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Panik im Schatten des Matterhorns

Zehntausenden Hausbesitzern im Osten und Süden Europas droht wegen des starken Franken die Pleite.

© Nikolai Schmidt

Von Thomas Roser und Paul Flückiger, SZ-Korrespondenten in Belgrad und Warschau

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Der Traum von den eigenen vier Wänden ist nach der Freigabe des Franken-Kurses für viele geplagte Hausbesitzer im Südosten des Kontinents endgültig zum Albtraum geworden. Die Raten für die Rückzahlung für einst in Schweizer Franken aufgenommene Immobilienkredite haben sich für Zehntausende über Nacht um fast ein Fünftel verteuert. Viele sind mittlerweile von dem Verlust ihres Eigenheims bedroht: Denn die immensen Kursverluste der heimischen Währungen gegenüber dem Franken haben schon zuvor viele Kreditnehmer am Rande der Zahlungsunfähigkeit balancieren lassen.

Polen bereuen eigene Entscheidung

Hunderttausende Polen haben nach 2004 Hypothekar- und Konsumkredite in Franken aufgenommen. Offiziell sind es knapp 700 000 Betroffene, doch Pessimisten sprechen von bis zu 1,5 Millionen Frankenschuldnern. Bei 566 000 Fällen handelt es sich um Hypothekarkredite, so viel weiß man. Jeder Hypothekarschuldner muss neu bei einem Durchschnittsverdienst von rund 3 800 Zloty statt monatlich 2000 Zloty etwas über 2 400 Zloty Zinsraten bezahlen. Laut Finanzexperten waren etwa sieben Prozent dieser Hypothekarkredite im Vorjahr gefährdet; nun dürfte diese Zahl deutlich ansteigen. Denn innerhalb weniger Minuten ist der Schweizer Franken am vergangenen Donnerstag von 3,55 Zloty pro Franken auf 5,19 Zloty hochgeschnellt.

Hunderttausende Polen bereuen heute den Entschluss, ihre Kredite in Schweizer Franken aufgenommen zu haben. Im Juli 2008 hatte dieser mit 1,98 Zloty einen historischen Tiefpunkt erreicht. Heute müssten sich die Schuldner darauf einstellen, wohl noch jahrelang das Doppelte zu bezahlen. Manche Finanzexperten warnten gar vor einem baldigen Frankenkurs von bis zu sechs Zloty.

Fünf Zloty für einen Franken gefährde die Stabilität des polnischen Bankensystems nicht, hatte tags zuvor die Finanzaufsicht entwarnt. Doch jene polnischen Banken, die wie Getin Noble oder Millennium bis zu 40 Prozent ihrer Kredite in Franken gegeben hatten, brachen an der Warschauer Börse dennoch massiv ein.

Kroaten und Serben verzweifelt

In den Dauerkrisen-Ländern Kroatien und Serbien hat die Freigabe des Franken den ohnehin schwach entwickelten Mittelstand hart getroffen. Beim EU-Neuling Kroatien haben laut Schätzung des Betroffenen-Verbands „Udruga Franak“ rund 60 000 Immobilienbesitzer ihre Kredite in Schweizer Franken aufgenommen: Der Kurssprung des Franken beeinträchtige damit das Leben von 200 000 bis 300 000 Landsleuten.

Jeden Tag habe sie Angst, dass die Hypothek auf ihre Wohnung aktiviert werde und „wir auf der Straße landen“, klagt Tijana Mohora aus der serbischen Kleinstadt Vrsac in der Zeitung Blic. Die Monatsraten für ihren vor acht Jahren aufgenommenen Kredit von 63 000 Franken hätten sich schon bisher von einst 21 000 auf 48 000 Dinar erhöht und würden nun mit rund 60 000 Dinar (491 Euro) in der heimischen Währung fast das Dreifache der ursprünglichen Rate betragen. Gleichzeitig sei die Schuld in Euro gerechnet selbst noch gestiegen. Wie sie die Raten begleichen solle, wisse sie nicht: „Bisher lebten wir in Agonie, nun sind wir einfach verzweifelt.“

In Serbien sind es 22 000 Kreditnehmer, die den Offenbarungseid und die Zwangsversteigerung ihres Besitzes fürchten. Laut den Berechnungen des Efektiva-Verbands der Bankenkunden ist jeder, der 2008 einen Franken-Kredit im Wert von 43 000 Euro aufnahm, trotz siebenjähriger Ratenzahlungen mittlerweile mit 60 000 Euro verschuldet.

Nichts Neues in Bosnien und Herzegowina

Im bitterarmen Bosnien und Herzegowina sind es zwar nur 9 000 Hausbesitzer, die sich in Franken verschuldeten, doch das mindert kaum die Panik der Betroffenen. Deren Probleme seien keineswegs neu, sondern schon vor der Festschreibung des Frankenkurses 2011 eskaliert, so der Ökonomie-Professor Goran Radivojac in Banja Luka: „Sie dachten, günstiger wegzukommen, aber am Ende erwiesen sich ihre Kredite als viel teurer.“

Glück im Unglück in Ungarn

Mehr Glück haben Hausbesitzer in Staaten, wo die Banken kaum die scheinbar günstigeren, aber eben auch risikoreicheren Franken-Kredite vergaben: So beträgt deren Anteil am gesamten Kreditvolumen in Rumänien nur fünf und in Tschechien gar nur 0,02 Prozent. Neidvoll blicken die Betroffenen in der Region jedoch vor allem auf Ungarn. Denn mit der Zwangsumwandlung aller in Fremdwährungen aufgenommen Immobilienkredite hat dort die häufig kritisierte Regierung des nationalpopulistischen Premiers Viktor Orban im vergangenen November noch rechtzeitig die Reißleine gezogen.

Soziale Geste gefragt

Vergeblich hatte hingegen Serbiens früherer Nationalbankchef Radovan Jelasic schon 2007 die damalige Regierung vor einer Subventionierung von Immobilienkrediten in Franken gewarnt, da diese die Bürger einem erhöhten Risiko aussetzten. Während Serbiens verzweifelte Kreditnehmer nun vergeblich auf eine Intervention des Staats drängen, könnten den Leidensgenossen im benachbarten Kroatien immerhin die nahenden Parlamentswahlen zu Hilfe kommen. Denn im Wahlkampf ist die soziale Geste immer gefragt. „Wir sind keine Neoliberalen und werden eine Lösung suchen“, versichert Boris Lalovac, der Finanzminister der angeschlagenen Mitte-Links-Regierung. Doch der Paukenschlag aus der Schweiz hat in der Region vor allem Verbitterung ausgelöst. Es reiche „ein Federstrich“, um zu zeigen, „wie zerbrechlich unsere Souveränität ist“, klagt der Kommentator der kroatischen Zeitung Novi List. Für Zehntausende sei die Schweizer Nationalbank der wahre Herr und Meister: „Sie ist die Macht, die deine Kreditraten über Nacht in eiskalte Höhen schießen lässt. Und dabei kann sie es dir nicht mal in deiner Sprache sagen, hat keinen Schimmer von den Sorgen, die dich plagen.“

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