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Personal-Tohuwabohu bei der Linken

Gregor Gysi hat Sahra Wagenknecht als zweite Fraktionschefin abgewehrt,Gesine Lötzsch will trotz Kritik Parteichefin bleiben.

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Von Peter Heimann, Berlin

Gregor Gysi ging den Gang mal mit Sahra Wagenknecht vom radikalen Parteiflügel entlang, mal mit deren Parteifeind Dietmar Bartsch von den Reformern. Dann wieder mit Klaus Ernst, einem der beiden amtierenden Parteivorsitzenden. Auf jeden redete der kleine Anwalt ein, als ginge es um alles.

Tatsächlich mühte sich die politische Konkurrenz gestern ringsum auf der Fraktionsebene des Reichstages wenn schon nicht um die Rettung der Welt, so doch um die Europas und seiner Währung. Die Linke, speziell ihre Bundestagsfraktion, rettete derweil mal wieder sich selbst. Und der wichtigste Teil der Kaderentscheidung über die Besetzung des Fraktionsvorstandes wurde eben von Gysi mit den Kandidaten auf dem Flur zwischen Unions- und FDP-Fraktion ausgekungelt, weit weg von den eigenen Genossen. Die Einzige, die dabei fehlte, war die Parteivorsitzende Gesine Lötzsch. Die aß am Imbisswagen vor dem Clara-Zetkin-Fraktionssaal ein Würstchen.

Lötzsch hatte ihren großen Auftritt schon am Vormittag in der ARD. Ganz allein, ohne intensive Abstimmung mit ihren Spitzenkollegen, verkündete sie dort überraschend ihre Kandidatur für eine weitere zweijährige Amtszeit beim Parteitag im Juni 2012. Damit wolle sie das „Katz- und Mausspiel“ in der Personaldebatte beenden, sagte sie. Sie forderte auch andere potenzielle Kandidaten auf, ihren Hut in den Ring zu werfen. Lötzsch selbst, so hieß es gestern, hatte Sorge, sich im Personal-Gestrüpp zu verheddern. Erste Stimmen plädierten für einen vorgezogenen Wahlparteitag, Oskar Lafontaine lässt vernehmbar offen, ob er zurückkommt, Sahra Wagenknecht hätte sich gestern womöglich auch auf den Weg zur Parteispitze gemacht, falls sie nicht neben Gysi an die Fraktionsspitze gestellt würde. Und so kam es dann auch.

Gysi wollte auf jeden Fall verhindert, ausgerechnet mit Wagenknecht die Macht zu teilen. Deren Aufstieg hatte er schon in der PDS verhindert. Auch gestern hat er sein Personalproblem letztlich erfolgreich gelöst – mit 47 gegen 25 Stimmen. Jetzt sollen die radikale Kapitalismus-Kritikerin Wagenknecht und die frauenpolitische Sprecherin Cornelia Möhring 1.Stellvertreterinnen Gysis werden. Dietmar Bartsch, der frühere Bundesgeschäftsführer, und der Ost-West-Beauftragte Ulrich Maurer sollen am 8. November zu „normalen“ Vizes gewählt werden.

Wagenknecht, die als größtes politisches Talent in der Linken neben Gysi und Oskar Lafontaine gilt, ist damit auch wieder eine potenzielle Kandidatin für den Parteivorsitz. Dass aber tatsächlich noch sieben Monate vergehen werden, bis an dieser Stelle Klarheit geschaffen wird, glauben nur die wenigsten in der Partei. Der Schulterschluss des Erfurter Harmonie-Parteitags mit den Lobgesängen auf die Geschlossenheit hielt noch nicht mal zwei Tage.