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Panischer Notruf

Ein Mann wird in Coswig brutal verprügelt. Zuvor hat er die Polizei angerufen. Die hört am Telefon alles mit.

© fotolia

Von Jürgen Müller

Meißen. Der Mann sieht die Gefahr kommen, weiß, dass gleich etwas ganz Schlimmes passiert, als er vor seiner Wohnung steht, die dreijährige Tochter auf den Schultern. Er wählt den Polizeinotruf. Weit kommt er nicht mit dem Sprechen. In dem Anruf sind verzweifelte, panikartige Hilfeschreie zu hören. „Ich werde verprügelt“ ruft der Mann, schreit immer wieder verzweifelt um Hilfe. Es sind mehrere dumpfe Geräusche zu hören, es sind wohl Schläge oder Tritte. Dann tritt Ruhe ein. „Brauchen Sie einen Rettungswagen?“, fragt der Polizist am anderen Ende der Leitung. „Ja, für mich und meine Tochter, die ist von der Schulter gefallen“, sagt dieser. Der Mann erleidet Gesichtsprellungen und Abschürfungen, das dreijährige Kind wird wegen des Verdachts auf ein Schädel-Hirn-Trauma untersucht. Der Verdacht bestätigt sich aber nicht.

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Das ganze hat eine Vorgeschichte, ist das Ergebnis einer gescheiterten Beziehung. Die Täter sind seine Ehefrau, von der er getrennt lebt, und einer ihrer Bekannten. Diese beiden sitzen nun wegen Raubes und gefährlicher Körperverletzung vor dem Meißner Schöffengericht. Bestätigt sich das Tatvorwurf, drohen ihnen harte Strafen. Bei Raub gibt es mindestens ein Jahr Haftstraße, für eine gefährliche Körperverletzung sieht das Gesetz mindestens sechs Monate Freiheitsstrafe vor. Vor allem für den 42-jährigen Mann geht es um einiges. Der hat lange Zeit seines Lebens in staatlichen Einrichtungen verbracht. Zunächst in Kinderheimen, später in Gefängnissen.

Gleich bei seiner ersten Verurteilung erhielt er eine dreijährige Jugendstrafe. Das muss man erstmal schaffen. Zuletzt hat er eine Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten teilweise verbüßt, der Strafrest wurde zur Bewährung ausgesetzt. Diese läuft noch bis 2019. Anlass des Streites ist, dass der Geschädigte seine beiden Kinder nicht zur vereinbarten Zeit zu seiner Noch-Ehefrau zurückbrachte. Er schrieb der Frau, die Kinder hätten Kratzspuren von Katzen und er sei deshalb mit ihnen in ein Krankenhaus gefahren.

Am Abend macht sich die Frau zu ihm auf, will die Kinder holen. Dazu nimmt sie sich Verstärkung mit. Einen Bekannten und dessen Stieftochter. Bei der Auseinandersetzung soll die Frau versucht haben, das Handy des Mannes zu rauben. Dazu habe sie ihn mehrfach gekratzt und gekniffen. Sie behauptet, ihr Noch-Ehemann habe sie ins Gesicht geschlagen. Daraufhin habe ihr Bekannter eingegriffen und den Mann zu Boden gebracht. „Ich wollte der Frau helfen, habe ihn aber nicht geschlagen“, beteuert dieser. Eine Zeugin sagt aber aus, dass sie ihn habe schlagen sehen. Ob auch die Frau zuschlug, da ist sie sich nicht mehr sicher. Sicher ist dagegen, dass das Handy, um das es auch ging, der Noch-Ehefrau des Geschädigten gehörte. Sie wollte es zurückhaben, sagt sie.

Damit scheidet der Vorwurf des Raubes aus, denn Rauben kann man nur fremde Sachen. So bleibt eine versuchte Nötigung. Auch die gefährliche Körperverletzung ist nicht sicher nachzuweisen. Vor allem, ob auch die Frau geschlagen hat, ist unklar. So stellt das Gericht das Verfahren gegen die nicht vorbestrafte Frau gegen eine Auflage ein. Die Arbeitslose muss 60 gemeinnützig Arbeitsstunden leisten. Der Mann hingegen wird wegen Körperverletzung zu einer Haftstrafe von vier Monaten verurteilt. Diese wird für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Der Mann jetzt also unter doppelter Bewährung. Der Richter sieht in dem Notruf den objektiven Beweis, dass der Mann zugeschlagen hat. Es gibt noch einen anderen Notruf, nämlich den der Stieftochter des Angeklagten. „Die verprügeln sich, mein Vater rastet total aus“, hatte diese gesagt. „Das war kein Helfen mehr, Sie haben deutlich überreagiert“, begründet der Richter das Urteil.