stellte sich den Fragen zur Filialschließung. Die Stauchitzer wurden enttäuscht.

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© Sebastian Schultz

Von Jürgen Müller

Stauchitz. Frust, Wut, Enttäuschung, Resignation, Ohnmacht. Mit diesen Gefühlen verließen rund 80 Bürger aus Stauchitz und den umliegenden Orten am Mittwochabend den Speisesaal der Oberschule in Stauchitz. Dorthin hatte Bürgermeister Frank Seifert (parteilos) eingeladen. Rolf Schlagloth, Vorstand der Sparkasse Meißen mit Sitz in Riesa, sollte erläutern, warum die Sparkassenfiliale in Stauchitz ersatzlos geschlossen wird. Der Bürgermeister und die Einwohner hofften auf einen Vorschlag, wie sie doch noch an Bargeld in ihrem Ort kommen könnten. Wenn schon keine Filiale mehr, dann wenigstens ein Geldautomat und ein Kontoauszugsdrucker, so die Forderung. Um dieser Nachdruck zu verleihen, übergab der Bürgermeister eine Unterschriftenliste, auf die sich 682 Personen eingetragen hatten.

Die Hoffnungen wurden nicht erfüllt. „Schade um die vertane Zeit heute Abend. Die da oben machen ja doch, was sie wollen. Die Kunden auf dem Land sind der Sparkasse nichts wert“, resümierte eine ältere Frau beim Nachhausegehen. Zuvor hatte Schlagloth alle Vorschläge abgeblockt. Die Sparkasse müsse sparen. Schuld sei die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. „Wir müssen unser Geld zur EZB tragen und dafür noch 0,4 Prozent Zinsen zahlen. Sie als Kunden müssen das bei uns nicht“, so Schlagloth. Karl-Heinz Kniesel widersprach: „Das ist Unsinn, was Sie da erzählen. Aufgabe der Sparkasse ist es nicht, Geld zur EZB zu schaffen. Ihre Aufgabe ist es, die Wirtschaft mit Krediten und die Kunden mit Bargeld zu versorgen. Es ist so viel Geld da, aber Sie jammern bloß rum. Es muss nur richtig eingesetzt werden. Wenn die Filiale einmal zu ist, dann bleibt sie es auch.“ Er jammere nicht, sondern beschreibe die Rahmenbedingungen, so Schlagloth. Nach seiner Ansicht ist die Bargeldversorgung kein Problem. „In den meisten Geschäften braucht man kein Bargeld mehr. Wer doch welches will, dem bieten wir an, es nach Hause zu schicken.“ Erst auf Nachfrage gibt er zu, dass das natürlich nicht kostenlos ist. Eine Sendung mit maximal 500 Euro kostet 3,90 Euro.

Wer das nicht wolle, der könne ja auch nach Riesa fahren. Die Stadt sei doch mit dem Bus gut zu erreichen. Und dort habe man die Öffnungszeiten ausgeweitet. Riesa war das Stichwort für das Publikum: „Die Sparkasse hat sich Paläste aus Beton, Stahl und Glas in Riesa und Meißen gebaut. Aber für ihre treuen Kunden auf dem Land hat sie nicht mal Geld für einen Geldautomaten“, sagte Lothar Schumann aus Ibanitz. Das seien Entscheidungen, die vor 20 Jahren getroffen worden seien, so Schlagloth. „Ich bin damit auch nicht glücklich.“

Kritisiert wurden auch die hohen Gehälter der Vorstände. „Ich bin nicht bereit, öffentlich über mein Gehalt zu reden“, so Schlagloth. Da die Sparkasse Meißen nur noch zwei Vorstände habe, müsse sie die Gehälter nicht mehr offenlegen, sagte er. Dabei ist bekannt, dass jeder Vorstand der Sparkasse Meißen jährlich mindestens 373 000 Euro bezieht. Die Bundeskanzlerin bekommt übrigens 225 000 Euro.

Matthias Fiebiger aus Stauchitz hatte einen anderen Vorschlag. „In der Riesaer Elbgalerie befindet sich keine 100 Meter von der Hauptstelle entfernt ein Geldautomat. Den können Sie in Stauchitz installieren.“ Das ginge nicht, der sei behindertengerecht, so Schlagloth. Dass auch die einen Steinwurf entfernte Hauptstelle behindertengerecht ist, sagte er nicht.

Man sei bei den Schließungen „mit Augenmaß“ vorgegangen. Durchschnittlich gäbe es an einem Automaten 70 000 Vorgänge pro Jahr, in Stauchitz nur 45 000. Schlagloth schlug vor, dass die Gemeinde selbst einen Automaten anschafft und betreibt und Gebühren verlangt. Das brachte Christel Prusseit, ehemalige Bürgermeisterin, Kreisrätin und Gemeinderätin, auf die Palme. „Was sollen wir denn noch bezahlen? Die Kommunen finanzieren die Sparkasse doch schon über die Kreisumlage mit.“ Sie schlug vor, dass die Sparkasse ihre Spendentätigkeit einschränkt. „Ich freue mich für jeden Verein, der von der Sparkasse Geld bekommt. Aber wenn Sie nicht mal Ihre Pflichtaufgaben erfüllen können, müssen Sie zumindest vorübergehend die freiwilligen Aufgaben sein lassen.“ Doch Schlagloth will das nicht. „Ich gebe doch lieber Geld für Vereine aus statt für einen unrentablen Geldautomaten“, sagte er und zog sich den Unmut zu.

„Leider wurde heute keine Lösung gefunden. Damit können wir nicht zufrieden sein. Mit der Sparkasse geht auch ein Stück Stauchitz verloren“, so Bürgermeister Seifert. Die Sparkasse Meißen habe im vergangenen Jahr einen Jahresüberschuss von zwei Millionen Euro erzielt, die Bilanzsumme auf 30 Millionen Euro erhöht, die Kundeneinlagen um 40 Millionen Euro gesteigert. Außerdem gab es ein Wachstum im Wertpapiergeschäft. Durch Senkung des Verwaltungsaufwandes durch Kostenmanagement konnten fast drei Millionen Euro eingespart werden.

„Die beabsichtigte Schließung der Filiale in Stauchitz durch die Sparkasse Meißen ist durch Einsparzwänge somit nicht gerechtfertigt. Sie ist auch für die Gemeinde Stauchitz und für das gesamte Umland unverhältnismäßig. Zum anderen wird die Sparkasse Meißen den Bedürfnissen der immer älter werdenden Bevölkerung nicht mehr gerecht“, so der Bürgermeister. Er will mit seinem Gemeinderat weiterkämpfen.