merken

„Pegida hat uns kalt erwischt“

Gunther Emmerlich über Ängste in der Gesellschaft, Kritik an der Asylpolitik und die Demonstration am Sonnabend.

© K.-D. Brühl

Herr Emmerlich, am Sonnabend (10. Januar) will Dresden gegen die „Pegida-Bewegung“ auf die Straße gehen. Warum dauert es so lange, bis der sogenannte Bildungsbürger sich bewegen lässt?

Pegida hat uns kalt erwischt. Wir haben nicht damit gerechnet, dass solche Proteste einen derartigen Zulauf haben. Da formiert es sich nicht so leicht. Deshalb ist es umso wichtiger, dass am Sonnabend viele der Vernünftigen zusammenkommen.

August Holder GmbH
Zuverlässigkeit und Erfahrung
Zuverlässigkeit und Erfahrung

Kettensäge kaputt oder Profi-Gerät für´s Wochenende gesucht? Bei HOLDER kein Problem: Onlineshop, Werkstatt und Leihservice sorgen für funktionierendes und passendes Gerät.

Wenn Sie Vernünftige sagen, dann meinen Sie gleichzeitig, dass die anderen unvernünftig sind. Aber stimmt das?

Ich bin gegen jede Art von Verteufelung. Es stimmt nicht, dass da nur Idioten, Mitläufer oder Unvernünftige protestieren. Wenn Leute anderer Meinung sind, dann ist es ihr gutes Recht, auf die Straße zu gehen. Das ist der Vorteil der Demokratie. Aber es muss auch erlaubt sein, dass ich anderer Meinung bin als sie und darüber muss man miteinander reden. Ist nur schlecht, wenn die einen gar nicht reden wollen.

Können Sie die Ängste der Menschen, die da montags demonstrieren, nicht verstehen?

Doch, kann ich. Aber ich denke, es wird zu kurz gesprungen, nicht zu Ende gedacht. Ich finde ja auch zum Beispiel den Slogan „Nazis raus“ falsch. Wo sollen sie denn hingehen, wir haben sie doch in unserer Gesellschaft erzeugt, also müssen wir uns mit ihnen auseinandersetzen, wir müssen uns austauschen über die Ängste, denn sie sind schließlich da.

Es scheint so, als würde die Kritik vieler Menschen von den etablierten Parteien, von Verantwortlichen in den Kommunen oder im Land nicht mehr gehört. Teilen Sie die Einschätzung?

Das ist ja nicht neu. Aber ich stelle immer wieder folgendes Phänomen fest: Wenn ein Mensch erfolgreich ist, dann schreibt er es sich selber zu. Bei Misserfolg in der eigenen Biografie wird meistens die Gesellschaft verantwortlich gemacht. Natürlich muss sich die Gesellschaft eingestehen, dass manches nicht gut organisiert ist, aber im Zweifel muss man sich das auch selbst eingestehen.

Was aber, wenn mitten in einem kleinen Dorf plötzlich ein Aufnahmelager für Flüchtlinge entsteht und keiner darauf vorbereitet ist?

Dann ist das nicht in Ordnung. Ich bin Ehrenbürger von Eisenberg und genau dort ist das passiert. Das Aufnahmelager ist völlig überfüllt, Migranten laufen deshalb durch den Ort, hocken am Straßenrand, pinkeln an Bäume. Das wäre auch bei deutschen Männern nicht in Ordnung. Aber deshalb können wir nicht nur sagen, das gehört sich nicht, weg damit, sondern wir müssen bessere Bedingungen schaffen, sodass sich jeder, egal ob Deutscher oder Flüchtling, wohlfühlt, dass er nicht am Straßenrand hocken muss. Und leider sind damit Kommunen teilweise zurzeit schwer überfordert.

Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach sagt, Pegida wäre keine gesamtdeutsche Bewegung, sondern auf den Osten und Dresden begrenzt. Wie sehen Sie das?

Was für eine Fehleinschätzung. Die Sorgen und Ängste gibt es überall. Auch als Nazis in den 1990er-Jahren in Rostock oder Hoyerswerda Anschläge verübten, sollte das ein ostdeutsches Phänomen sein. Rechte Gesinnung lässt sich jedoch nicht auf Landesgrenzen reduzieren, es ist ein deutsches, ja ein europäisches Phänomen. Dresden dient aber auch in diesem Fall mal wieder als Wallfahrtsort. In gewisser Weise widerspiegelt die Auseinandersetzung in der Stadt die gesellschaftliche Diskussion. Und deshalb ist die Demonstration am Sonnabend jetzt auch so wichtig.

Wen würden Sie gern auf der Straße sehen?

Das kann ich ja nicht bestimmen. Aber ich denke oft, dass die vernünftigen, die friedfertigen Muslime, die in Sachsen, die in Deutschland leben, ebenfalls dabei sein sollten. Sie sollten mitkommen.

Gerade wieder gab es einen Anschlag in Frankreich. Können Sie verstehen, dass sich andere Religionsgemeinschaften gegen die Ansprüche oder die Arroganz der westlichen Welt wehren?

Weiterführende Artikel

Yellow Umbrella produziert Anti-Pegida-Song

Yellow Umbrella produziert Anti-Pegida-Song

Protest zu Reggae-Klängen: Die Dresdner Band Yellow Umbrella hat mit zwei Leipziger Musikern einen No-Pegida-Song produziert. Er soll am Samstag bei der Kundgebung vor der Frauenkirche gespielt werden.

Demonstration für ein weltoffenes Dresden

Demonstration für ein weltoffenes Dresden

Stadt und Freistaat haben zur Kundgebung am Sonnabend aufgerufen. Gewerkschaften, Kirchen und der Sport stehen hinter dem Gedanken.

AfD und Pegida auf getrennten Wegen

AfD und Pegida auf getrennten Wegen

Zweckbündnis oder Konkurrenz? AfD und das Anti-Islam-Bündnis Pegida haben inhaltlich Schnittmengen. Doch beide wollen auch künftig auf getrennten Ebenen wirken. Die Partei habe keinerlei strategische Interessen bei der Annäherung an Pegida. Das ist ein Ergebnis des umstrittenen Gesprächs der beiden, das ursprünglich im sächsischen Landtag stattfinden sollte.

Was läuft in Dresden anders?

Was läuft in Dresden anders?

In anderen Städten sind die Gegner Pegida zahlenmäßig weit überlegen. Darauf hoffen nun auch Politiker für Dresden.

Ich kann keinerlei Gewalt nachvollziehen. Das geht nicht. Was ich aber weiß ist, dass einerseits eine Trennung von Religion und Staat notwendig ist, dass aber andererseits die westliche Welt nicht so tun sollte, als könnte sie anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben. Das ist ein Fehler. Zu einem Gastspiel im spanischen Toledo habe ich gesehen, wie christliche Kirchen, Synagogen und Moscheen nebeneinander standen. Und die waren schon 800 Jahre alt. Offensichtlich haben wir vergessen, dass ein Miteinander der Religionen möglich ist. Wir müssen es nur leben.

Das Interview führte Peter Ufer