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Papierkunst aus der Stuhlfabrik

Steffen Köhler ist der „Paper-Artist“ von Seifersdorf. In seinem Atelier im Grünen entwirft er bleibende Eindrücke.

© Egbert Kamprath

Von Jörg Stock

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Seifersdorf. Wie beginnt ein Paper-Artist den Tag? Er steht zeitig auf, guckt nach den Bienen, schaut, was die Schafe machen und zählt seine Hühner. Und dann geht er mit einem Kaffee ins Atelier. Heute aber sitzt Steffen Köhler mit seiner Frau Nadine und Töchterchen Ari noch am Frühstückstisch, löffelt Obst mit Joghurt. Essen in Familie stärkt die Gemeinschaft, findet er. In solchen Momenten ist er froh, dass er keinen Chef hat, nicht nach der Stechuhr „rammeln gehen“ muss. Freilich, er muss auch Geld verdienen. Aber das Drucken, sagt er, macht er nicht bloß deshalb. „Ich mache das, weil ich es liebe.“

Der Paper Artist

Paper-Artist, das bedeutet Papierkünstler. Der Titel stammt noch aus früheren Jahren, als Steffen Köhler gemeinsam mit einer Partnerin Skulpturen aus Papier fertigte oder großformatige Gemälde. Was er heute macht, mag er nicht unbedingt als Kunst bezeichnen. Es sind Dinge des Alltags, die er entwirft – Visitenkarten, Reklameschreiben, Einladungen, Anhänger, Etiketten – Massenware eigentlich. Nur dass man sowas bei ihm „in schön“ kriegt, sagt er. So bleiben die Botschaften in Erinnerung. In Zeiten der Reizüberflutung ist das, wenn man so will, auch irgendwie Kunst.

Die Druckerei befindet sich in Seifersdorf, gleich neben den Schienen der Bimmelbahn. Das Anwesen war einmal ein Bauernhof, dann eine Stuhlfabrik, anschließend die Zweigstelle einer Sozialfirma, später lange Zeit eine leere Hülle. Steffen Köhler, zuvor in Dresden-Striesen daheim, suchte neue Atelier-Räume – Räume, die auch viel Platz für die Familie bieten würden. In der großen Stadt war das kaum finanzierbar. So zogen die Köhlers 2015 aufs Land. Ein Kompromiss, denn der alte Gewerbebau war nicht wirklich zum Wohnen gemacht. Noch heute muss man zwischen Küche, Stube und Bad immer ein Stückchen über den Hof. Die Köhlers sehen das positiv: So verpasst man wenigstens nicht, frische Luft zu schnappen.

Boston-Tiegel und Krabbelgitter

Auch auf dem Weg zum Atelier ist Frischluft unvermeidlich. Es steht gegenüber vom Wohnhaus am Ufer der Weißeritz. Drin bilden ein rustikaler Ofen und Aris Krabbelgitter das Zentrum. Drumherum ist der Maschinenpark gruppiert: zwei Digitaldrucker, die „Multicut“ zum Schneiden, Nuten und Perforieren, Prägeapparate, eine alte Industrienähmaschine von Pfaff, Kaiserslautern, eine noch ältere Druckerpresse, genannt Boston-Tiegel, von Raue & Co., Leipzig, die Lasergraviermaschine, die Eckenrundungsmaschine, Hebelschere, Papierbohrer, Plotter. Mit diesen Werkzeugen arbeitet Steffen Köhler jährlich 200- bis 300 Aufträge aus ganz Deutschland ab – meistens als „Alleinunterhalter“ und – wenn der Kunde am nächsten Tag schon zum Abholen kommt, – auch mal die ganze Nacht durch. Umsatz 2017: gut eine viertel Million Euro.

Momentan kann Steffen Köhler etwas durchatmen. Der Auftrag von Lange & Söhne für die Uhrenmesse in Genf ist fristgerecht fertig geworden. Die Luxusuhren-Manufaktur lässt immer wieder bei Köhler drucken, etwa Einladungen und Menükarten für exklusive Essen. Auch andere große Namen hat er schon bedient: die Porzellanmanufaktur in Meißen zum Beispiel, den Autobauer Toyota, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin oder die Technische Universität in Dresden. Als der amerikanische Umweltwissenschaftler Rattan Lal 2015 seinen Ehrendoktor erhielt, stammte die Urkunde dafür aus Steffen Köhlers Werkstatt.

Steffen Köhler, gerade 40 Jahre alt geworden, wuchs in Freital-Burgk auf. Schon als Jugendlicher mochte er die Beschäftigung mit Papieren und Bildern. Beruflich spielte das lange Zeit keine Rolle, wohl aber sein Sinn für selbstbestimmtes Arbeiten. Gleich nach der Lehre als Konstruktionsmechaniker machte sich Köhler selbstständig und baute einen Hausmeisterservice auf. Das Unternehmen entwickelte sich gut, scheiterte aber letztlich doch. Für Köhler war das die schicksalhafte Gelegenheit, sein Interesse fürs Gedruckte und vor allem für das Medium Papier neu zu entdecken. Als er einmal eine Kollektion von Feinstpapieren in die Finger bekam, Papiere also, die nicht nur Informationen tragen, sondern die einen Ausdruck und Charakter haben, fand er das geradezu spektakulär. „Da sagte ich mir: Das ist meins!“

Das Aushängeschild der Person


Betätigungsmöglichkeiten sah Steffen Köhler reichlich, vor allem, wenn er die Flugblätter und Werbezettel betrachtete, die damals im Umlauf waren, mit Farbe zugekleistert und mit Buchstaben überfrachtet. „Man wollte so viel Effekt wie möglich, und das wirklich Wichtige ging unter.“ Visitenkarten galten gemeinhin als Wegwerfprodukt, das möglichst wenig kosten sollte. Ein Unding für Köhler: „Das ist doch das Aushängeschild der Person!“

Die Stimmung dreht sich. Im flüchtigen Alltag einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, wird immer mehr Leuten wichtig. Das spielt Handwerkern wie Steffen Köhler in die Karten. Nein, das beschriebene Papier stirbt nicht aus, da ist er sich sicher, auch wenn er selbst, so bekennt er reumütig, seiner Frau nie einen Liebesbrief schrieb. „Nur eine liebe SMS.“

Alle Infos gibts auch im Internet.