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Parteien-Party im neuen Sofia

In Bulgarien beginnen sich die Wende-Verlierer zu rühren.

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Von Norbert Mappes-Niediek,SZ-Korrespondent

Wenn der „Bulgarische Nationalrat“ voll aufdreht, wackeln die Boxen bedrohlich. Der Wahlkampf ist vor allem laut. Da, wo einst das Mausoleum von Georgi Dimitroff stand, hat eine Partei mit anspruchsvollem Namen ihre Party organisiert: Ein Schlagersänger schwingt das Mikro, junge Mädchen in T-Shirts mit dem Partei-Logo wiegen sich im Takt.

Unübersehbare Armut

Weiter hinten, vor dem Iwan-Wassow-Theater, ist der Wahlkampf auch schön bunt: Ein junger Mann im lustigen gelb-grünen Igelkostüm verteilt Flugzettel für die Bewegung „Neue Zeit“, umhüpft von freundlich lächelnden Parteigängerinnen im kurzen Rock, alle in gelb-grün. Eine einzige Party ist der Wahlkampf in der sommerlich heißen Hauptstadt – bis zum abendlichen Bierfest der Sozialisten im Studentenviertel.

Aus dem grauen, nach Zweitakteröl stinkenden Sofia ist in kurzer Zeit eine attraktive, heitere Stadt geworden – mit schicken Läden am Vitosha-Boulevard, interessanten jungen Leuten in den Kneipen drumherum. Wenn die Fete vorbei ist, die Bühnen abgeräumt, die Partytiger in den Kneipen verschwunden sind, kommt auch in der Innenstadt das alte Sofia wieder zum Vorschein.

Eine Familie zündet in den Trümmern eines Abbruchhauses am Alexsandrow-Boulevard ein Feuer an und brät Kartoffeln, Kinder verschwinden in den Müllcontainern und tauchen mit karger Beute wieder auf. In den frühen Morgenstunden strömen alte Leute mit Töpfen zu einem Bad in der Innenstadt, wo es heißes Wasser zum Mitnehmen gibt. „Das neue Bulgarien“, sagt der Sozialwissenschaftler Dotscho Machailow, „das sind vier Straßen.“

Bulgarien, das am Sonnabend zum fünften Mal seit 1990 frei ein Parlament wählt, gilt als ein erfolgreiches Übergangsland: Das Wachstum ist stabil, die Währung auch, Extremismus war bisher weithin unbekannt. Nach Plan soll das „Preußen des Balkan“, von dem Bismarck einmal gesprochen haben soll, trotz seiner Armut am 1. Januar 2007 EU-Mitglied werden.

Von Unzufriedenheit zeugte nur, dass bisher jede der fünf Wahlen seit 1990 mit einer Erdrutsch-Niederlage der jeweils Regierenden endete. Zuletzt 2001 brachte ein Erdrutsch den jetzigen Premier, Ex-König Simeon von Sachsen-Coburg-Gotha, an die Macht. Glaubt man den Umfragen, wird ihn ein neuer Erdrutsch wieder begraben: Die Sozialisten werden danach wohl wieder einmal die stärkste Partei.

Sprachloser Wahlkampf

Es war ein weitgehend sprachloser Wahlkampf mit viel Musik und wenig Reden. Neben den alten „demokratischen Kräften“ haben jetzt auch die „Demokraten für ein starkes Bulgarien“ unter dem neuerdings konservativ gepolten Kostow eine Chance auf höchstens zehn Prozent. Alle anderen müssen vor der Vier-Prozent-Hürde zittern. Wenn die Bulgaren mit ihrer Vorliebe für Erdrutsche nicht für eine Überraschung sorgen.