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Pendler-Stadt Riesa

© Sebastian Schultz

Ob Richter, Bankenvorstand oder BA-Student – immer mehr Menschen fahren mit dem Zug zur Arbeit.

Von Stefan Lehmann

Riesa. Als der Regionalexpress in Wurzen hält, entfährt einem jungen Mann beim Blick nach draußen ein leiser Fluch. Dort steht eine Gruppe von reichlich 20 Schülern und ihren Lehrern. Bisher konnte der Mann in Ruhe sein Buch lesen. Damit ist es jetzt vorbei, befürchtet er. Sicherheitshalber tritt er den Rückzug an, in eins der hinteren Zugabteile.

Etwa zur gleichen Zeit geht es im ICE von Leipzig nach Riesa deutlich ruhiger zu. In den gepolsterten Sitzen haben es sich vornehmlich Hemd- und Anzugträger bequem gemacht. Ein Herr nippt an seinem Kaffee und studiert auf dem Smartphone die Nachrichten, während sich zwei Damen angeregt über ihren letzten Arbeitstag in Dresden austauschen.

Gerade Berufspendler, die nicht nur zwei, drei Stationen zurücklegen, nutzen den ICE-Halt in Riesa. Den wenigsten geht es dabei um den etwas größeren Komfort oder gar das Bordbistro – sondern um die Zeitersparnis. Er ärgere sich immer über den Lkw-Verkehr auf der A 14 und der B 169, erzählt ein Mann mit Kurzhaarschnitt. Mit dem Zug reisen, das sei schon entspannter und deutlich schneller. So sieht das auch Thomas Herm. Der Konzertplaner der Elbland Philharmonie fährt jeden Tag mit dem ICE aus Leipzig nach Riesa. „Ich pendle wegen der Familie – und nehme den Zug wegen der Zeitersparnis“, erklärt Herm. „Riesa ist zwischen Dresden und Leipzig so günstig angebunden, dass das Auto für mich keine Alternative darstellt.“ Zumal ihn der Bus vom Bahnhof direkt zu seinem Arbeitsplatz bringe.

Wie er denken offenbar immer mehr Menschen. Der Zug erfreue sich zunehmender Beliebtheit, sagt der Sprecher des Verkehrsverbundes Oberelbe (VVO), Christian Schlemper: „Die gute Wirtschaftslage macht sich bemerkbar.“ In den vergangenen Jahren sei die Zahl der Fahrgäste gestiegen. Gerade im Bereich der Abo-Tickets, die vor allem von Pendlern genutzt werden. Mehr als 3 000 Fahrgäste steigen an einem durchschnittlichen Wochentag am Riesaer Bahnhof ein beziehungsweise aus.

Der VVO reagiert auf die Nachfrage, gerade erst hat er angekündigt, dass künftig ein weiterer Zug zwischen Leipzig und Dresden verkehren soll. Und auch die Befürchtung, der ICE-Halt in Riesa könnte wegfallen, hat im Januar ein vorläufiges Ende gefunden: Bis auf Weiteres steht ein Wegfall nicht zur Debatte. Von der Autobahn mag Riesa abgehängt sein, die Zuganbindung dagegen ist so gut wie in keiner anderen sächsischen Stadt dieser Größe. „Nach Riesa bin ich ein Mal mit dem Auto gefahren, zum Dienstantritt“, erzählt eine Frau mit Brille und lockigem Haar. Eine schöne Strecke sei das gewesen, aber von Dresden aus sei ihre Arbeitsstelle einfach schlecht zu erreichen. Seit einigen Wochen gelten die Jobtickets des VVO auch in den Fernverkehrszügen. „Das spart auch noch eine Menge Geld.“ Und eine halbe Stunde Fahrtzeit mit dem ICE in Richtung Dresden oder Leipzig, das könne man wirklich gut aushalten.

Ob Berufsschüler, Studenten oder Universitätsmitarbeiter, ob Banker oder Richter am Amtsgericht, sie alle trifft man im Zug von oder nach Riesa. Das dürfte auf absehbare Zeit auch so bleiben. Aktuell arbeiten laut Agentur für Arbeit mehr als 5 000 Menschen außerhalb der Stadt; umgekehrt kommen 6 800 von außerhalb ins Stadtgebiet gefahren, um zu arbeiten. Und im vergangenen Jahr pendelten 60 Prozent aller Arbeitnehmer zur Arbeit – so viele wie noch nie. Damit dürfte auch die Bahnstrecke und insbesondere der ICE-Halt für Riesa bedeutend bleiben – auch wenn der streng genommen nur eine Viertelstunde schneller ist als die Züge des Nahverkehrs. „Die halbe Stunde Zeitersparnis im ICE pro Tag ist Lebenszeit und das Geld wert“, sagt Konzertplaner Thomas Herm. Ein Wegfall des ICE-Haltes wäre ein Rückschlag für Riesa, sagt er. Nicht nur, weil viele Pendler länger reisen müssten. Auch die Großveranstaltungen in der Arena profitierten beispielsweise von der günstigen Anbindung. „Der ICE-Halt gehört zu dieser Stadt dazu.“