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Palästinenser werfen Israel Verbrechen im Gaza-Krieg vor

Überlebende berichten, israelische Soldaten hätten auch auf Zivilisten gefeuert, die vor den Kämpfen flüchten wollten.

© dpa

Von Gregor Mayer

Chusaa/Gazastreifen. Unter dem Schutz der dreitägigen Waffenruhe kehren die Bewohner der ländlichen Gemeinde Chusaa im südlichen Gazastreifen zurück nach Hause. Sie sind fassungslos. Stumm streift ihr Blick über eine apokalyptisch wirkende Trümmerlandschaft. Kaum ein Haus steht noch. Israelische Bomben und Granaten haben Chusaa praktisch dem Erdboden gleichgemacht.

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Der Ort liegt nur 500 Meter von der israelischen Grenze entfernt. Als die Bodenoffensive am 17. Juli begann, flohen die meisten der rund 10.000 Einwohner. Vier Tage später begann Israel, den Ort systematisch zu bombardieren. Am 23. Juli kam es nach Darstellung israelischer Medien zu heftigen Kämpfen zwischen den vorrückenden israelischen Truppen und palästinensischen Militanten. Einige hundert Zivilisten, die noch im Kampfgebiet waren, saßen in der Falle.

Überlebende, die schließlich unter israelischem Beschuss fliehen konnten, werfen der israelischen Armee Verbrechen an der Zivilbevölkerung vor. Der 30-jährige Said Mohammed al-Nadschar ist einer von ihnen. „Am 24. Juli, gegen 06.00 Uhr morgens, riefen uns die Israelis dazu auf, aus den Häusern zu kommen und zu fliehen“, berichtet er. „Wir bildeten eine Gruppe und machten uns zu Fuß auf den Weg zum Nachbarort Bani Suhaila. Da riefen die Israelis, wir sollen anhalten und jemanden benennen, der in unserem Namen spricht.“ Sein 60-jähriger Vater Mohammed Ahmed al-Nadschar habe sich - als einer der Älteren in der Gruppe - gemeldet. Daraufhin hätten ihn jedoch die Soldaten mit Schüssen getötet, behauptet Said al-Nadschar.

Niemand sei bewaffnet gewesen

Wie Said Mohammed al-Nadschar sagt, gab es am Morgen des 24. Juli keine Kämpfe mehr. Niemand der Flüchtenden sei bewaffnet gewesen. Es sei unmöglich, dass der Zug der Verzweifelten für einen Militanten-Trupp gehalten werden konnte. Eine konkrete Überprüfung von Al-Nadschars Aussagen ist unter den gegenwärtigen Umständen aber nicht möglich.

Der israelische Armeesprecher Arye Shalicar kann sich zu den konkreten Vorwürfen nicht äußern. „Allgemein haben wir alles getan, um Tote und Verletzte unter den Zivilisten zu vermeiden“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Ein großes Problem für die israelischen Streitkräfte sei es aber gewesen, dass sich Kämpfer der militant-islamischen Hamas immer wieder unter Zivilisten versteckt und diese für ihre Zwecke missbraucht hätten.

Auch Human Rights Watch hat Vorfälle dokumentiert

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat allerdings für den Zeitraum 23. bis 25. Juli in Chusaa ähnliche Vorfälle dokumentiert, bei denen israelische Soldaten auf flüchtende Zivilisten geschossen haben sollen. So soll das israelische Militär am Morgen des 23. Juli eine Gruppe von 100 Palästinensern, die sich in einem Haus versteckt hatten, aufgefordert haben, dieses zu verlassen. Als der erste von ihnen, Schahid al-Nadschar, mit erhobenen Händen aus dem Gebäude trat, habe ein israelischer Soldat auf ihn geschossen und ihn am Kiefer schwer verletzt. „Absichtliche Angriffe auf Zivilisten, die an den Kampfhandlungen nicht teilnehmen, stellen ein Kriegsverbrechen dar“, heißt es im HRW-Bericht über Chusaa.

Am Mittwoch wurden weitere Leichen aus den Trümmern gezogen. Insgesamt, so schätzen die Rückkehrer, dürften an die 200 Menschen in dem Ort ums Leben gekommen sein. Für die Palästinenser stellt sich die Frage der militärischen Notwendigkeit des systematischen Bombardements von Chusaa. In den getroffenen Häusern starben Menschen.

Bewohner stehen vor dem Nichts

Die Bewohner von Chusaa sind zumeist Bauern, die dem weit verzweigten palästinensischen Al-Nadschar-Clan angehören. Sie bauen Getreide und Gemüse an und mahlen Mehl. Jetzt stehen sie vor dem Nichts: Nicht nur ihre Häuser sind wie von einem Erdbeben dahingerafft, auch ihre Felder und Olivenhaine haben Bulldozer der israelischen Armee eingeebnet.

Saids Onkel Aschraf al-Nadschar ist gleichfalls ruiniert. Seine Lastwagen-Werkstatt liegt in Schutt und Asche. Vor den Trümmern des Nachbarhauses sitzt eine alte Frau, die sich an einem offenen Feuer zu schaffen macht. „Sie backt Brot“, sagt Aschraf al-Nadschar. „Das Leben muss weitergehen.“ (dpa)