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Passionsweg von Paul und Pauline

Fehlen dem „Polizeiruf“ die Ideen, hilft der Psychopharmaka futternde Verdächtige aus der Not. So auch in Magdeburg.

Pauline (Alessija Lause) presst ihre Hand um die Rosen, Blut fließt. © ARD

Brasch bleibt Brasch. Die Kommissarin reagiert burschikos. Sie antwortet barsch, wie das so ihrer Rolle entspricht. Sofort beleidigt. Schon gleich zu Beginn, als ihr Chef Lemp sachte seinen Abschied anmoderiert und dabei vom Verlust seines Schattens menetekelt. Was macht seine beste Kraft? Sie reißt ihre zehn gerade kredenzten Rosen zornig vom Tisch und rennt aus dem Büro. Willkommen im „Polizeiruf 110“ aus Magdeburg. Wo die ungeliebten Polizisten alles so verdammt persönlich nehmen, dass jeder jeden anzickt und bockig auf eigene Faust ermittelt. Oder positiv betrachtet – seiner Intuition folgt und dabei ganz nebenbei neue Fährten findet.

Die Macher brauchen dieses krimiweit bewährte Muster für den Aufbau der Handlung und die erhoffte Spannung. Auf den Zuschauer aber wirkt es spätestens seit der Handball-WM eher als abpfiff-würdiges Zeitspiel. Weil eben völlig frei von Finten und Finesse. So auch im „Polizeiruf“ aus Magdeburg. Wo ein vermeintlicher Serienmörder umgeht, junge Frauen tötet und als Ausdruck seines Triebes die Waden der Opfer hübsch verschnürt.

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In der Ausstellung der OSTRALE Biennale O19 setzen sich verschiedene Künstler mit dem Thema Afrika auseinander. 

Schicke Spur, bloß erkennt doch heute wahrscheinlich fast jeder Laie die Unterschiede zwischen Seemanns-Knoten, Bondage-Fesseln und Wäscheleinen-Gewickel. Wobei Letzteres ja schon wieder Retro-Charme besitzt. Ganz entgegen dem ost-obligatorischen Wartburg, mit dem der Psychopharmaka futternde Verdächtige durch die Straßen knattert, begleitet von seinem treuen Rottweiler. Die traurige Figur repräsentiert die hohe Schule des Stereotyps: Sozialklischee statt Nervenkitzel.

Der zehnte Fall aus Magdeburg benutzt das schwere Schicksal einer Transsexuellen und verwickelt Paul/Pauline ziemlich plump in die Mordfälle. Ihr durch Rückblenden erzähltes Schicksal rührt, ihre unendliche Einsamkeit schmerzt, ihre Geschichte besitzt Größe: Da wirkt das Konstrukt mit den ermordeten Freundinnen geradezu grotesk. Und dann muss die Arme natürlich auch noch mit der Pulle im Arm gegen ihren Kummer antanzen. Gehört diese Szene eigentlich zum Pflichtprogramm aller Krimi-Drehbuchautoren? Mittlerweile nervt sie.

Kein Wunder, dass schon bald der nächste Schauspiel-Kollege von Kommissarin Brasch das Weite sucht – Köhler hört auf. Auch diesmal beleben seine lakonische Art und seine feinen ironischen Sprüche die sonst so klassisch deprimierende Stimmung des Krimis. Die mündet dann im Fangschuss für den guten alten Freund des Kommissariatsleiters. Fürs versöhnliche Finale besitzt die Kugel gar magische Wirkung: Der Chef sieht wieder seinen Schatten, bleibt in Magdeburg und bekommt von Brasch die mittlerweile verwelkten Rosen zurück. Und Pauline? Sie findet die Liebe und der Zuschauer endlich Erlösung.